Berufsleben

Einige Monate, bevor ich meine mittlere Reife erreicht hätte, verließ mich die Lust weiterhin eine Schule zu besuchen. Alle Freundinnen um mich herum verdienten bereits ihr Geld, nur ich nicht. Zwar war das nicht im Sinne meiner Mutter, aber mein Vater erkannte rasch, dass da nichts zu machen war. 

Ich muss dazu sagen, ich begann im Vorfeld nur noch 5en und 6en absichtlich zu schreiben. Meine Mutter musste daraufhin zur Schule kommen, und sie wurde gefragt, was in unserer Familie los wäre, ob es erhebliche Probleme gäbe, weil ich ja derartig abgerutscht war. Mein Vater hatte die Arbeiten dann immer unterschrieben, also hinter dem Rücken meiner Mutter.

Geld verdienen statt Schule

Von dem Berufswunsch, mit Tieren zu arbeiten, konnte mein Vater mich gerade noch abbringen, wusste er doch, dass mich das emotional zu sehr treffen würde, müsste ein Tier zum Beispiel eingeschläfert werden. So wuchs langsam bei mir der Wunsch, ich könnte ja auch Menschen helfen, heran.

Mein Vater war da mein Verbündeter. Wir beschlossen einen Pakt, weil wir nur so meine Mutter überlisten konnten. Mein Vater unterstützte mich also bei der Suche nach einer passenden Ausbildung, und schon bald fiel ihm eine Anzeige eines bekannten Internisten in die Hand, der eine Arzthelferin zur Ausbildung suchte. Ich beschloß, mich dort in der Praxis vorzustellen. Es war Rosenmontag, und da es damals noch kein schulfrei gab, machte ich mich morgens ganz normal fertig, als würde ich die Schule aufsuchen, denn meine Mutter sollte von meinen Plänen nichts merken, da sie diese sicherlich verhindert hätte. Meinem Vater gab ich Bescheid, dass meine Schultasche bei meiner Oma im Stall hinterlegt sei.

Meine Tante, die eine Gaststätte in Oberhausen betrieb und am Rosenmontag mit besonders vielen Gästen rechnete, hatte meine Mutter im Vorfeld gebeten, dort auszuhelfen, auch weil der Rosenmontagszug zum ersten Mal wieder durch Oberhausen ging. 

Vorstellungsgespräch

Dann zog ich los, stellte mich morgens um 8.00 Uhr vor die Praxis und schellte. Der Arzt öffnete, ich stelle ihm mein Anliegen vor, er lachte mich an und sagte: „Im Moment geht es nicht, aber kommen Sie um 10.00 Uhr wieder.“ Wie der Teufel das so will, gehe über die Marktstraße in Oberhausen, und so dumm, wie ich in dem Moment war, gehe ich an der Gaststätte meiner Tante vorbei. Und wer steht draußen? Meine Mutter! „Was machst du denn hier? Ich denk’, du bist in der Schule!“ – „Ich habe die Straßenbahn verpasst.“ Diese Lüge nahm sie mir natürlich nicht ab. Ich hatte Herzklopfen ohne Ende, aber ich musste ja durch Oberhausen laufen, um die zwei Stunden zu überbrücken. 

Das anschließende Vorstellungs-Gespräch mit dem Arzt verlief sehr angenehm, und zum Ende fragte er mich, wann ich denn anfangen könne. Meine Antwort lautete: Morgen. Er lachte und wollte wissen, ob meine Eltern mit meinem Vorgehen einverstanden seien. Wahrheitsgemäß gestand ich ihm,  das ich ihm diese Frage nicht genau beantworten könnte, aber ich mit ihnen sprechen würde.

Praktikum

Wir einigten uns dann erst einmal auf ein Praktikum, bis alle Formalitäten erledigt waren. Von darauf folgenden Aschermittwoch bis Freitag lernte ich die Praxis dann kennen. Nach dem anschließenden Wochenende sollte ich noch eine Woche über meinen Entschluss nachdenken und den Montag darauf  meine Tätigkeit aufnehmen.  

