Demenzgeschichten – Ein Leben

Ich heiße Else. Der Name hat mir nie gefallen. Viel lieber hätte ich Isadora geheißen, wie die große Duncan. Ich habe gerade einen runden Geburtstag gefeiert, mit Kind und Kegel, wie man sagt. Abends waren wir im Theater bei einer Ballettaufführung. Mein Gott! War das schön. Die Tänzerinnen in ihren Tütüs beim Spitzentanz und die Tänzer… Anmutig und stark, muskulös und grazil, ein wenig Hermaphrodit. Aber nein, sie sind einfach bewundernswert. Ich habe auch Ballettunterricht gehabt, aber ich wurde zu groß. Schade.

In der Pause gab es ein Glas Sekt. Das war wie früher, als ich als Assistentin der Geschäftsleitung regelmäßig an Empfängen teilnahm, ja teilnehmen musste. Die Prickelbrause war nie mein Fall. Bier war mein Lieblingsgetränk! Das konnte Georg, mein Mann nie verstehen. Er war als Weinkenner verschrien, oder besser berüchtigt, denn er konnte keinen Schluck ohne Kommentar hinunterbringen. Na ja! Schon seit einiger Zeit weilt er nicht mehr unter uns und ich hoffe für ihn, dass es im Himmel Weinberge gibt.

Jetzt ein Bier, das wäre toll!

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Ich werde Else gerufen. Kein Mensch nennt mich Isadora, wahrscheinlich weil niemand weiß, dass ich lieber diesen Vornamen gehabt hätte. Die Frau, die mein Vorbild war und göttlich tanzen konnte, hieß wie ich. Sie war mit einem Russen zusammen, auch ein Tänzer. An seinen Namen kann ich mich nicht erinnern. Ist nicht so wichtig. Meine Tochter könnte ich vielleicht fragen, wenn sie nur daran interessiert wäre. Tanzen wäre meine Berufung gewesen, auf der Bühne stehen, nicht Büroarbeiten. Georg hatte keine Ahnung von Tanz. Er konnte nicht einmal anständig Walzer tanzen. Wie hieß noch dieser Russe? Juri, Igor? Es gibt so viele schöne Männernamen.

Jetzt ein Bier, das wäre toll!

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Ich bin also Else. Jedenfalls sagt das die freundliche Dame, die mir das Frühstück gebracht hat. Frau Else. Wie das klingt. Sie kann nicht wissen, dass ich eigentlich ganz anders heiße: Isadora. Ich will sie nicht verwirren. Die anderen werden es ihr schon sagen. Früher, als ich noch auf der Bühne tanzte, kannten alle meinen Namen. Ich schwebte in luftigen Gewändern wie eine griechische Göttin. Alles war leicht, alles war möglich.
Wie soll mein Mann geheißen haben? Georg? Das kann ich kaum glauben.
Er soll Prokurist gewesen sein? Ich war mit einem Tänzer liiert und niemals verheiratet. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden.

Jetzt ein Bier, das wäre toll!

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Liebes Kind, nennen sie mich Isadora. Ich werde ihnen gern ein Autogramm geben. Ich weiß nicht, wo diese Else geblieben ist. Sie war wahrscheinlich vorher hier und jetzt ist sie weg. Wenn ich von diesem Rollstuhl befreit sein werde, kann ich ihnen beweisen, dass ich die größte Tänzerin bin, die jemals gelebt hat. Paris, London, Sankt Petersburg, Wien …. Ich war überall die gefeierte Diva. Ich muss ihnen einmal in mein Fotoalbum zeigen.

Jetzt ein Bier das wäre toll!

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Ich kenne sie nicht. Wo ist meine Garderobe? Warum befinden sich so viele Leute in meinem Zimmer? Herr Doktor! Sie sind mein Leibarzt. Ich bin kerngesund, bis auf die Kopfschmerzen und dumme Gedanken. Wer soll das sein? Meine Kinder sind ertrunken. Ich bin allein.

Jetzt ein Bier, das wäre toll!

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Ist das nicht schön? Das Nationalballett und Schwanensee. Das habe ich immer am liebsten gehabt. Natürlich war ich die Primaballerina! Alle waren begeistert und glücklich.

Jetzt ein Bier, das wäre toll!

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Wie? Ein Bier? Ja, jetzt ein Bier das wäre toll!

André Hénocque – Platz 3

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