Positive Faktoren für den Aufbau von Online-Gemeinschaften älterer Menschen

Haus auf TastaturEin Rückblick auf fünf Workshopreihen

Im Zeitraum von Ende 2012 bis Mitte 2014 konnten wir die Workshopreihe Lokale Online-Gemeinschaften älterer Menschen insgesamt fünfmal an verschiedenen Standorten in NRW durchführen (Coesfeld, Hamminkeln, Bad Honnef, Attendorn und Bielefeld).

Ziel der Workshops war es, älteren bürgerschaftlich engagierten Menschen eine Möglichkeit zu eröffnen, das Internet für die Artikulation ihrer Interessen in  ihrem lokalen Engagementfeld zu nutzen und hierüber neue Kontakte zu knüpfen.

Es sollte modellhaft ausprobiert werden, ob und wie ältere Menschen aktiv an der Digitalisierung der Gesellschaft mitwirken und diese für Ihr Engagement sinnvoll einsetzen können. Der besondere Fokus lag dabei auf einem regional begrenzten (lokalen) Wirkungskreis.

Das zugrunde liegende Curriculum hat im wesentlichen die Elemente:

  1. Gruppenbildung und vertrauen schaffen
  2. Schärfung des eigenen Projekts
  3. Online-Recht
  4. Online-Redaktion und -moderation
  5. Techniktraining
  6. Öffentlichkeitsarbeit online und offline

Das Curriculum basiert auf den Prinzipien des Blended Learning (integriertes Lernen) und mischt methodisch moderne Gruppenarbeitstechniken, Techniktraining, Perspektivwechsel und kollegiale Beratung an Präsenztagen und in Online-Zusammenarbeit. Nach Abschluss der Fortbildung besteht die Möglichkeit zur Weiterarbeit in einer geschlossenen Netzwerkgruppe aller Teilnehmer/innen der Workshops und weiterer Interessierter.

Motivation und Vorwissen der Teilnehmenden waren sehr unterschiedlich. Der kleinste gemeinsame Nenner war Sicherheit im Umgang mit dem Internet und ein Projekt, dass sie während des Workshops bearbeiten wollten.

Die Teilnehmenden sollten nach Möglichkeit als Tandem teilnehmen und ein gemeinsames Projekt bearbeiten. Dies ließ sich nicht immer realisieren. Im Laufe der Workshops zeigte sich dann auch, dass meist jeder Teilnehmende, der Gefallen an der Arbeit gefunden hatte, zunächst sein eigenes Projekt vorantrieb.

Jeder Workshop hatte im Hintergrund einen oder zwei technische Schwerpunkte, die in der Regel durch ein besonderes Interesse eines Teilnehmers eingebracht und anschließend von den anderen mitverfolgt wurde. Dies waren zum  Beispiel, Diskussionsforen und geschlossene Gruppen, Fotogalerien, Landkarten oder Veranstaltungskalender. Durch die weitere Zusammenarbeit im geschlossenen Netzwerkraum und auf Netzwerktreffen wurden diese Themen dann auch in die anderen Projekte transportiert und teilweise aufgegriffen.

Inhaltlich deckten die Projekte ein sehr weites Themenspektrum ab, z.B. Begegnungsstätten, Zeitzeugenarbeit, Seniorenvertretungen, Freizeitinitiativen, lokale Info-Portale, Erfahrungswissen für Initiativen, regionale und Multiplikator/innen-Netzwerke,  Lernbegleitung, u.v.m.

Positive Faktoren und wie auf Hürden reagiert wurde

Im weiteren werden Faktoren beschrieben, die eine erfolgreiche Teilnahme und Projektentwicklung positiv beeinflusst haben und wie im Workshop ggf. darauf reagiert wurde.

1. Zusammenarbeit im Tandem

Gemeinsam macht es einfach mehr Freude, erzeugt eine gewisse Verbindlichkeit und ermöglicht den Austausch von Interessen und Kompetenzen und gegenseitige Hilfe vor Ort. Vor Workshopbeginn wurde versucht die Teilnehmenden dazu zu bewegen, sofern nicht vorhanden, eine/n Tandempartner/in zu gewinnen.

2. Sichere Handhabung der Technik und technische Ausstattung

Zu den Grundfaktoren gehört ein sicherer Umgang mit dem Internet und dem eigenen Arbeitsplatz sowie eine zeitgemäße und stabil funktionierende Technik. Das oben genannte Tandemprinzip konnte an einigen Stellen erfolgreich weiterhelfen, beispielsweise wenn es vor Ort am Arbeitsplatz der Teilnehmenden zu technischen Problemen kommt.

