Der Koffer der Erinnerung

Das Fenster zur Vergangenheit

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, woraus wir nicht vertrieben werden können.“ Mit diesen Worten beschreibt der Dichter Jean Paul die Bedeutung und den Wert des Erinnerns und Erzählens.

Norberto Bobbio* meint: Wir sind, was wir erinnern. Die Summe unserer Erinnerungen bedingt unsere Identität. Diese Identität besteht aus Geschichten, die wir über uns erzählen (können) und die uns wieder von anderen erzählt werden. Auslöser für Erinnerungen können Worte, Geräusche, Bewegungen, Gerüche, Bilder, Gegenstände, Situationen sein.

Im Januar 2013 packten unsere Zeitzeugen ihre Geschichten in Koffer. Sie packten alte, neue, geliehene Koffer mit ihren Lebenserinnerungen an Kindheit und Jugend, Flucht und Vertreibung, Beruf und Reisen. Und da kam einiges zusammen: Schelllackplatten, alte Puppen, der erste abgeschnittene Zopf, Strickliesel, Poesiealbum, aber auch Erinnerungen an die Internierung, an Stunden und Tage im Luftschutzkeller u.a.m. Liebevoll wurden die Objekte in den Koffern drappiert, manche auf einer eigens hierfür entworfenen Unterlage. Hier wurden Dinge eingepackt, die etwas über sie selbt sagen. Beim Betrachten werden Erinnerungen geweckt und die damit verbundenen Gefühle. Vergangen- oder Verloren-Geglaubtes werden spürbar. Fremdes und Vertrautes mischen sich in Gedanken und Gefühlen.

Am 19.06.2013 stellten unsere Zeitzeugen ihre Koffer den Bewohnern des Sommerhofes vor: Handzettel Koffer der Vergangenheit

Die Koffer können mitgenommen werden, wenn die Zeitzeugen in die Schulen geladen werden. Die Gegenstände rufen zum Anfassen auf, Fragen liegen in der Luft, das Hineinversetzen in eine andere Zeit gelingt.


Mein Koffer der Erinnerung

C. Goller_Koffer_gIch heiße C. Goller und wurde am 7. April 1938 geboren. Mein „Koffer der Erinnerungen“ beinhaltet so einige nette Sachen aus meiner Kindheit z. B. ein kleines Bild, das ich mal für meine Mutter gemalt habe, als ich ca. 7 Jahre (1945) alt war und bei meinen Pflegeeltern lebte. Zu der Zeit sah ich meine Mutter nur einmal im Monat für ein paar Tage. Das Bild beinhaltet nur einen Tisch, zwei Stühle, eine Lampe, und es war ringsum komplett bemalt – was mich heute, fast 70 Jahre später, etwas an einen Bunker erinnert-, so dass nur noch in der Mitte Platz war, und zwar für meine Mutter und mich.


Ein Koffer der Erinnerung an die Kinderzeit

Nun ist der Koffer gepackt mit Dingen, von denen ich mich in all den Jahren nicht trennen konnte, weil sie mir sehr am Herzen liegen. Das Prunkstück:  die Baby-Puppe, aber auch das winzige Steiff-Bärchen mit dem Knopf im Ohr und das abgewetzte Kuscheltier-Kätzchen.

Meine heiß geliebten Jennifer-Bücher dürfen auch nicht darin fehlen. Diese vier Bände waren auf meinem Wunschzettel zum Weihnachtsfest und Geburtstag. Es war immer eine große Freude, wenn ein Band davon auf dem Gabentisch lag. Von all den Büchern, die ich in der Kinderzeit gelesen habe, konnte ich mich von diesen nicht trennen.


 Kultur im Koffer

KofferFrankenKokusnussZur Zeit reise ich mit einem Koffer voller Reise-Erinnerungen und besuche Menschen, die nicht mehr so mobil sind, um mal ins Kino, Theater u.a. zu gehen. Ich versuche mit dem „Kultur-im-Koffer-Projekt“ mit dem Thema „Die Reise meines Lebens“ diesen Menschen etwas Abwechslung in den Alltag zu bringen. Unterstützt wird diese Aktion von der evangelischen Kirchengemeinde Broich-Saarn und dem Leder- und Gerbermuseum in Mülheim an der Ruhr, wo verschiedene Koffer zeitweilig 2013 in einer Ausstellung zu sehen waren.


Meine Koffer-Reise

Frau Blocks KofferGuten Tag, ich bin Brigitte Block, in Berlin bin ich geboren und bin 86 Jahre alt. Mein Koffer aus Holz ist ein Stück Leben von mir, nämlich, wo das Herz zu Hause ist: in der Heimat! Und Heimat kann man auf der Landkarte nicht finden, sie ist im Herzen. Mein Koffer ist ziemlich klein, aber er ist auch schon 72 Jahre. Als ich 15 war, hatte Heinz,  ein Freund, ihn mir aus Holz gezimmert, es war im Krieg 1942.  Wir sind zusammen ins Kino und Eis essen gegangen. Als wir 1944 mit 17 Jahren zur Flak mussten, also zum Militär, ist er leider im Krieg mit 17 Jahren gefallen. Und ich hab` den Koffer aber aufgehoben. Das ist schon allein eine Erinnerung an die Jugend.


Wie ein Schatzkästchen zum Koffer der Erinnerung wurde.

Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann fällt mir sofort ein, dass alle meine Freundinnen und auch ich ein Behältnis hatten, indem wir unsere kleinen und für uns kostbaren Kleinode aufbewahrten. Einige besaßen einfache Blechdosen und andere Pralinen – oder Schuhschachteln.

Auch ich besaß anfänglich eine einfache Pralinenschachtel, aber eines Tages …


 

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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