Demenzgeschichten: „Sagen se mal“

Was aus „Sagen se mal“ so alles werden kann…

„Sagen se mal“, spricht mich meine Sitznachbarin anlässlich einer Veranstaltung von der Seite an. „Sie haben doch Hunde – oder?“ „Ja“, antworte ich, „ich habe zwei Tierschutzhunde…“ – „Können Sie mit denen nicht mal vorbeikommen? Ich arbeite in einer Senioreneinrichtung im Sozialen Dienst. Für die Bewohner wäre „Hundebesuch“ ein richtiges Highlight“…

Kurze Überlegung… „Wir können es ja mal probieren“, lautet die Antwort eher zögerlich. Tausend Sachen schießen durch meinen Kopf. Meine Hunde sind nicht speziell ausgebildet. Schließlich haben wir nur den „Hundeführerschein“. Die Tiere sind gehorsam, sozialverträglich und aufgrund meiner Vollzeittätigkeit durch Tagesbetreuung an ältere Menschen mit Gehstock und Rollator gewöhnt. Reicht das an Voraussetzungen??? – Einen Versuch ist es in jedem Fall wert, entscheide ich kurzerhand still für mich.

Termin gemacht, Lieblingsspielzeuge, Luftballons, Futterbälle, Leckerli und einiges mehr zusammengestellt und los geht’s.

Die Seniorinnen und Senioren sind in freudiger Erwartung. „Super, Hunde kommen… – Ist denn auch was zum Knuddeln dabei?“ ist die erste Frageeiner Seniorin. „Natürlich“.

Unsicher lasse ich die Hunde Geruchskontakt aufnehmen um zu testen, ob „die Chemie“ zwischen Bewohnern und Hunden stimmt… – Völlig ohne jede Art und Form von Berührungsängsten gehen die Tiere vorsichtig und rücksichtsvoll auf die Bewohnerinnen und Bewohner zu. Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer im großen Stuhlkreis erhält „zum Kennenlernen“ ein Leckerli für jeden Vierbeiner. Super, „das Eis“ ist gebrochen.

Wie sich bald herausstellt, ergänzen sich die sehr unterschiedlichen Charaktere meiner Hunde genial. Trixie, die „Kuschelmaschine“, darf den Anfang machen, denn der „Niedlichkeitsfaktor“ ist auf unserer Seite. Ver-gnügt und kontaktfreudig fühlt sie sich auf jedem Schoß „pudelwohl“. Streichelnde und kosende Hände auf ihrem kleinen Körper kann es nicht genug geben. Was für ein Glück, Mensch und Hund genießen die Zeit sichtlich. Das ist unverkennbar. Die Hälfte „unserer Zeit“ ist schon vorbei, als wir mit der „Kuschelrunde“ durch sind.

Trixie hat ab jetzt frei. Sie bekommt einen Luftballon und spielt im Raum.

Jetzt folgt Leilas „großer Auftritt“. „Kuscheln“ gehört nicht zu ihren Stärken. Sie ist sehr aktiv, Bälle, ungeachtet der Größe, sind ihre große Leidenschaft. – Ein Ball-Junkie eben. Ihr lebhaftes Wesen reißt alle Senioren mit. Luftballons werden zugespielt, die sie freudig mit der Nase in die Luft oder zurück zu den Bewohnern „kickt“. „Zirkusreif“, stellen die Damen vom Sozialen Dienst, ebenso positiv überrascht wie bewundern fest.

Die Hunde genießen es, die Aufmerksamkeit der Bewohnerinnen und Bewohner zu gewinnen und alle Anwesenden im Stuhlkreis sind eifrig „dabei“. Spaß haben ist für Bewohnerinnen und Bewohner Trumpf. Viel wird gelacht, und völlig unbemerkt die Sinne aktiviert. Kurzum, auch für mich ist es eine tolle Erfahrung, „ein Heidenspaß“ für alle Beteiligten.

Unser Besuch ist kurzweilig und alle bedauern sehr, wie schnell die Stunde vorüber ist. Dürfen wir wiederkommen? – Na klar, so schnell wie möglich.

Unverkennbar, ein neues Projekt ist geboren. – Das war Ende 2016. Inzwischen sind wir vier Mensch/Hund-Teams, die in stationären Pflegeeinrichtungen und Tagespflegen Gruppen von Menschen mit demenziellen Veränderungen in den unterschiedlichsten Stadien der Erkrankung ehrenamtlich, nach Terminabsprache, ein wenig „Freude schenken“. Aufgrund der stetig steigenden Nachfrage – Tendenz steigend.

Tiere, insbesondere Hunde, entpuppen sich als wahre „Türöffner“. Ohne Vorurteile oder Berührungsängste gehen sie auf Menschen zu und zaubern selbst denjenigen ein Lächeln aufs Gesicht, wo menschlichen Zugang unmöglich geworden ist.

Lachen und Lächeln der Bewohnerinnen und Bewohner oder Gästen in Tageseinrichtungen sind der schönste Lohn. Für mich ist jeder Besuch eine neue Erfahrung, die nicht nur Spaß im Ehrenamt macht, sondern zur sinnvollen, erfüllenden und bereichernden Aufgabe geworden ist.

Von Renate Könen, Tierfreunde Rhein-Erft

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