Meine Eltern benehmen sich wie Kinder…

„Meine Eltern benehmen sich wie Kinder.“
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Es begann mit Papas Ruhestand vor einem Jahr. Davor hatten sich meine Eltern auf diese Zeit gefreut, doch als es so weit war, kam alles anders. Jetzt, wo Papa nicht mehr ins Büro ging, schien er nichts mit sich und seiner vielen Freizeit anfangen zu können. Er war schlecht gelaunt und wortkarg.
Am Anfang versuchte meine Mutter noch Rücksicht zu nehmen und ihn ein bisschen aufzuheitern… aber nach ein paar Wochen war auch sie zunehmend gereizt.
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Beim letzten Besuch wartete mein Mutter noch nicht mal, bis ich meine Jacke ausgezogen hatte, sondern fing gleich im Flur an zu wettern:“ Du kannst dir nicht vorstellen, was dein Vater sich wieder geleistet hat…“ Als sie kurz Luft holte, unterbrach ich sie: „Mutti, bitte lass mich doch erst mal reinkommen… ich hatte einen harten Tag.“
In dem Moment tauchte mein Vater auf und stichelte: “ Du weißt doch, wie deine Mutter ist, die Dame denkt nur an sich.“ Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu schreien…
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Ich konnte sie ja beide verstehen. Jahrelang hatte meine Mutter meinem Vater den Rücken freigehalten und sich damit abgefunden, dass er für seine Karriere Überstunden machte. Sie hatte wohl gehofft, dass mit dem Ruhestand eine Zeit der gemeinsamen Aktivitäten anbrechen würde. Doch statt mit ihr ins Kino zu gehen, sie zum Essen auszuführen, eine Radtour zu machen oder mal den ein oder anderen Städtetrip, verkroch sich mein Vater stundenlang im Hobbykeller oder hinter der Glotze. Die Stimmung war auf dem Nullpunkt und es war nicht mehr zu übersehen: Meine Eltern hatten eine echte Ehekrise. Nach über 40 Jahren gab es nur noch Wut, Enttäuschung und Vorwürfe. Und nachdem das Wort Scheidung erst mal ausgesprochen war, gab es kein Halten mehr. Nie hätte ich mir vorstellen können, meine Eltern so erleben zu müssen. Sie stritten wie kleine Kinder um Bagatellen und der Ton wurde immer feindseliger. Aus dem gemeinsamen Haus wollte keiner ausziehen und wenn die Lage nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich über so viel Sturheit vielleicht gelacht.
Ich versuchte zu vermitteln und sagte: „Entweder ihr geht zu einer Eheberatung, oder ich setzte keinen Fuß mehr über die Schwelle!“
Das machten sie tatsächlich, aber gebracht hat es nichts. Beide erzählten hinterher, wie unmöglich sich der andere verhalten habe. Ich hätte heulen können und ich weiß wirklich nicht mehr weiter…
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von Gertrud Breuer

 

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