Vom Praktikum war ich begeistert. Von sämtlichen Einblicken war ich fasziniert, besonders das große Potential an Lernmöglichkeiten in dieser Praxis war enorm. Es gab das Röntgen, ein Labor, in dem umfangreiche Untersuchungen stattfanden, Infusionen wurden gelegt, EKGs wurden in verschiedenen Arten abgeleitet, der Kontakt zu den Patienten stand besonders im Vordergrund, ach, und noch so viele andere interessante Tätigkeiten. Ich merkte schon bald, ja, dies ist die richtige Entscheidung für mich.

Für die ausgeschriebene Stelle gab es mit mir insgesamt 11 Bewerberinnen. Nach drei weiteren Tagen wurde ich nochmals in der Praxis vorstellig und erhielt tatsächlich die Zusage für die Lehre zur Arzthelferin. Der dafür erforderliche Vertrag wurde mir ebenfalls übergeben. Dazu gehörte als Dank für das Praktikum ein Umschlag, der eine Geldsumme und 2 Kinokarten enthielt.

Reaktion der Eltern

Einen Wermutstropfen gab es aber: Während sich mein Vater freute, dass ich die Stelle bekommen hatte, fiel meine Mutter aus allen Wolken und sagte. „Nein, Du gehst weiter zur Schule.“ Dann war Stille. 

Aber ich  blieb standhaft. Am Morgen nach dem ersten Vorstellungsgespräch fuhr ich zur Schule und meldete mich im Sekretariat ab. Eine entsprechende Einverständniserklärung meiner Eltern musste noch nachgereicht werden, was ich am darauf folgenden Tag erledigte. Ich verzichtete auf ein Zeugnis für das laufende Schulhalbjahr, was ohnehin eine Katastrophe gewesen wäre.

Meine Mutter war so enttäuscht, dass sie eine Woche nicht mehr mit mir sprach, so sehr hatte sie meine Entscheidung verletzt. Und das war das erste Mal. Sie hielt das tatsächlich auch durch; auch mit meinem Vater sprach sie nicht. Aber mein Vater rief mich oft in der Praxis während des Praktikums an und tröstete mich, weil das eine Situation war, mit der ich gar nicht umgehen konnte. Sie machte mir weiterhin zwar mein Frühstück und stellte mir das Mittagessen hin, aber es verlief alles schweigend. Nach einer Woche entschuldigte ich mich bei ihr und erklärte ihr genau, warum ich so handeln musste. Gemeinsam gingen wir dann los und kauften meine Arbeitskleidung ein: 4 weiße Kittel. Der Bann war gebrochen und unser gutes Verhältnis wiederhergestellt. Ich atmete auf. 

Mitte März1966 begann ich mit meiner Ausbildung. Ich besuchte selbstverständlich auch die Berufsschule, und das gerne. Ich beendete meine Lehre mit einem bestandenen Examen zur Arzthelferin vor der Ärztekammer.        

Der richtige Beruf

Vom ersten Tag meines Arbeitsantritts an, führte ich meine Tätigkeit voller Überzeugung und Freude aus. Die bereichernden Kontakte zu den Patienten, das freundliche Arbeitsklima, das hervorragende Verhältnis zu meinen Kolleginnen war eine Situation, die sich sicherlich jeder wünscht, wenn er im Berufsleben startet. 

Jutta Loose im Labor, 1971

6 Monate nach Beginn meiner Lehre kündigten unerwartet gleich zwei Kolleginnen zum gleichen Zeitpunkt, eine von ihnen wegen einer Erkrankung und eine wegen eines Umzugs in eine andere Stadt. Die Laborantin, die zunächst einen Teil der Arbeiten übernommen hatte, erkrankte plötzlich ebenfalls und fiel ca. 3 Wochen aus.

