Hergang der Verbrennung von Pfarrer Brüsewitz

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Zusammengestellt für Sie von Christa-M. Riedel

Das Flammen-Fanal

  1. August 1976: Am Morgen bittet der Pfarrer von Droßdorf-Rippicha, Oskar Brüsewitz, seine Tochter Esther, für ihn das Kirchenlied “So nimm denn meine Hände” zu spielen, ein Lied, das von modernen Theologen ausgesondert wurde und damals nur noch im Anhang des Gesangbuchs der Landeskirche stand (heute wieder Lied-Nr. 376). Nach diesem Lied verläßt er ohne Zielangabe das Haus. Die im Pfarrhaus wohnende Mieterin hat er aber beauftragt, eine halbe Stunde nach seinem Weggang seiner Familie zwei Briefe auszuhändigen. Einer der Briefe war an seine Familie adressiert, der andere an die Pfarrbrüder des Kirchenkreises.

Brüsewitz fährt mit seinem Wartburg “Camping” in die Kreisstadt Zeitz. Auf dem Weg hält er kurz an der Gaststätte, das Gespräch mit dem IM ist in den Stasi-Akten überliefert (siehe Abbildung).

Auf der Kreuzung vor der Zeitzer Michaelskirche hält er an, stellt zwei Plakate erst an das Auto, dann auf das Dach, damit sie besser zu sehen sind (“Funkspruch an alle: Die Kirche in der DDR

klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen”). Aus zwei Meter Entfernung prüft er, wie die Plakate wirken.

Passanten bleiben stehen, um die Plakate zu lesen, Kunden und Verkäuferinnen aus den Geschäften ringsum kommen zur Tür oder auf die Straße. Auch ein Oberstleutnant des Volkspolizei-Kreisamtes eilt herbei.

Da greift Brüsewitz zu der 20-Liter-Milchkanne, die er mitgebracht hat und übergießt sich mit Benzin. Ein Streichholzstrich, und 3 bis 4 Meter hohe Flammen schlagen hoch. Nicht nur der Pfarrer in seinem Talar, auch das Heck des Autos brennen lichterloh. Menschen rufen um Hilfe, ein beherzter Mann stürzt herbei, um Brüsewitz den brennenden Talar vom Leibe zu reißen. Doch der läuft brennend an der Kirche vorbei, auf die Superintendentur zu, während die Glocken für eine Beerdigung zu läuten beginnen.

Ein vorbeikommender Soldat stellt ihm ein Bein, so daß er fällt, ein Busfahrer versucht, mit einer Decke die Flammen zu löschen. Doch die Decke fängt Feuer, erst kurz bevor die Feuerwehr kommt, können die Flammen erstickt werden.

Die ebenfalls erschienenen Volkspolizisten bringen als erstes die Plakate weg, der CDU-Kreissekretär hilft ihnen dabei — niemand soll die Texte lesen. Aus dem Geschäft gegenüber bringt jemand einen Stuhl und setzt den fürchterlich verbrannten Pfarrer Brüsewitz darauf, der noch bei vollem Bewußtsein ist:

“Er sah uns wortlos an, blickte von einem zum anderen mit seinem verbrannten Gesicht, die gelblich pergament-farbenen Hände in seinem Schoß”.

Noch weitere sechs lange Minuten vergehen, bis der Krankenwagen kommt. Etwa 300 Menschen sind Zeugen des Fanals geworden, das Oskar Brüsewitz setzen wollte. Jetzt sehen sie, wie er aufsteht und selbst zum Krankenwagen geht. Dann vertreibt die Volkspolizei alle vom Kirchvorplatz.

Die Nachricht verbreitet sich blitzschnell in Zeitz, doch “es war totenstill in der Stadt. Nichts regte sich mehr”, erinnert sich die Journalistin Dorothea Landmann.

Für die SED-Führung war das Flammen-Zeichen des Pfarrers Oskar Brüsewitz die “schlimmste Provokation” seit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953.

Nicht nur in Zeitz, auch in Ost-Berlin, Halle und Magdeburg bricht bei SED und Stasi Hektik aus.

Mit allen Mitteln wird versucht, die Tat geheim zu halten: Die Kirche und die Familie werden von der Stasi eingeschüchtert, jeder Hinweis auf das Geschehene getilgt. Daß das Flammenzeichen von Zeitz ein “Politikum” war, konnte niemand bestreiten. Und weil es für die DDR entlarvend war, wollte die SED es unter allen Umständen totschweigen.

Der Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser, beordert den Leiter des Sekretariates der evangelischen Kirchen, Manfred Stolpe, zu sich und eilt mit ihm noch am gleichen Tag nach Magdeburg, um die Kirchenleitung dort massiv unter Druck zu setzen. Von der Tat dieses “Verrückten” (damit war Brüsewitz gemeint) dürfe nichts bekannt werden, schon gar nicht in der westdeutschen Presse, fordert der SED-Funktionär. Unter diesen Umständen müsse Solidarität mit dem Staat gezeigt werden, meint auch der Kirchenjurist Manfred Stolpe, heute Ministerpräsident von Brandenburg.

Unter dem großen Druck verzichtet die Kirchenleitung auf eine Information der Medien. Dagegen legt sie im Einvernehmen mit dem Kirchenkreis Zeitz fest, daß am 19. August die Erklärung des Kreiskirchenrates von allen Kanzeln des Kirchenkreises Zeitz verkündet werden solle.

In Rippicha kamen gleich nach dem Fanal zwei Männer der Stasi zu Frau Brüsewitz und verhören sie bis spät in die Nacht. Die Stasi fordert von Frau Brüsewitz, die von dem Fanal selbst völlig überrascht wurde, sie solle “bekennen”, daß ihr Mann und sie mit westlichen Geheimdiensten zusammengearbeitet habe, um die DDR zu destabilisieren. Immer wieder bemerkt Frau Brüsewitz, wie die Stasi-Vernehmer ihr in den Mund legen wollten, daß Oskar Brüsewitz die Realität nicht fassen konnte und Selbstmordgedanken gehabt habe.

Von Superintendent Hildebrandt erfährt Frau Brüsewitz bald darauf, daß die Kirche mit den Vertretern des Staates übereingekommen sei, das furchtbare Geschehen nicht der Öffentlichkeit bekannt zu geben.

Doch nach wenigen Tagen durchbricht Pfarrer Klaus-Rainer Latk, ein Studienkollege von Brüsewitz, die amtliche Mauer des Schweigens: Er informierte das westdeutsche Fernsehen.

Die Nachricht vom Fanal des mitteldeutschen Pfarrers, der zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Tode rang, erschüttert die Weltöffentlichkeit.

Es wird als verzweifelter Notruf eines Christen in der DDR verstanden. Er rüttelt die Menschen in beiden Teilen des durch Stacheldraht und Selbstschußanlagen geteilten Landes aus Lethargie auf, zwingt zur Stellungnahme, zur Positionierung.

War es Zufall, daß die Tageslosung der Herrenhuter Brudergemeine für den 18. August lautete:

“Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit”.
Quelle: www.brusewitz. org

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