Innerhalb des Workshops war es nicht möglich, Probleme zu beseitigen, die mit der grundsätzlichen Nutzung des Internets zusammenhängen, beispielsweise zu geringe Bandbreite, defekte Hardware oder  Software-Probleme. Punktuell wurde an diesen Stellen mit Telefon-Unterstützung und/oder Team-Viewer-Sessions versucht Abhilfe zu schaffen.

3. Grundlegende Englisch-Kenntnisse

Während der Workshops setzen wir auf eine der erfolgreichsten Open-Source CMS-Systeme der Welt: WordPress. Diese von einer weltweiten Community entwickelte Software ist auf Deutsch verfügbar. Einige Fachbegriffe sind allerdings eingedeutscht bzw. übernommen worden. Dazu kommt, dass einige Erweiterungen (Plugins) nur in englisch verfügbar sind.

Im Rahmen der Workshops wurde darauf reagiert, in dem wir eine Art Vokabeltraining in die Technikphasen eingebaut haben, um das Verständnis zu stärken und gleichzeitig eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Darüber hinaus wurden einige Erweiterungen übersetzt.

4. Regelmäßige Mitwirkung in den Online-Phasen

Um dem Lerntempo der Gruppe folgen zu können und gleichzeitig das eigene Projekt voranzubringen ist es notwendig regelmäßig mitzuarbeiten. Eine reine Teilnahme an den vier Präsenztagen reichte nicht aus, da insbesondere die Entwicklung des Projekts auf der technischen Plattform, regelmäßige Perspektivwechsel sowie kollegiale Beratung während der Online-Phasen statt fand.

Die Moderation versuchte während der Online-Phasen alle einzubeziehen und ggf. Kontakt zu einzelnen aufzunehmen, wenn Inaktivität sichtbar wurde.

5. Projektinhalte sind vorab erkennbar

Besonders erfolgreich waren die Projekte, die bereits mit einem grob umrissenen Vorstellungen in den Workshop gekommen sind und diese im Verlauf konkretisiert haben. Für die Anmeldung wurde zwar bereits erfragt, ob Vorstellungen existieren, diese stellten sich dann im Nachhinein manchmal als sehr wage heraus.

Teilweise wurden die Projektideen bereits an den ersten beiden Tagen verändert oder reduziert. Letzteres insbesondere um eine Überforderung zu vermeiden und die Komplexität zu Beginn zu reduzieren.

6. Rückhalt in der Institution/Kommune

Wenn die Projektinhalte vorher mit beteiligten Institutionen bzw. Kommunen und deren Gremien abgesprochen waren und auch eine gewisse Unterstützung existierte, war dies fast ein Erfolgsgarant.

Frustrationen erfuhren diejenigen, die im Nachhinein mit Trägern und verantwortlichen verhandelten. Den Institutionen wurde an einigen Stellen erst sehr spät bewusst, was die abgeordneten Teilnehmer/innen wirklich erarbeiteten und blockierten den weiteren Fortgang.

7. Persönliches Interesse am Projekt

Wenn die Teilnehmenden ein hohes persönliches Interesse am Thema des Projekts hatten, zeigten sich auch schnell kreative und technische Erfolge.

Das reine Technikinteresse wurde in der Regel schnell bedient. Stand hingegen die Umsetzung des Projekts im Mittelpunkt wurden konkrete Lösungsstrategien entwickelt und Fragen konnten an die Gruppe gerichtet und im Tandem bearbeitet werden.

8. Bereitschaft sich auf virtuelle Kommunikation einzulassen

Viele der Teilnehmenden hatten zuvor noch nicht virtuell mit anderen zusammen gearbeitet. Neben dem o.g. Zeitfaktor, der nicht eingeschätzt werden konnte, ist eine grundsätzliche Bereitschaft sich auf diese Arbeitsform einzulassen notwendig.

Die Workshopleitung reagierte auf diese Anforderung mit einem einführenden Techniktraining um die Arbeitsfähigkeit der Gruppe zu gewährleisten. Es stand die Möglichkeit bereit telefonisch technische Hürden abzubauen.  Um Schreibblockaden zu minimieren war es von besonderer Bedeutung, eine vertrauensvolle Atmosphäre in einer geschlossenen Gruppe zu erzeugen.

