Engelsdienst

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich nach ziemlich anstrengenden Arbeitswochen Heiligabend ins Lipperland fuhr, um meinen Bruder zu besuchen. Schon in der Nacht vom 23. auf den 24. Dezember war es kälter geworden, und am 24. morgens fing es an zu schneien. Von Bielefeld aus waren einige Leute mit mir im Zugabteil zusammen. Wir kamen in ein Gespräch. Von Station zu Station wurden es weniger. Zuletzt waren außer mir nur noch zwei Leute im Abteil, und als die beiden ausstiegen, wandte sich einer noch einmal um und sagte: „Also, wenn der Zug jetzt an der nächsten Station wieder hält, dann müssen sie schnell aussteigen.“ 

Der Zug fuhr weiter. Vorsichtshalber zog ich mir den Mantel an, um zum Aussteigen bereit zu sein, wenn der Zug hielt. Es dauerte auch nicht lange, da ruckte er plötzlich – und stand. Ich öffnete die Tür – noch immer dichtes Schneetreiben. Ich schaute nach unten – der Zug war ziemlich lang – und dachte: So ein kleiner Bahnhof wird keinen so langen Bahnsteig haben. So kletterte ich herunter, einen Koffer in der Hand, eine Tasche über die Schulter gehängt. Als ich mich ein bisschen zu orientieren versuchte, ruckte der Zug an und fuhr weiter. Ich schrie: „Halt! Halt! Hier ist ja gar kein Bahnhof! Ich muss noch mit!“ Aber der Zug war schon im Rollen. Ein Aufspringen war unmöglich. Da stand ich nun unser nur noch die roten Lichter verschwinden. Was sollte ich jetzt machen? 

Ich stapfte durch den Schnee, immer an den Gleisen entlang, mit dem Gepäck die Balance haltend und immer noch mit einem Ohr nach hinten hörend, um nicht von einem eventuell kommenden Zug überrollt zu werden. Plötzlich blieb ich wie angewurzelt stehen, den aus dem Schatten hatte sich eine Gestalt gelöst. Ich erschrak. Was machte um diese Zeit hier ein Mensch? Ich blieb stehen und rief die Gestalt an. Keine Antwort! Ich begann weiterzugehen, und da bewegte sich der Schatten auch wieder – kam den Bahndamm entlang, und ich wusste ganz bestimmt: In dieser weiten Einsamkeit kommt ein Mensch auf mich zu. Beim Näherkommen konnte ich ihn erkennen: ein Mann mit tief ins Gesicht gezogenem Hut und Lodenmantel. „Hallo! Wir sind Sie? Ich bin zu früh aus dem Zug gestiegen und laufe jetzt schon eine ganze Zeit an den Schienen entlang. Ich möchte nach H. – können Sie mir helfen?“ Als Antwort brummte etwas in sich hinein, nahm dann aber meinen Koffer und wir gingen gemeinsam von den Schienen zu einer Straße hin. In meiner Freude, ein helfenden Menschen gefunden zu haben, sprudelte es nur so aus mir heraus raus: „Wie froh und dankbar bin ich, dass Sie hier waren. Sie schickt mir der Himmel. Ich weiß nicht, ob ich es allein bis nach H. geschafft hätte, allein, und immer von Schwelle zur Schwelle. Welch ein Glück, dass wir uns getroffen haben!“ 

Mein Begleiter sagte immer noch nichts. Ich wollte sein Schweigen respektieren und sagte auch nichts mehr. Schweigend gingen wir so hintereinander her. Nach ein paar Hundert Metern kamen wir um eine Straßenkurve, und dort stand ein Auto. „Ist wohl Ihres!“, sagte ich. Er nickte mit dem Kopf. Dann öffnete den Kofferraum, legte mein Gepäck hinein, und mit einer Handbewegung – wiederum ohne ein Wort zu sagen – öffnete er die Tür zum Beifahrersitz und ließ mich Platz nehmen. Er setzte sich ans Steuer und wir fuhren auf der verschneiten Straße langsam voran. 

Plötzlich, ganz unvermittelt, fragte er mich: „Glauben Sie an Engel?“ Ich war perplex. Nach so langem Schweigen, nach so viel Zurückhaltung jetzt solch eine Frage. „Ja, schon“, erwiderte ich. „An so einem Abend, da ist einem das ja auch viel näher als sonst. Jetzt, wo da und dort – wo überall – die Weihnachtsgeschichte gelesen wird – von den Hirten und den Engeln!“ Er unterbrach mich: „Glauben Sie an Engel heute?“ – „Ich weiß nicht recht“, sagte ich, „Engel heute … vielleicht so, dass wir sie gar nicht mehr bemerken, weil sie uns nicht mehr in jener Lichtgestalt begegnen wie damals auf den Feldern von Bethlehem. Es mag schon sein, dass heute jemand einem Engel begegnet – etwas, was ihn bewahrt – oder was ihn führt, oder…“ Da platzte es aus ihm heraus: „Sie sind heute einer für mich!“ 

„Ich? Wieso ich?“, fragte ich zurück. Und dann erzählte er: „Ich bin heute an die Bahnlinie gefahren, um mit mir Schluss zu machen. Ich hielt das einfach nicht mehr aus. Ich war an einem Tiefpunkt angelangt.“ Er erzählte mir, was ihn dahin gebracht hatte, und schloss mit den Worten: „Und dann kommen Sie! Rufen mich an, dass ich Ihnen helfen solle! Gerade im richtigen Augenblick für mich.“ Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, was ihm geschehen sei. „Mir“, sagte er, „begegnet am Heiligen Abend ein Engel! Der liebe Gott hat mich nicht alleingelassen!“ 

Wir haben dann nicht mehr viel geredet. Was gesagt werden musste, war gesagt. Er fuhr mich mit seinem Auto in meine Pension in H., half mir beim Aussteigen, setzte sich wieder hinter das Lenkrad und rief mir zu: „Danke für ihren Engelsdienst! Danke!“ Und fuhr langsam davon. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber diesen Heiligen Abend werde ich mein Leben lang nicht vergessen. 

Wilhelm Bartmann

Hier leiden wir

aus: Oh Heiland, reiß die Himmel auf

CV Konzertmitschnitt vom 06.12.2006
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1 Gedanke zu „Engelsdienst“

  1. Eine beeindruckende Geschichte. Ich habe gemerkt, wie ich beim Lesen den Atem angehalten habe. So eine Begebenheit kann man kaum vergessen.

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