Thementag „Flucht und Asyl“

In Bergheim angekommen

Halbzeit in der „Woche der Vielfalt“. Integrationsbeauftragte Karin Neugebauer hatte Akteure, Experten und freiwillig Engagierte zum Austausch in Bergheimer Medio geladen. Beim Thementag „Flucht und Asyl“ konnten Bürger Fragen stellen und sich ausführlich über Projekte und Hilfsangebote informieren. Im Erzählcafé kamen Migranten, Ehrenamtler und Fachleute miteinander ins Gespräch. Moderator und Netzwerker Sedat Sari, der selbst aus einer türkischen Familie kommt, führte locker durch das Programm.

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Jung, motiviert und voller Tatendrang

Der Syrer Shirko Mamo ist erst seit drei Monaten hier. Der 26jährige, der mit seinem Vater in der Türkei festgehalten worden war, floh zu Fuß über die Balkanrute und war glücklich, nach drei Jahren endlich seine Mutter und seine drei jüngeren Brüdern (15, 16, 21) in Bergheim wiederzusehen. Im Zuge der Familienzusammenführung konnte jetzt auch sein Vater nachkommen. Der Mathe- und Physiklehrer will die Arbeit der internationalen Klasse am Gutenberg-Gymnasium ehrenamtlich unterstützen.

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Shirko (links) mit seinem Bruder Fanar

Geschockt war Shirko, dass sein kleiner Bruder in den zwei Jahren in Deutschland nur radebrechend Deutsch sprach und – geparkt in der Hauptschule –wohl eher schlechte Zukunftschancen hat. „Wir wollen lernen und nicht einfach nur als Problem gesehen werden“, sagt der ausgebildete Computerspezialist. Zum Nichtstun verurteilt sein, nicht arbeiten zu können und keine Aussichten zu haben, ist für ihn unvorstellbar. Deutschland sei das einzige Land, das die Tür für Flüchtlinge öffnet. Dafür sei er sehr dankbar und will gern etwas zurückgeben. So arbeitet er gerade mit Daniela Hermes aus Bergheim an einem E-Learning Sprach-Programm. Die Lernsoftware soll hoch­motivierten Flüchtlingen mit Computerkenntnissen die Integration erleichtern.

 

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Milizia aus Serbien (r.) erzählt Heidi Justen-Königs ihre Geschichte

Milizia, 21, kommt aus Serbien. Die junge Frau floh mit ihrem Mann. Der ausbebildete Automechaniker war beim Militär und wollte nicht länger mit Gewehren an der Grenze auf andere Menschen zielen oder sein Leben in minenverseuchtem Gelände aufs Spiel setzen. Sie selbst verlor bei einem gewaltsamen Überfall ihr Baby. Seit sieben Monaten in Quadrath-Ichendorf ist sie endlich in Sicherheit und hat sogar etwas Deutsch gelernt. Ihr größter Traum: Wieder als Erzieherin arbeiten. In Frieden leben und keine Angst mehr haben.

„Haltung zeigen“

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Kimberley Colegrove vom Kinderhilfswerk UNICEF

Auch Kimberley Colegrove, ehrenamtliche Leiterin der UNICEF-Arbeitsgruppe in Köln, ist eine „Dazugekommene“. Die US-Amerikanerin lebt seit 31 Jahren in Köln und schätzt an den Deutschen besonders ihre Fähigkeit zum Krisenmanagement. „Wenn ein Land diese schwierige Situation meistern kann, dann ist es Deutschland“, sagte sie in ihrem bewegenden Vortrag über Flüchtlingskinder. Jeder vierte Asylbewerber in Europa sei minderjährig. Doch ihre Rechte würden oft missachtet. In NRW sind Flüchtlingskinder beispielsweise erst dann schulpflichtig, sobald sie einer Kommune fest zugewiesen sind, also nicht länger in einer Landeseinrichtung wie z.B. der Dreifachturnhalle am Gutenberg-Gymnasium untergebracht sind. Je nach Aufenthaltsdauer bedeutet dies eine Verzögerung über mehrere Monate, je nach Herkunftsland noch länger. „Kinder werden leicht übersehen – es liegt an jedem einzelnen, Haltung zu bewahren und sich für die Menschenwürde einzusetzen“, so Frau Colegrove.

Von Andrea Floß

 

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