Mädchen und Unbedarftheit

Ich war ein Arbeiterkind. Die meisten Kinder und Jugendlichen hatten keine Väter mehr, die waren in Russland oder Afrika irgendwie unter der Erde. Damals bemühten sich die Frauen sehr, die mussten schuften für ihre Blagen. Wir hatten Jugendgruppen mit 18 Jungen, da war nur einer drin, der noch einen Vater hatte. 

Diese ganze Gruppe hatte gelegentlich im Vorbeigehen gesehen, da ist wieder ein Fest oder so. Wir waren auch nicht neidisch, denn wir hatten eine ganz andere Welt. Mädels beispielsweise waren für mich Kameraden, wir haben nie daran gedacht unter den Rock zu gucken oder so, und auch die Mädels uns gegenüber, wir hatten ganz andere Verhältnisse, das war eine andere Welt. Wir hatten ja auch keine anderen Möglichkeiten.

Zum Thema Aufklärung: Ich bin unter Frauen groß geworden. Die Männer waren alle im Krieg, mein Vater war wochenlang, monatelang auf der Arbeit, wo Panzer gebaut wurden. Ich war also umringt von Frauen und Mädchen groß geworden. Ich hatte da keinerlei Probleme, auch später nicht. Ich habe meine Mutter mal gefragt, woher die Kinder kommen, sie hat es gut erzählt, und damit war das Thema für mich abgeschlossen. 

Erste Liebe und große Enttäuschung

Bei den Roten Falken war ein Mädel, die war in der Oberschule, hoch begabt, aber sehr unpraktisch. Die hatte mal irgendeinen Mist gebaut und war ganz mit sich verkrampft. Ich kam ja aus der anderen Ecke und war praktisch veranlagt. Ich habe mir dann ein bisschen überlegt, wie ich ihr helfen könnte und habe einen Trick gefunden, wo sie sich mit retten konnte. Dann sagte sie ganz enttäuscht: Du bist ein richtiger Schuft. Als wir uns später in Heißen für die Falken ein Haus gebaut hatten, kam ich mal dort herein und hörte, wie sie hinten rief: Wo ist denn mein Schuft? Ich habe mich so mies gefühlt.

Da sie hochbegabt war, ging sie für ein ganzes Jahr zur weiteren Ausbildung in die USA.  Kurz darauf kam sie nach Mülheim zurück. Als sie wieder rüber in die USA ging, sagte sie: „Ich besorge für dich jemanden, dann kannst du auch hinkommen.“  Man benötigte damals eine schriftliche Bestätigung eines Dritten, dass dieser im Notfall für mich bürgen und aufkommen würde.

Ich hatte alles organisiert und mein Geld zusammengehalten. Damals fuhr man mit Schiffen aus den Niederlande über den großen Teich, wie man sagt. Grote Bär hieß das Schiff, der große Bär, für das ich schon die Fahrkarte besaß. Dann kriegte ich auf einmal aus den USA per Fax die Nachricht, der Mann war arbeitslos geworden und konnte mich nicht mehr beschützen. 

Isetta und Heirat

Na schön, ich habe mir stattdessen eine Isetta gekauft, weil ich ja nicht mehr weg konnte. Und dann kam meine Freundin – für uns war das eigentlich klar, wir wollten zusammenbleiben –  aus den USA zurück mit einem dicken Bauch. Später habe ich dann erst erfahren, dass man sie betäubt hatte, irgendwie. 

Aber ich war so niedergeschlagen und verletzt! Ich hatte sie mit der Isetta noch irgendwohin gebracht und dann nie mehr gesehen. Ich wollte sie auch nicht mehr sehen. Ich war so verletzt und enttäuscht! Ich glaube sechs, sieben Jahre habe ich gebraucht, bis ich wieder eine Freundin kriegte. Sie war wesentlich jünger als ich, und wir haben dann auch geheiratet und bis zum Ende – sie ist mit 61 Jahren gestorben – bestens zusammen gelebt. 

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