9. Weiterarbeit nach den Workshops und in realen Treffen

Die Freiwilligkeit der Teilnahme, die Komplexität des zu Erlernenden, die persönlichen Gegebenheiten und das individuelle Lerntempo haben an vielen Projekten gezeigt, dass acht Wochen (durchschnittliche Workshopdauer) nicht ausreichen, um ein Projekt zu beenden. Die Möglichkeit nach dem Workshop auf freiwilliger Basis in einem Netzwerk gemeinsam weiter zu arbeiten wurden von vielen Teilnehmenden dankend angenommen. Selbst diejenigen, die nicht aktiv mitwirken, bekommen aber neue Impulse und lernen an den Fragen und Antworten der Gruppe.

Dies führte auch zu einer Entlastung der Teilnehmenden während der Workshops.

Da nicht alles virtuell beantwortet und bearbeitet werden kann, wurden auf Wunsch der Teilnehmenden auch Netzwerktreffen und Vertiefungsworkshops bzw. persönliche Beratung vor Ort durch die Workshopleitung angeboten.

10. Persönliche Frustrationstoleranz und gesunde Neugierde

Viele der Teilnehmenden haben zuvor keine Erfahrung in der Kommunikation mit und über das Web bzw. dem Aufbau eigener Angebote gehabt. Insbesondere in den Online-Phasen, in denen eigenständig Funktionen erkundet und Ideen realisiert wurden, kam es immer wieder auch zu Negativerlebnissen, wie zum Beispiel Desorientierung im System oder Bedienungsfehler. Sicherheit im System bekommen die Teilnehmenden in erster Linie durch Kontinuität und Wiederholung.

In diesen Fällen wurde in erster Linie mit direkter Unterstützung und positiver Ansprache reagiert.

Fazit

Basierend auf den Erfahrungen wurde das Curriculum während der Workshops leicht verändert und modularisiert. Einzelne Elemente wurden teilweise gestrichen oder optional in den Verlauf eingebaut, so dass für wichtige Themen der Gruppe mehr Platz geschaffen wurde.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Teilnehmenden unter entsprechender Anleitung und kollegialer Beratung moderne, interaktive Webseiten aufgebaut haben. Eine spezielle auf die Zielgruppe Senioren ausgerichtete Software war nicht notwendig. Der individuelle Lernerfolg war vielmehr vom zusammen kommen möglichst vieler der oben genannten Faktoren abhängig.

Nicht alle Projekte wurden fertig gestellt. Andere Teilnehmende haben Ihr Erlerntes sehr schnell auf andere Vorhaben übertragen, alte Projekte umgebaut und/oder  betreiben inzwischen mehrere Angebote.

Die entstandenen Projekte sind sowohl für die Personen als auch für die Träger von hoher Bedeutung. Sie sind lebendige Beispiele für gelebte Partizipation älterer Menschen in der sich zunehmend digitalisierenden Gesellschaft.

Die Teilnehmenden selbst haben sich teilweise neue Engagementfelder im Internet erschlossen. Um eine nachhaltige Existenz dieser Projekte zu fördern, wird es nun darum gehen die Redaktionsgruppen zu erweitern, weitere aktuelle Themen zu erkennen und weitere Erfolge zu erschließen.

Projektliste | Landkarte

Am 6. Dezember 2014 planen wir unser 2. Netzwerktreffen Lokale Online-Gemeinschaften. Die Veranstaltung soll wieder in Barcamp-ähnlicher Organisation durchgeführt werden. Was sind Eure Themenwünsche um die angestoßenen Projekte weiter zu entwickeln?

Ein Gedanke zu „Positive Faktoren für den Aufbau von Online-Gemeinschaften älterer Menschen

  1. Die entstandenen Lokalen Onlinegemeinschaften bieten einen sehr guten Überblick darüber, was mit lokalem Bezug optisch ansprechend im Internet präsentiert werden kann. Um weitere Projekte auch bei denen zu ermöglichen, die an den Workshops nicht teilgenommen haben, könnten die bestehenden Seiten in einen Art Modellkasten eingebracht und für neue Projekte genutzt werden. Fix und fertige Template sozusagen, die nur noch mit Inhalt zu befüllen wären. Die Schulung könnte sich dann auf die Handhabung der Technik und Unterstützung beim Befüllen der Seiten sowie auf die Nutzung des Forums konzentrieren. Für neue Projekte steht innerhalb kurzer Zeit ein fertiger Internet-Auftritt zur Verfügung. Ein gedruckter Leitfaden u.a. mit den Tipps zur Bewerbung der Seiten online und offline könnte einen solchen Workshop ergänzen. die Netzwerktreffen sind eine ideale Ergänzung.

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