Gerade die anfallenden Laboruntersuchungen mussten jedoch durchgeführt werden. Also sprach mein Chef mich diesbezüglich an. Nach kurzer Einarbeitung übertrug er mir als Lehrling diese Tätigkeiten. Sollte ich es nicht schaffen, müssten die Blutuntersuchungen in eine andere Praxis gebracht werden.

Da ich bis zu diesem Zeitpunkt nur ganz geringe Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht hatte, war meine Aufregung dementsprechend hoch. Wir vereinbarten allerdings, darauf bestand ich, dass Gegenproben von einer anderen Praxis ausgeführt wurden, damit ich sicher sein konnte, alles richtig gemacht zu haben. Heute nennt man das „Qualitätsmanagement“.

Ich nahm mir alle Informationen, Gebrauchsanleitungen sowie Arbeitsanleitungen mit nach Hause und las mich in die Materie ein. Allerdings gestaltete sich die Ausführung vor Ort in der Praxis nicht immer so einfach, aber ich wusste mir zu helfen. Wenn ich gewisse Anleitungen in den Gebrauchsanweisungen der Chemikalien und Reagenzien nicht verstanden habe, lief ich in eine benachbarte Praxis und ließ mir einige Dinge und Kniffe zeigen. Die dortigen Kolleginnen kannte unsere Personalsituation, und ich war ihnen für diese Unterstützung sehr dankbar. Ich habe es schnell geschafft, meine erarbeiteten Befunde deckten sich mit den Kontrollbefunden und die Sicherheit meinerseits wuchs von Tag zu Tag.

Meine Kolleginnen unterstützten mich, auch wenn sie einen anderen Arbeitsbereich bedienten.Die Kolleginnen bekamen sehr wohl mit, dass ich keine Angst vor der Verantwortung hatte, ruhig blieb und mich weiter kollegial verhielt.  

Schon kurz vor dem Ende meiner Lehre beherrschte ich alle anfallenden Arbeiten. Ich war sehr wissbegierig. In vielen Situationen bin ich ins kalte Wasser geworfen worden, so dass ich bis in die Nacht hinein arbeiten musste, manchmal von morgens sieben bis nachts um elf Uhr.  Aus der Not heraus geboren brachte ich mir vieles auch autodidaktisch bei, z. B. Laboruntersuchungen. 

Natürlich hatte ich noch weitere Pläne für die Zukunft. Ursprünglich wollte ich meine Lehre beenden und danach irgendwas anderes machen, auch wenn damit ein Stellenwechsel verbunden gewesen wäre. Aber ich bekam schon in meinem 2. Lehrjahr die Zusage zur Leitung  der Praxis nach Beendigung  meiner Lehrzeit. Inzwischen arbeiteten dort mit mir weitere 10 Angestellte. Es war die größte internistische Praxis, die es in der Form über die Stadtgrenze hinaus gab. 

Im Übrigen war es mir in meinem gesamten Berufsleben äusserst wichtig, stets mit meinen Kolleginnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Wenn jemand einen Fehler gemacht hatte, führte ich das Gespräch von meiner Seite in Ruhe und immer mit Bedacht und ohne jegliche Form der Geringschätzigkeit. 

Praxisleitung

Als ich meine Abschlussprüfung mit 18 Jahren abgelegt hatte, wurde ich von meinem Chef nach Hause gebeten. Dort angekommen lagen schon viele Aktenordner auf einem Tisch bereit. Er sagte, er würde jetzt für ein ¼ Jahr in Urlaub fahren. Mir sei ja bekannt, dass er in einem neuen Ärztehaus, welches sich zu diesem Zeitraum im Rohbau befand, eine neue Praxis eröffnen würde. Er würde mir alle erforderlichen Unterlagen aushändigen und mich mit der Ausführung der anstehenden Arbeiten und entsprechenden Verhandlung mit den zuständigen Gewerken betrauen. Dazu gehörte auch der Einkauf von gewissem Mobiliar für das Labor und den Sprechzimmern. Der dafür zuständige Händler wisse Bescheid und würde mich nach Moers abholen, damit die Auswahl getroffen werde könnte. In drei Monaten käme er zurück, und er erwartete dann von mir, dass die Praxis fertig sei. 

