Familie

Elternhaus 

Ich wurde in einem Elternhaus groß, in der auch die Großeltern immer eine entscheidende Rolle spielten, denn in unserer Familie waren alle einander sehr zugetan. Ein besonders inniges Verhältnis verband mich mit meinem Großvater väterlicherseits, der für mich in meiner Kindheit neben meinen Eltern zur wichtigsten Bezugsperson wurde. Zu meinen beiden Großmüttern pflegte ich ebenfalls einen intensiven Kontakt und verbrachte viel Zeit mit ihnen. 

  • Eltern von Jutta Loose
  • An der Aggertalsperre mit Oma, 1960

Mutter

Meine Mutter,  geb. Anna Grete Günther,  wurde 1927 in Hamburg geboren. Sie wuchs in einem gut situierten Elternhaus auf. Ihr Vater, Friedrich Günther, geb. 1888, war von Beruf Kaufmann und ihre Mutter, Hertha Günther, geb. 1901, Hausfrau. 1932 kam ihr Bruder Wolfgang zur Welt, dem sie zeitlebens sehr verbunden war.

Meine Mutter erinnerte sich an den „Feuersturm“ in Hamburg im Juli 1943. Dabei verlor sie alle dort lebenden Verwandten väterlicherseits. Meine Mutter und ihr Vater konnten ihr Leben nur dadurch retten, dass sie sich nasse Decken über den Kopf warfen und eilends aus dem Keller, in dem sie sich befanden, herausliefen. 

Am Tag nach dieser grausamen Katastrophe suchten Vater und Tochter verzweifelt in den total zerstörten Straßenzügen nach überlebenden Angehörigen, leider vergeblich. Wie Tausende von Familien auch hatten sie alles verloren, es gab für sie kein Zuhause mehr. Ihre Mutter wiederum befand sich während der schrecklichen Vorkommnisse mit ihrem Bruder bei ihren Eltern in Oberhausen, und sie überlebten.

Meine Mutter hielt sich nach diesem fürchterlichen Ereignis ab Herbst 1943 in Eilendorf, einem Ortsteil von Buxtehude, auf einem Bauernhof auf. Sie sprach, wenn sie davon erzählte, von ihren Landjahren. Während dieser Zeit schrieb sie – wie andere junge Mädchen auch – Briefe an Front-Soldaten und strickte Strümpfe für sie. Dieses Briefeschreiben wurde von offiziellen Stellen (z. B. Schulen) angeregt, um nicht nur die Bevölkerung in die Kriegssituation einzubinden, sondern auch den Soldaten des Mitgefühls und der Verbundenheit mit der Heimat zu versichern.

Eines Tages bekam sie Antwort von einem unbekannten Soldaten, der um weitere Briefe bat. Einige Briefe gingen hin und her, und in den letzten Brief legte meine Mutter ein Foto von sich hinzu. Leider brach dann aus für sie unerklärlichen Gründen der Briefkontakt ab.

Nach dem Krieg zog meine Mutter wieder zu ihrer Mutter nach Oberhausen, ihr Bruder war ja bereits dort. Ihre Eltern hatten sich nämlich getrennt. Meine Urgroßeltern mütterlicherseits besaßen ein großes Haus, sodass eine Unterbringung von drei weiteren Personen keine Schwierigkeit darstellte.

Meine Oma mütterlicherseits und ihre Schwägerin führten in der Stadtmitte von Oberhausen eine Gaststätte. Eines Tages, es war Anfang 1947, war mein Vater mit einem Freund in dieser Gaststätte. Meine Mutter hatte meine Oma dort aufgesucht, kam aus der Küche und wollte gerade den Gastraum verlassen, als mein Vater sie von dem Bild im letzten Feldpostbrief erkannte. Er fragte meine Oma, ob die junge Frau Ännchen heißen würde und während der Kriegsjahre in Buxtehude gewesen sei. Dieses konnte meine Oma nur bestätigen. Daraufhin trat mein Vater mit  dem Wunsch an sie heran, doch meine Mutter zu fragen, ob sie am nächsten Tag nochmals in die Gaststätte kommen würde. Dieses geschah dann auch, und die beiden wurden rasch ein Paar. Sie heirateten im Dezember 1947.

