Demenzgeschichten – „Ich muss zurück“

Ein kleiner Ort im Erftkreis vor den Toren Kölns, mit einer alten halb verfallenen Burg eines ehemaligen Landadeligen.

Die Burg war im Jahre 2012 schon lange nicht mehr bewohnt und dennoch lebte dort noch immer eine sehr alte Dame. Ganz alleine. In einer alten Kate der ehemaligen Bediensteten der Burg auf dem Gelände. Sie wurde von kaum jemanden beachtet. Sie hat sich komplett selber versorgt, sie hatte keine Angehörigen und nur eine minimale Rente. Die alte Dame, nennen wir sie Alice, besaß ein uraltes klapperiges Fahrrad mit dem sie nicht mehr fuhr, weil sie Angst hatte zu fallen.

So schob sie es immer in den nächsten Ort um dort in einem kleinen Supermarkt ihre Lebensmittel zu kaufen.

Dann schob sie das Rad zurück und lebte weiter auf dem alten Burghof, unbeachtet und alleine vom Rest der Welt, der um sie herum immer geschäftiger und unübersichtlicher wurde. Die modernen Familien und Menschen um sie herum ignorierten die alte, seltsam gekleidete Frau völlig.

Keiner fragte sie, ob sie eventuell Hilfe benötigte. Niemand machte sich Sorgen. Niemand wunderte sich darüber, dass ihre Kleidung verschlissener und warum der BH über der Bluse getragen wurde.

An einem verregneten Tag geht Alice wieder mit ihrem Rad Richtung Supermarkt, rutscht aus, fällt und kann nicht mehr aufstehen. Der von Passanten gerufene Notarzt bringt sie ins Krankenhaus.

Dieses Ereignis setzt eine Maschinerie in Gange, die nicht mehr aufzuhalten ist…

Alice hat Schmerzen, weint und ist mit der ganzen Situation völlig überfordert, sagt nur immer wieder, dass sie dringend nach Hause muss. Der Oberschenkel ist gebrochen – sie wird sofort operiert. Das heißt alle Sachen ausziehen und Narkose.

Die Pflegekräfte, die ihr helfen, bemerken wie abgemagert Alice ist und dass ihre Haut voller Pilze ist.

Der Soziale Dienst des Krankenhauses wird über eine 93jährige, hilflose alte Dame benachrichtigt, die dringend Unterstützung braucht.

Nach zwei Tagen, in denen Alice auf einer Intensivstation sämtliche für sie katastrophalen Untersuchungen und Quälereien über sich ergehen hat lassen, kommt sie auf eine normale Station und wird dort vom Sozialdienst besucht.

Die Sozialdienst-Mitarbeiterin des Krankenhauses findet eine weinende 93jährige Dame im Bett liegend vor, die völlig verängstigt ist und sich an die Hände der Sozialarbeiterin klammert….

„Bitte, bitte ich muss nach Hause, Alfred findet mich sonst nicht…bitte, bitte bringen sie mich nach Hause.“

Der soziale Dienst nimmt sich der Geschichte an, weil Alice ja in diesem Zustand nicht einfach alleine nach Hause geschickt werden kann. Das zuständige Amtsgericht wird aktiviert und kommt mit Bildern von der Kate, in der Alice lebt, ins Krankenhaus. Alle sind entsetzt, wie man im Jahre 2012 noch so „hausen“ kann. Eine Kate aus rohem Stein, kein fließend Wasser, ein Eimer im Hof für ihre Notdurft, keine Elektrizität, verwahrloste Kleidung, eine Schüssel mit abgestandenem Wasser…katastrophale Lebensumstände. Besonders für eine 93jährige, die natürlich dort nicht mehr leben kann.

Das Amtsgericht stellt also einen Betreuer zur Verfügung, der für Alice die Vormundschaft übernimmt, sich um ihre Angelegenheiten kümmert und einen Platz in einem Seniorenheim sucht.

Im Verlauf der Behandlung im Krankenhaus wird Alice zunehmend verwirrter und unruhiger. Sie will nur nach Hause und ruft nach „Alfred“.

Nur wurde leider keine Erklärung für die Existenz eines „Alfred“ geliefert. Der Betreuer fuhr auf den alten Hof und suchte noch nach einem Hund oder einer Katze, die auf den Namen Alfred hörte – fand aber nichts.

Das Amtsgericht macht eine entfernte Nichte von Alice ausfindig, die aber schon seit 40 Jahren keinen Kontakt mehr zu Alice hat – die natürlich auch Alice nicht zu sich nehmen kann um sie zu versorgen und zu pflegen.

Jedoch erzählt diese Nichte den Krankenhaus-Mitarbeitern Alice Lebensgeschichte:

Alice lebt auf dieser Burg seit ihrem 6. Lebensjahr. Die Burg wird damals vom Landadel noch bewirtschaftet. Alice Mutter war dort Dienstmädchen, der Vater arbeitete auf den Feldern.

Die kleine Alice und ihre Geschwister wuchsen auf dem Gehöft auf und Alice wurde damals im Alter von 12 Jahren ebenfalls in den Dienst als Küchenhilfe eingestellt. Ihre Geschwister verließen später die Gegend.

Auf dem Hof arbeitete ein Stallknecht namens Alfred.

Alice und Alfred verliebten sich und waren verlobt als Alfred in den Krieg eingezogen wurde.

Alfred ist im Krieg gefallen.

Alice hat ihr Leben lang um ihn getrauert und nie geheiratet, sie hat weiter auf diesem Hof gelebt, selbst als die Burg verlassen wurde, ist Alice dortgeblieben.

Alice wusste, dass Alfred nicht mehr heimkommen kann, da er gefallen war, aber in Alice Kopf und Herzen war sie immer mit Alfred verbunden.

Und je älter und einsamer Alice wurde, wurde Alfred wieder zur Realität.
Und sie blieb auf dem Hof, damit Alfred sie bei seiner Rückkehr auch wiederfindet.

Dass Alice auch jetzt mit 93 und dement immer noch Alfred zum Lebensinhalt hat, ist da ja nachvollziehbar.

Alle Mitarbeiter des Krankenhauses waren tief getroffen und gerührt von dieser Geschichte.

Nur blieb allen Beteiligten nichts anderes übrig, als Alice in die Obhut des Pflegeheimes zu geben, weil es nicht möglich war, die alte demente Dame in diese schlimmen häuslichen Verhältnisse zurück zu geben.

Wie schön wäre es gewesen, wenn es jemanden gegeben hätte, der ihr die Kate hätte renoviert, eine Pflegekraft zur Seite gestellt hätte und sich um Alice in ihrer seit 87 Jahren gewohnten Umgebung zu kümmern. Leider ist dies in Deutschland so nicht vorgesehen.

Alice verstarb innerhalb zweier Monate im Pflegeheim, immer mit dem Rufen nach Alfred auf den Lippen.

Petra Windhausen, Maria-Hilf-Krankenhaus – Platz 2

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