Die Bunker-Weihnachten meiner Kindheit

Frau Storks, Jg 1939

Weihnachten 1943

Ich war schon 4 Jahre alt und wir lebten wegen der vielen Bombenangriffe eigentlich nur noch im Bunker. Dann kam die Nachricht: Wer wollte, durfte an Weihnachten auf eigene Gefahr nach Hause gehen. Es waren traurige Weihnachten, weil mein Vater fehlte. Aber die Großeltern waren da und haben auch Essen mitgebracht. „Essen“ war damals ein großes Thema. 

Aber auch an Weihnachten mußten  wir wieder in unseren Luftschutzkeller im Haus aufsuchen. Direkt neben unserem Haus schlug eine Bombe ein. Uns war nichts passiert, aber wir waren über und über mit Ruß bedeckt, der durch die Explosion der Bombe durch den Kamin hereingedrückt wurde. Im gegenüberliegenden Haus war alles zerstört, und die Häuser ringsum lagen alle in Schutt und Asche. Wir hatten so ein Glück, dass wir aus dem Keller und unserem Haus wieder lebend herausgekommen sind. Weinende Menschen und auch einige Verletzte irrten umher und hatten alles verloren – und das an Weihnachten! Provisorisch haben wir und die Nachbarn einige Leute solange aufgenommen, bis dann eine andere Lösung gefunden wurde. 

Weihnachten 1944

Der folgende Winter kam sehr kalt mit Eis und Schnee daher. Viele Leute – vor allem ältere Menschen – verbrachten Tag und Nacht im Bett, dick angezogen und  zugedeckt mit allen möglichen Sachen. Der Hunger kam auch dazu, und heißes Essen gab es kaum. Man sah auch immer mehr weinende Menschen, die Angehörige durch Bombardierung oder verschiedene Krankheiten verloren hatten oder deren Väter und Söhne an der Front gefallen waren. Selbst ältere Männer, die nicht mehr als Soldaten eingezogen waren, habe ich oft weinen sehen. 

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie noch niemals ein so schlimmes Weihnachtsfest erlebt hatte. Sie sagte, dass seit der Nacht vor Heiligabend, am ersten Weihnachtstag und bis nachmittags in den zweiten Weihnachtstag hinein Angriff auf Angriff geflogen worden wäre. Einen Tannenbaum gab es sowieso nicht, aber die Erwachsenen hatten irgendwelche Zweige zusammengebunden und mit schmalen bunten Stoffstreifen geschmückt. Irgend jemand hat auf einer Mundharmonika Weihnachtslieder gespielt, und sobald die Lieder zu hören waren, haben in den sämtlichen Gängen des Schlackenberges alle Leute mitgesungen. Es wurde gesungen und auch geweint. Geschenke gab es natürlich auch keine, man war ja nur froh, am Leben zu sein. 

Weihnachten 1945

Das erste Fest nach 6 Jahren Krieg! Obwohl noch alle Dinge knapp waren, haben wir zusammen mit unserer Familie und auch mit unseren unmittelbaren Nachbarn Heiligabend und Weihnachten gefeiert. Der Tannenbaum wurde irgendwo gefällt, weil sowieso viele Bäume gefällt wurden, damit man heizen konnte. Wir hatten  statt des Wohnzimmers eine sehr große Wohnküche  mit einem großen Ofen und ein Schlafzimmer. Leider war die Toilette eine Etage tiefer. Weil wir also die großen Räumlichkeiten hatten, waren die Nachbarn, meine Familie und die Großeltern usw. alle bei uns, und jeder brachte etwas mit. Alles wurde vorher abgesprochen: Was können wir kochen?, Was können wir machen? Manche brachten auch Briketts oder Holz mit. Man konnte Kohlen kaufen, aber wer hatte dafür schon Geld! Es wurde ja auch alles zum Heizen in den Ofen gesteckt, Kartoffelschalen oder was auch immer, es wurde alles verbrannt. Man brauchte ja immer heißes Wasser – auch zum Baden einmal in der Woche. 

A child is born

CV Konzert 15.12.2013
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