Nachlese zur Lesung am 09.11.2017

Reichspogromnacht

Wir alle wissen heute um die Bedeutung des zweitätigen Pogroms vom 09. und 10. November 1938, wo auf Geheiß der nationalsozialistischen Führungsriege jüdische Einrichtungen, Läden, Wohnungen verwüstet, geplündert und zerstört, weit über 1000 Synagogen und Gebetshäuser in Brand gesetzt, jüdische Friedhöfe geschändet und Juden ermordet wurden. Der Grund war nichtig: Das barbarische Treiben – lächerlicherweise als „Volkszorn“ betitelt – wurde als spontane Reaktion auf den Tod eines deutschen Diplomaten in Paris legitimiert. Ermordet von dem 17-jährigen in Paris lebenden polnischen Juden, der von dem Martyrium seiner Eltern und seiner Angehörigen gehört hatte. – Die Nazis machten aus dieser Verzweiflungstat die „Verschwörung des Weltjudentums“.

Hintergrund: Zum 30. Oktober 1938 sollten polnischen Staatsangehörigen, die länger als 5 Jahre im Ausland lebten, die Staatsangehörigkeit entzogen werden. Die Nazi-Regierung befürchtete deswegen, dass „uns im Wege der Ausbürgerung ein Klumpen von 40–50 000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden in den Schoß fiele“. Deswegen werden in einer Nacht- und Nebelaktion kurz vor Stichtag 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit ins Niemandsland zwischen Polen und Deutschland abgeschoben. Und seine Familie gehörte auch zu den Juden, deren Staatsangehörigkeit umstritten war. Die Vertriebenen durften nicht mehr als 10 Reichsmark mitnehmen, ihr Gepäck mussten sie an der Grenze zurücklassen. Die überforderten polnischen Behörden hielten die so Vertriebenen zunächst in Viehwaggons, Kasernen oder Ställen fest; die Juden, die nirgendwo unternommen konnten, wurden später interniert. 

Am 09. und 10. November 1938 wurden 30.000 Juden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht. Für die Wiederherstellung der zerstörten Geschäfte usw. mussten die Juden selbst aufkommen. Nicht wenige Deutsche bereicherten sich bei den Plünderungen bzw. verschafften sich Vorteile z. B. an einer besseren Wohnung. Zudem wurde den jüdischen Gemeinden eine Buße auferlegt in Höhe von 1 Mrd. Reichsmark. Den Versicherungen wurden die Übernahme der Schäden verboten. Die Reichsprogromnacht war Auftakt für die systematische Vernichtung der europäischen Juden.

Die Entrechtungen der Juden begannen ja bereits kurz nach der „Machtergreifung“ Hitlers. In über 200 Verordnungen und Gesetzen gipfelten die erlassenen Rassegesetze in der systematischen Deportation von 6 Millionen Juden aus ganz Europa in die Konzentrationslager, den industrialisierten Vernichtungsstätten, wohin auch Kranke, Kommunisten, Sozialdemokraten, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas u.a. transportiert wurden. „Endlösung“ nannten die Nazis diese in Gaskammern fabrikmäßige Ermordung – ein grauenhafter Euphemismus!

Woran sich unsere Zeitzeugen – damals vielleicht 5 oder 11 Jahre alt – erinnern können, was sie von den Gesprächen der Eltern und Erwachsenen „mit-bekommen“ haben, was sie vielleicht über die Deportationen wussten, das werden Sie Ihnen auf unserer nächsten Lesung vortragen. Es ergeben sich immer Fragen, denen sich unsere Zeitzeugen stellen: Wie haben die damaligen Kinder das Geschehen erklärt bekommen? Waren die eigenen Vorfahren vielleicht auch Mitläufer?

Die Vergangenheit hat eben Folgen für die nachfolgenden Generationen, seelische und auch politische.

Herr Rübenkamp erzählt, was er als Kind mit 6 Jahren nach der Reichspogromnacht am 10.11. 1938 in Mülheim erlebte.

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