Eine Plattform – alle Möglichkeiten: Wie neue Technologien zur Unterstützung von Mobilität im Alter beitragen können

Screenshot Sehr mobil 100Sehr mobil mit 100 – Mobilitätsketten für Senioren in der Region Siegen-Wittgenstein“

Die 73jährige Frau Schmidt würde gerne am Samstagabend ins Theater, allerdings hat sie keinen Führerschein und kommt nach der Vorstellung aufgrund der schlechten OPNV Anbindung nicht mehr zurück nach Hause. Herr Müller fährt regelmäßig mit seinem Auto allein in die Stadt. Schon oft hat er überlegt, dass er auf dem Heimweg die ältere Dame mitnehmen könnte, die er manchmal zufällig mit ihren schweren Einkaufstaschen an der Bushaltestelle stehen sieht, aber er weiß nicht recht, wie man sich am besten abstimmen könnte. Das Ehepaar Kern macht seit dem Ruhestand gerne Ausflüge mit Bus und Bahn in die nähere Umgebung. Allerdings empfinden sie es als mühsam, bereits zuhause sämtliche Verbindungen heraussuchen zu müssen, gerade, wenn sie unterwegs mal spontan sein möchten.

Diese unterschiedlichen Beispiele spiegeln typische Mobilitätszenarien wider, die sich im Alltag häufig finden lassen. Mobilitätsformen, -bedürfnisse und –barrieren wandeln sich im Laufe des Lebens. Unabhängig vom Lebensalter besitzt Mobilität jedoch einen gleichbleibend hohen individuellen und gesellschaftlichen Wert und kann als entscheidende Grundlage für Selbstständigkeit und gesellschaftliche Partizipation betrachtet werden. Neben objektiven Rahmenbedingungen (z.B. nur rudimentär ausgebauter ÖPNV) können auch subjektive Faktoren wie gesundheitliche Einschränkungen, kognitive und sensorische Einbußen oder Ängste, bspw. vor Stürzen, die Mobilität im Alter einschränken.

Um dem damit häufig verbundenen Verlust an Lebensqualität entgegenzuwirken, ist es notwendig bestehende Mobilitätsprobleme und -barrieren zu erkennen und gleichzeitig Strategien und Hilfesysteme zu entwickeln, um die Mobilität älterer Menschen zu erhalten.
Ausgehend von alltäglichen Situationen wie in den Beispielen geschildert, entstand die Idee, ein Angebot zu entwickeln, das in der Lage ist, die Mobilität – insbesondere von älteren Menschen in ländlichen Gebieten – individuell und flexibel zu unterstützen.

Auf der Basis neuer Informations- und Kommunikationstechnologien wurde daher im Rahmen des Projekts „Sehr mobil mit 100 – Mobilitätsketten für Senioren in der Region Siegen-Wittgenstein“ eine so genannte Mobilitätsplattform entwickelt, die sich derzeit in der Testphase befindet.

Eine Besonderheit des dreijährigen, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts ist sein interdiziplinärer und nutzerzentrierter Ansatz. Seit Februar 2012 arbeiten das Institut für Wirtschaftsinformatik und Neue Medien der Universität Siegen, The Group e.V. – Internationales Institut für Sozio-Informatik Bonn, die BAGSO Service GmbH, Infoware GmbH, die Stadt Siegen, der Kreis Siegen-Wittgenstein, der DRK-Kreisverband Siegen-Wittgenstein e.V. sowie das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg im Rahmen des Projekts unter Zusammenführung unterschiedlicher Fachkenntnisse gemeinsam an der Entwicklung der Plattform.

Darüber hinaus sind auch ältere Menschen als Testnutzer direkt in die Entwicklung und Erprobung des Systems eingebunden. So konnten einerseits spezielle Mobilitätsformen und –wünsche dieser Generation in das Angebot und die Gestaltung der Plattform einfließen, gleichzeitig wurden bei der technischen Umsetzung und dem Design besondere Bedürfnisse älterer Techniknutzer berücksichtigt.

Auf die im Projekt entwickelte Mobilitätsplattform können Personen von unterwegs mithilfe eines Smartphones per App oder von zu Hause über den Computer oder eine TV-Anwendung auf dem Fernseher zugreifen. Das System bündelt Informationen zu ÖPNV (Abfahrtszeiten, Verspätungen, Lage von Haltestellen), Fahrdiensten, Taxis sowie privaten Mitfahrgelegenheiten und präsentiert dem Nutzer verschiedene, individuell zugeschnittene Fahroptionen für ein ausgewähltes Ziel. Dabei wird die in der Region bereits bestehende Infrastruktur genutzt und durch private Anfragen oder Angebote zur Mitfahrt ergänzt, die über die Plattform leicht koordiniert und abgestimmt werden können. Auch eine Fußgängernavigation soll integriert werden.

