Türchen 3

Das Türchen 3 ist geöffnet …

Weihnachten 1955
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Damals war ich 8 Jahre alt und ich erinnere mich sehr gerne daran, wie wir die Vorweihnachtszeit und Weihnachten verbrachten. Meine Mutter war alleinerziehend mit drei Kindern und die ersten Nachkriegsjahre waren wir
recht arm… wie viele andere auch. Mitte der 50iger Jahre wurde es Dank des „Wirtschaftswunders“ stetig besser und so konnte sie uns Kinder mehr verwöhnen. So gab es nicht nur einen einfachen Adventkalender, sondern die Mutter
hatte einen selbst gebastelt mit vielen kleinen Säckchen und meistens rannte ich schon morgens im Schlafanzug in die Küche um das entsprechende kleine Geschenk zu suchen und auszupacken. Als das Nesthäkchen freute ich mich natürlich am meisten, wenn wir am 4. Dezember die Schuhe blitzblank geputzt vor die Tür stellen durften und am nächsten Morgen hatte die Heilige Barbara sie mit Süßigkeiten gefüllt. Auch schnitten wir Kirschzweige ab und stellten sie in eine Vase, damit sie an Weihnachten blühen sollten. Zwei Tage später kam schon der Nikolaus…. leider in Begleitung eines schrecklichen Gesellen, den wir Hans Muff
nannten. Dieser machte mir etwas Angst, voller Ruß im Gesicht, auf den
Knien herumrutschend, mit Ketten und Rute ausgestattet. Der Heilige Mann war aber immer freundlich und wenn wir das Lied „Nikolaus komm in unser Haus“ gesungen hatten, schaute er in sein großes Buch, wo alle Verfehlungen und guten Taten aufgelistet waren. Gott sei Dank muss meine Bilanz wohl
ausgeglichen gewesen sein, denn dann gab es ein kleines Geschenk aus dem großen Sack und einen Schoko-Nikolaus. Eine liebe Idee hatte meine Mutter, indem sie in den folgenden Wochen ab und zu eine kleine Süßigkeit zum Beispiel auf die Fensterbank oder die Treppe legte und sagte: „Oh… das hat wohl ein Engelchen verloren.“ Mal ein Stern mit goldenem Glitter, mal ein Knickebein, mal ein Stückchen
Nougat. Dann war es an der Zeit die Weihnachtsplätzchen zu backen und ich durfte helfen. Es war einfaches Gebäck, aber es schmeckte himmlisch. Beim Mürbeteig durfte ich ausstechen und verzieren mit Glasur und bunten Perlen. Wenn das Spritzgebäck gebacken war, durfte ich einen Teil in Schokolade
tunken. Köstlich!… aber dann wurden sie versteckt bis zum Fest.
Dann kam der 24. und es war sehr angenehm, dass ich mir die Zeit bis zur Bescherung etwas vertreiben konnte. Ich war Mitglied bei den Pfadfindern und treu dem Motto… jeden Tag eine gute Tat… gingen jeweils kleine Grüppchen von 5 Mädchen am Nachmittag in die Nachbarschaft zu alten Menschen, die alleine waren. Dort sangen wir einige Weihnachtslieder und
eine von uns las das Weihnachtsevangelium vor. Das war sehr schön, weil die Senioren so gerührt waren und sich freuten und uns auch manchmal Printen oder Spekulatius schenkten. Auf dem Heimweg wurde es dann schon dunkel und es war so feierlich durch
etliche Fenster einen Blick auf fremde Weihnachtsbäume zu erhaschen. Zu Hause angekommen, schaute dann Mutter im Wohnzimmer nach, ob das Christkind schon dagewesen war. Ein Glöckchen läutete und wir durften eintreten und der Baum mit echten Kerzen und Lametta und Kugeln geschmückt war ein Traum.
Natürlich gingen meine Augen schon rund, was denn mein diesjähriges
Geschenk vom Christkind wäre… Es war nicht zu übersehen: Eine Puppenküche! Aber zuerst musste ich ein Weihnachtsgedicht aufsagen… Markt und Straßen
steh´n verlassen. Ganz schön schwierig die Nerven zu behalten.
Endlich durfte ich die Puppenküche in Besitz nehmen. Ich weiß noch genau, wie sie aussah, blau-weiss, mit vielen recht großen Schubladen und kleinen Hängeschränken. Super ausgestattet mit viel Geschirr, Nudeln, Reis und einem echten kleinen Herd. Ich war begeistert!
Spät am Abend gingen wir zur Kirche in die Christmette und obwohl ich sehr müde war, habe ich mich aus ganzem Herzen beim Christkind bedankt.
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von Gertrud Breuer

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