Der Dämon der Begierde … Teil 1

Der Dämon der Begierde
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Zwei Frauen saßen im Cafe und hatten ein großes Eis vor sich. Die mollige Frau sagte zu der schlanken: “ Ich würde ein Jahr meines Lebens dafür geben, schlank zu sein.“ „Dann hör auf, soviel zu essen“, entgegnete die Freundin. „Was habe ich denn sonst vom Leben? Das Laufen fällt mir schwer, ich bekomme schlecht Luft und die Männer interessieren sich nicht für mich,“ sagte die nicht hässliche, aber viel zu dicke Frau und schob sich einen Löffel Sahne in den Mund. Plötzlich guckte sie ganz komisch… als wenn sie einen Geist sehen würde.

Sie sah ein kleines Männlein, das schillernd grün vor ihr stand. „Ich bin der Dämon der Begierde. Dein Wunsch kann dir erfüllt werden. Ein Jahr deines Lebens, dafür dass du immer schlank bist. Aber überlege es dir gut, wenn du zusagst, gibt es kein Zurück. Heute Nacht komme ich deine Antwort holen.“
Das Ganze hatte nur wenige Sekunden gedauert und sie beschloss, der Freundin nichts davon zu sagen. Den ganzen Nachmittag und dann, als sie allein zu Hause war, wirbelten die Gedanken durch ihren Kopf. Fing sie an zu spinnen? Ob das seltsame Männchen wirklich wiederkommen würde? Und wie sollte sie sich entscheiden? Was war schon ein Jahr, im Verhältnis zu ihrem trostlosen Leben jetzt? Sie ging nicht zu Bett, sondern setzte sich in ihren Lieblingssessel und wartete. Nur langsam verging die Zeit…gleich würde der Tag vorbei sein…
Da tauchte das Männlein aus dem Nichts auf und stand vor ihr. Fasziniert beobachtete sie, wie es seine Gestalt veränderte. Mal war es klein, mal riesengroß. Mal dünn, mal dick, hässlich und gierig, schön und unschuldig.
„Wie ist deine Entscheidung? Ein Jahr deines Lebens gibst du dafür, immer schlank zu sein?“ „Wer bist du?“ fragte sie, um ein bisschen Zeit zu gewinnen. „Ich bin ein Dämon. Meine Aufgabe ist es, Menschen zu helfen, wenn sie nicht fertig werden mit ihrem Leben. Ich bin einer von vielen. Es gibt Dämonen für Krankheiten, Schicksalsschläge, finanziellen Ruin, Süchte, also alles, wodurch der Mensch lernt, mit seinem Schicksal zurecht zu kommen. Aber ich habe noch viel zu tun, also sag mir jetzt deine Entscheidung.“
“ Ja, ich hasse dieses Leben, ich will schlank sein, alles andere kommt dann von selbst.“  „Sicher kommt nicht alles andere von selbst. Aber vielleicht lernst du auf diese Weise, zu erkennen, was der Sinn deines Lebens ist. So sei es denn. Morgen wirst du von einem Auto angefahren werden und ein Jahr lang im Koma liegen.“ Ihre Augen wurden groß. „Aber… doch nicht jetzt. Ich dachte ein Jahr am Ende meines Leben, wenn ich alt und krank bin. Nein morgen nicht! Ich geh einfach nicht aus dem Haus.“ Der Dämon sagte ruhig: „Das hilft dir nicht. Wir haben nicht ausgemacht, wann es sein soll. Ein Jahr im Koma, künstlich ernährt, abgemagert… dann wirst du ins Leben zurückkehren, kaum noch essen, immer schlank bleiben. Du wirst das tun, was du auch jetzt schon tun könntest: Bewusst leben… erkennen, dass der Wert des Lebens nicht im Essen liegt.“ Sie zitterte am ganzen Körper. „Nein“ schrie sie, „Ich will das nicht! Ich will kein Jahr im Koma liegen!“ Aber das Männlein war schon verschwunden. Sie lag die ganze Nacht schweissgebadet im Bett und überlegte, ob sie sie sich das alles nur eingebildet hatte. Am nächsten Morgen ging sie zur Arbeit. Als sie langsam und vorsichtig die Straße überquerte, raste ein Sportwagen auf sie zu. Mit quietschenden Bremsen stoppte er im letzten Moment und ein junger Mann beugte sich aus dem Fenster und lächelte verlegen. „Entschuldigen Sie vielmals, ich habe nicht aufgepasst. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Dieser junge Mann… sah er dem Dämon nicht ähnlich? Ihre Arbeit erledigte sie rein mechanisch. Beim Mittagessen bekam sie kaum einen Bissen herunter, so dass die Kolleginnen sie erstaunt anschauten.  Auf dem Nachhauseweg musste sie plötzlich lächeln. Ihr wurde bewusst, dass sie ja noch lebte und sie schlug einen anderen Weg ein, als sonst. Sie kam in den schönen Stadtpark, wo sie schon viele Jahre nicht mehr gewesen war, und setzte sich auf eine Bank. Die Rosen verströmten einen betörenden Duft, Vögle sangen in den Bäumen und sie fühlte sich sehr wohl.
Ein Mann kam den Kiesweg entlang und fragte sie, ob er sich dazu setzen dürfe.
Er wirkte freundlich und offen. Nach einer Weile holte er Papiere aus seiner Aktentaschen, kramte nervös darin und brummelte vor sich hin. Sie konnte sich nicht zurückhalten und fragte:“ Was ist los, sie wirken so nervös?“ Der Mann schaute überrascht hoch, worauf sie zusammen zuckte. Waren das nicht die Augen des Dämons? 

von Gertrud Breuer

Fortsetzung der Geschichte folgt!

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