Wenn ich an meine Mutter denke, kommt mir sofort ihre Bescheidenheit in den Sinn: Während mein Vater und ich von ihr reichlich und gut ausstaffiert wurden, nahm sich meine Mutter sehr zurück. Sie sorgte immer dafür, dass mein Vater und ich schick angezogen waren, wenn wir das Haus verließen, um zur Schule und zur Arbeit zu gehen. Jedenfalls war ich immer wie aus dem Ei gepellt. Zwar war auch sie gut gekleidet, aber sie dachte immer als letzte an sich. – Wir waren nicht reich. Der Wohlstand, der kam ja erst mit der Zeit.

Ich fand ihr Verhalten bewundernswert, aber es machte mich manchmal auch traurig. Als junge Frau suchte ich deswegen einmal das Gespräch mit ihr. Ihre Antwort erstaunte mich, denn sie meinte, das möge mir vielleicht so vorgekommen sein, aber da solle ich mir keine Gedanken machen, ihr sei es immer gut gegangen, und sie habe nichts vermisst. Sie habe zu jeder Zeit die Möglichkeit gehabt, sich das zu kaufen, was sie gebraucht hätte oder notwendig gewesen wäre. – Vielleicht empfand ich es seinerzeit tatsächlich so, weil ich selbst ja reichlich an Garderobe hatte, denn meine Mutter nähte ständig etwas zum Anziehen für mich oder strickte mir die tollsten Pullover und Jacken, denn handwerklich war sie unglaublich begabt. Sie nähte, strickte, häkelte, stickte, beherrschte noch weitere Handarbeits-Techniken, sogar das Klöppeln und das Knüpfen von Teppichen.

In der Verrichtung des Haushalts war sie perfekt, ebenso bewies sie in der Bestellung des Gartens ein großes Talent. Sie war praktisch veranlagt, besaß eine große Koordinationsgabe und eine enorme innere Stärke.

Besonders erwähnen möchte ich ihre hervorragenden Talente als Köchin und Gastgeberin. Sie zauberte die köstlichsten Speisen auf den Tisch und war nebenbei auch ein Organisationstalent. 

Sie verstarb im Dezember 2013 in Mülheim/Ruhr.

Vater

Mein Vater, Heinrich Stevenz, wurde 1925 in Oberhausen geboren. Sein Elternhaus war auch sein Geburtshaus. Seine Eltern waren Heinrich Stevenz (geb. 1898) und Gertraud Stevenz (geb. 1903). Eine ältere Schwester wurde 1922 und die Zwillingsschwestern wurden 1938 geboren. Sein gesamtes Leben verbrachte mein Vater auf dem gleichen Grundstück, nämlich auf der Grenze Oberhausen/Mülheim.

Zunächst absolvierte er eine Lehre als Briefträger, um anschließend die Beamtenlaufbahn einschlagen zu können. Leider wurden seine Berufspläne zunichte gemacht, denn er wurde als Soldat direkt zu Beginn des 2. Weltkrieges eingezogen. Als schwer Kriegsversehrter – mit fatalen Folgen für sein Leben – kam er wieder in sein Elternhaus zurück.

Die schweren Verwundungen brachten ihn noch während des Krieges ins Lazarett und nach Kriegsende in die verschiedenen Krankenhäuser, und er konnte erst 1947 entlassen werden. Meine Eltern haben sich kurz danach kennengelernt und noch im selben Jahr geheiratet. Sie gingen ihr neues Leben souverän und voller Engagement, mit viel Mühe und Kraft an und bauten im Laufe der Zeit ein gutes Leben für uns drei auf.

Mein Vater nahm nach seiner Rückkehr aus dem Lazarett und diversen Krankenhäusern seinen Beruf bei der Post wieder auf und war bis zu seiner Frühpensionierung, die aufgrund seiner Kriegsverletzungen erfolgte, als Beamter im Innendienst bei der Haupt-Post Oberhausen tätig. 

Er war von seinem Naturell her ein ruhiger, ausgesprochen gepflegter und auf Sauberkeit bedachter Mann. Durch seine offene und freundliche Art, auf andere Menschen zuzugehen, fand er schnell Gesprächspartner. Er starb im Juli 2007 in einem Krankenhaus in Oberhausen im Alter von fast 82 Jahren.

J.L.
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