Meine Eltern fielen aus allen Wolken, als ich dieses Gespräch mit meinem Chef wiedergab. Über ein Wochenende las ich mich in die Materie ein und am Montag Morgen telefonierte ich schon mit allen wichtigen Leuten, die für die nächste Zeit meine Ansprechpartner waren: vom Architekten bis hin zur Firma Siemens, die die Röntgenanlage installieren musste. 

Von diesem Zeitpunkt an war ich jeden Tag auf der Baustelle. Schwierigkeiten stellten sich mir nicht in den Weg, ganz im Gegenteil: Ich bemerkte eine Akzeptanz seitens der Handwerker, die mir die schwierige Aufgabe leichter machten. Auch meine Kolleginnen verhielten sich fabelhaft. Ich band sie immer in die Verläufe ein und nahm sie auch mit auf den Bau. Es war schon eine gewaltige Herausforderung!

Als mein Chef nach 3 Monaten aus Ascona zurückkam, waren die Praxisräume komplett fertig eingerichtet. Nur eine Tür fehlte noch, da der Schreiner die falschen Masse vorliegen hatte. Wir konnten unseren Praxisbetrieb  dennoch zum Wochenbeginn aufnehmen. Mein Chef honorierte meine Leistungen mit einer erhebliche Gratifikation, einigen Geschenken, und eine kräftige Gehaltserhöhung kam hinzu. Insgesamt blieb  ich 6 Jahre in dieser Praxis.

Praxiswechsel

 Wegen einer persönlicher Veränderung wechselte ich Anfang 1972 in eine Arztpraxis nach Mülheim. Auch in dieser Praxis fühlte ich mich ausgesprochen wohl und genoß den regen Kontakt mit den Patienten. Zu meinen Kolleginnen bestand ein gutes Arbeitsklima. Kurz nach meinem Eintritt fand auch dort ein Wechsel in neue Praxisräume statt. Es war eine Hausarzt-Praxis, die sehr internistisch ausgerichtet war, allerdings führten wir auch kleine chirurgische Eingriffe durch.  25 Jahre arbeitete ich mit demselben Arzt vertrauensvoll zusammen, bis er schließlich die Praxis an seinen Sohn übergab.

Ich hatte wirklich großes Glück. Auch die Zusammenarbeit mit dem jungen Arzt gestaltete sich als ausgesprochen angenehm und auf der Basis  gegenseitigen Vertrauens. 

Weiterbildung

Während meiner gesamten Berufszeit, also wirklich bis zum Ende, nahm ich die Möglichkeit, mich der Weiterbildung zu widmen, wahr. So besuchte ich unzählige Seminare und Weiterbildungsmaßnahmen, speziell zum Thema „Diabetes mellitus“.  Im Zuge dessen war es mir im Laufe der Zeit auch möglich, eigenständige Schulungen mit Patienten und Arzthelferinnen durchzuführen. Ebenfalls bekam ich die Chance, für Pharmazeutische Firmen Seminare abzuhalten, was für mich eine zusätzliche Bereicherung war. Gerade dies war mit vielen Reisen, neuem Lernstoffe und Mühen verbunden, aber ich sah es als positive Erfahrung an, die ich auch an unsere Patienten weitergeben konnte.

Die Hygienevorschriften haben in ärztlichen Praxen einen hohen Stellenwert; das Qualitäts-Management für Hygiene war fester Bestandteil meines Tuns und wurde erfolgreich umgesetzt.

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