Wohnen im Nachkriegsdeutschland

Traumgarten am Rande der Stadt

Das Grundstück meiner Großeltern war traumhaft! Wir hatten einen Garten, so wie man ihn sich eigentlich nur in Romanen vorstellt. Es gab viele Obstbäume und eine große Garten-Anbaufläche. Der Garten wurde selbst bearbeitet, alles Mögliche wurde eigenhändig angebaut. In dem romantischen Teil unseres Gartens gab es Rosenbüsche, die an einer Pergola wuchsen. Unter einem breiteren Rosenbogen gab es auch eine wunderschöne Sitzgarnitur mit bequemen Korbstühlen. Auf dem gesamten Grundstück standen mehrere Bänke, mal mit, mal ohne Rückenlehne. Auch eine große Rasenfläche war vorhanden. Einige eingebrachte Eisenrohre dienten zur Befestigung der Wäscheleine, auf denen bei gutem Wetter die Wäsche getrocknet wurde. Sollte Bett- und Tischwäsche besonders weiß werden, so wurden die Teile bei strahlendem Sonnenschein zum Bleichen auf die große Wiese gelegt.

Das Birnenfest

Alljährlich trugen unsere prächtigen Birnbäume, die unseren Garten zierten,  große Mengen an prächtigen Früchten, die zum Teil wie Trauben an den Ästen hingen. Die Bäume waren riesig und die Kronen überdimensional. Da etliche Zentner geerntet werden mussten, wir die Menge allerdings nicht alleine verzehren konnten, luden meine Eltern einige Nachbarn ein, damit sie sich Vorräte zulegen konnten. Im Laufe der Jahre entstand daraus für viele Jahre ein Nachbarschaftsfest, „Birnenfest“ getauft.

Für das Zusammenkommen wurde ein schöner sonniger Tag ausgesucht. Die Männer pflückten die Birnen und brachten die vollen Körbe den Frauen. Diese bildeten mit ihren Stühlen einen Halbkreis auf der Wiese, damit man sich besser unterhalten konnte. Das Schälen der Früchte konnte beginnen.  

Jede von ihnen hatte eine kleine Badewanne mit Wasser vor sich, in die sie die geschälten Birnen gleiten ließen.

Zum Ernten der Birnen kletterten die anwesenden Männer hoch in die Kronen der Bäume. Zuerst wurden die schönsten und größten Birnen, die im Keller gelagert werden sollten, mit der Hand gepflückt, damit sie keinerlei Druckstellen aufwiesen. Danach wurden die Äste kräftig geschüttelt, und wir Kinder sammelten das Obst auf. Mein Vater, der daran nicht teilnehmen konnte, koordinierte das Geschehen von unten und gab immer wieder Tipps, wo noch dicke, reife Birnen hingen.

War eine Badewanne mit geschälten Birnenstücken voll, wurden diese in die Küche gebracht, nochmals gewaschen und in die schon vorbereiteten Einmachgläser gefüllt. Diese kamen auf eine Palette und anschließend in den Einkochkessel. Dann wurde weiter geschält, und die Vorgänge wiederholten sich einige Male. Zwischendurch tranken wir alle gemeinsam Kaffee und aßen selbst gebackenen Kuchen.

Nachdem die Bäume so gut wie abgeerntet waren, war es meist schon Abend. Gemeinsam wurde der mitgebrachte Kartoffelsalat mit Würstchen und Mutters Frikadellen verzehrt und noch etliche Stunden der Ausklang des gelungenen Tages gefeiert.

Vorratshaltung in der Wirtschaftswunderzeit

Unser Keller und auch die Waschküche befanden sich im Nebenhaus. Dort lagerten unsere Vorräte. Die kamen aus dem riesigen Garten, in dem meine Eltern selbst Gemüse und Obst anbauten, sodass wir das ganze Jahr über reichlich davon zehren konnten. Natürlich half ich als Kind gerne ein bißchen im Garten mit, nur Unkrautzupfen mochte ich gar nicht.

Regelmäßig wurden Obst und Gemüse eingekocht, die Einmachgläser lagerten dann in den Regalen. Kartoffeln wurden beim Bauern bestellt, in Säcken angeliefert und sofort in die Kartoffelkiste im Keller geschüttet, so hatten wir den ganzen Winter über einen ausreichenden Vorrat. 

Frische Äpfel und Birnen von unseren spättragenden Bäumen kamen ebenfalls zur Lagerung in den Keller und hielten sich dort über Monate. Das Obst dieser beiden Bäume wurde in unserem kühlen und dunklen Kellerraum auf Holzregale gelegt und konnten über den Winter immer frisch verzehrt werden. Wichtig dabei war, dass sich die Früchte nicht berührten und regelmäßig gewendet werden mussten.

Was dazu gekauft werden musste, waren die Grundnahrungsmittel. Fleisch, Wurst, Käse, Butter und Milch konnten in den ersten beiden Jahr in diesem Haus aber nur in kleinen Mengen gekauft werden, da ein Kühlschrank in den ersten beiden Jahren noch nicht vorhanden war. Im Winter wurde alles auf die Fensterbank nach draußen gestellt, und im Sommer wurde so eingekauft, dass nichts schlecht werden konnte.

Kohlen waren ebenfalls wichtig, und so wurde für die Wintermonate auch vorgesorgt und die erforderliche Menge im Keller gelagert. Der tägliche Bedarf wurde mit einer Kohlenschütte geholt, was bei Schnee und Glatteis nicht gerade eine angenehme Tätigkeit darstellte, denn die Kellertreppe war eine hohe Gefahrenquelle, wenn die Stufen glatt waren.

Jutta Loose
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