Zum siebten Mal sind in Bergheim Stolpersteine verlegt worden. Mit dem Projekt erinnert der Künstler Gunter Demnig an Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die kleinen Messingtafeln vor den ehemaligen Wohnhäusern halten die Erinnerung an die Opfer wach und geben ihnen ihren Namen und ihre Geschichte zurück. Stellvertretend für Gunter Demnig war Frank-Matthias Mann am Donnerstag, den 11. Juni 2026, zur Verlegung nach Glessen und Oberaußem gekommen. In einer Schweigeminute wurde Hermann Keller und Wilhelm Demgenski gedacht.
“Diese Stolpersteine machen deutlich, dass hinter jedem Schicksal ein einzelner Mensch stand – mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Familie und einem eigenen Leben”, hob die stellvertretende Bürgermeisterin Elisabeth Hülsewig bei ihrem Rückblick hervor. Beide überlebten die Zeit des Nationalsozialismus – “was nicht darüber hinwegtäuschen darf, welches Unrecht ihnen widerfahren ist”, so Hülsewig. Wie eine jüdische Herkunft war auch Krankheit Anlass für Ausgrenzung, Bevormundung und Freiheitsentzug. Auch dies war Teil des Systems der Entrechtung: Menschen mit bestimmten Diagnosen oder Behinderungen verloren häufig das Recht, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Entscheidungen wurden ihnen entzogen, ihre Selbstständigkeit eingeschränkt und ihre Stimme zum Schweigen gebracht. Für viele Menschen bedeutete eine Einweisung in Arbeitslager, Heil- und Pflegeanstalten den Beginn eines Leidenswegs, manche überlebten ihn nicht.
Der Glessener Hermann Keller wurde am 23. März 1903 geboren. Im seinem Haus Nr. 71 in der Hohe Straße in Glessen ist heute eine Fahrschule. Am 18. Januar 1941 wurde der Landarbeiter als Grenadier in die Wehrmacht eingezogen. Im August 1943 wurde bei ihm erstmals Epilepsie dokumentiert. “Was für uns heute eine medizinische Diagnose ist, bedeutete in der Zeit des Nationalsozialismus weit mehr als eine Erkrankung”, so Hülsewig. Menschen mit Epilepsie galten nach der menschenverachtenden Rassenideologie der Nationalsozialisten als „lebensunwert“ und wurden ausgegrenzt, entrechtet und verfolgt. So waren sie z.B. von Zwangssterilisationen bedroht und liefen Gefahr, als Opfer der sogenannten „Euthanasie“ ermordet zu werden.
Nach einem Aufenthalt im Lazarett in Marburg wurde Hermann Keller im September 1943 aus dem Heeresdienst entlassen. Kurz darauf wurde für ihn der Metzgermeister Johann Matzerath, bei dem er wiederangemeldet wurde, als Vormund bestellt. Am 17. November 1943 wurde Hermann Keller in die damalige Arbeitsanstalt Brauweiler eingewiesen. Einzelne Gebäude auf dem Gelände dienten in dieser Zeit als “Schutzhaftlager” und Gestapo-Gefängnis. Zahlreiche Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie Gegner des Regimes waren hier inhaftiert.
Wie Hermann Keller, der nach dem Krieg in Büsdorf und anschließend in Pulheim-Sinthern wohnte, hat auch Wilhelm Demgenski die Zeit des Schreckens überlebt. Geboren wurde er am 16.06.1898 in Saarbrücken, später lebte er in der Bahnstraße 32 in Fortuna. Aus seiner ersten Ehe mit Odilia Rennefeld hatte er zwei Söhne: Alfons, geboren 1931 und Adolf Wilhelm, geboren 1933. Ab 1935 war der Hilfsarbeiter in verschiedenen „Heil- und Pflegeanstalten“, ab 1938 in der Arbeitsanstalt Brauweiler. 1941 wurde er nach Andernach überführt. Nach der Befreiung Deutschlands 1945 wurde er aus der Heilanstalt entlassen und heiratete 1953 noch einmal. Er starb 1972 in Worms. An sein Schicksal erinnert jetzt der Stolperstein vor dem Haus in der Richartzstraße 8 in Oberaußem. Die Verlegung in Glessen wurde durch den Förderverein “Schöneres Glessen” finanziert.