Modellregion für die Entwicklung und Implementierung der Plattform ist der Kreis Siegen-Wittgenstein – ein Gebiet, das aufgrund seiner Weitläufigkeit und seiner eingeschränkten Infrastrukturen optimale Bedingungen für einen Piloteinsatz unter realen Bedingungen bietet. Die Region kennzeichnet ein Mix aus ländlichen und urbanen Räumen sowie eine wald- und hügelreiche Landschaft. ÖPNV Verbindungen (ausschließlich Busse, keine U- und Straßenbahnen) sind insbesondere in den ländlichen Gebieten nur stark eingeschränkt verfügbar.

Die Plattform zielt darauf ab, nahtlose Mobilitätsketten zu ermöglichen, d. h. bei der Anfrage sollen nicht nur die eigentliche Fahrt, sondern darüber hinaus auch weitere Teilstrecken berücksichtigt werden, die Bestandteil der Mobilitätskette sind. Dies kann z. B. der Fußweg von zu Hause zum Bahnhof sein oder vom Supermarkt zur Bushaltestelle. Gerade diese Teilstrecken können z. B. durch Umweltbedingungen wie Glatteis oder das Tragen von Einkaufstaschen erschwert werden. Auch hierbei sollen insbesondere ältere Menschen unterstützt werden, indem beispielsweise abgefragt wird, ob Hilfe beim Zurücklegen eines Fußwegs benötigt wird.

Ergänzt wird dieses Angebot durch die Einbindung von Veranstaltungshinweisen, wodurch gemeinsame Aktivitäten und gesellschaftliche Teilhabe gefördert werden. Durch die Nutzung von Mitfahrangeboten können darüber hinaus auch neue, generationenübergreifende Kontakte entstehen.

Wie bisherige Studien zeigen konnten, sind ältere Menschen nicht technikfeindlich, verfügen jedoch im Vergleich zu jüngeren über weniger Technikerfahrung, eine geringere Technikbereitschaft sowie eine eher zurückhaltende Distanz gegenüber technischen Neuheiten. Darüber hinaus nutzen sie weniger technische Geräte, insbesondere im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik.

Diese Besonderheiten galt es im Entwicklungsprozess zu berücksichtigen und in einem benutzerfreundlichen, altersgerechten Design umzusetzen.

Zu Beginn des Projekts wurden daher im ersten Projektjahr 2012 mehrere empirische Vorstudien durchgeführt, in deren Rahmen sowohl quantitative als auch qualitative Daten zu Mobilität und Technik erhoben wurden. Wie eine repräsentative Fragebogenerhebung zeigen konnte, stieß die Idee der Mobilitätsplattform bereits vor der Entwicklung bei der Siegener Bevölkerung auf großes Interesse und positive Resonanz. So waren 70% der Befragten der Meinung, die Benutzung der Plattform könnte ihren Alltag erleichtern. 80% fanden die Mobilitätsplattform nützlich. Dass die Nutzung der Plattform auch Spaß machen würde, glaubten ca. 59%.

Im Rahmen der sich daran anschließenden Nutzerstudie wurde ein so genanntes „Living Lab“ aufgebaut, mit dem Ziel, den Mobilitätsalltag Älterer besser zu verstehen und mittels der entwickelten Technologien angemessen unterstützen zu können. Den 20 Testnutzer/-innen im Alter zwischen 58 und 81 Jahren wurden im Projektzeitraum Smartphones zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe sie die Plattform testen und aktiv Feedback geben sollten. Neben der Durchführung von Leitfadeninterviews zu speziellen Mobilitätsaspekten und -bedürfnissen, deren Ergebnisse direkt in die Entwicklung der Plattform einflossen, wurden auch spezielle Technikschulungen sowie regelmäßige Nutzercafés und Workshops organisiert, um den Austausch zwischen Senior/-innen, Betreiber/-innen, Entwickler/-innen und Verbundpartner/-innen zu fördern.

Im 2. Projektjahr 2013 wurde mit der technologischen Entwicklung begonnen. Mittlerweile befindet sich die Mobilitätsplattform bereits in der Testphase. Voraussichtlich im Juli diesen Jahres wird die Plattform dann nach finalen Anpassungen auch für die gesamte Bevölkerung im Kreis Siegen-Wittgenstein zur Verfügung stehen.

Weitere Informationen unter www.sehr-mobil.de

 

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Daniel Hoffmann

Seit 1995 Mitarbeiter im Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln. Projektleiter des Forum Seniorenarbeit NRW und verantwortlich für den Themenschwerpunkt "Engagement älterer Menschen in der digitalen Gesellschaft".
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