Gut Vorlesen will gelernt sein

Aus der Online-Vorlesewerkstatt für Demenz-Lesepaten am 11.12.2020

Kann man Muskelkater im Gesicht haben? Laut dem erfahrenen „Bühnenhörspieler“ Wolfgang Rosen ist das gar nicht so selten, wenn man die Aufwärmübungen vor dem Vorlesen ernst nimmt. Summen, Gähnen, Grimassen schneiden, Bauchatmen oder Händeklatschen versorgen den Körper mit Sauerstoff und suggerieren dem Gehirn schon mal gute Laune. Wer sein Publikum fesseln will, sollte sich auf seinen Vorlese-Auftritt gut vorbereiten und sich in die Geschichte und Charaktere hineinfallen lassen.

Sechs angehende Lesepaten und zwei Gasthörer waren die ersten, die sich auf das Online-Abenteuer einließen und in einem ganztägigen Seminar am heimischen Bildschirm lernten, wie man Hochbetagten und Menschen mit Demenz aktiviert. Möglich gemacht haben dieses Projekt die Stadtbibliothek Bergheim und die Alzheimer Gesellschaft als Netzwerkpartner in der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz. Das Schulungskonzept, das in Zusammenarbeit mit dem Regionalbüro Alter, Pflege und Demenz Köln und das südliche Rheinland erarbeitet wurde, besteht aus zwei Teilen – das zweite Modul unter der Regie der Alzheimer Gesellschaft NRW ist für Januar geplant und vertieft die Kenntnisse rund um das Thema Demenz. Sollten die Kontaktbeschränkungen dann aufgehoben sein, könnte die Ausbildungsreihe auch als Präsenzveranstaltung fortgesetzt werden.

Besondere Momente schaffen

Am Freitag, 11. Dezember 2020, hieß es jedoch erst einmal, sich zu Hause online mit der Technik vertraut zu machen. Die meisten haben bereits Erfahrungen, lesen aber hauptsächlich für Kinder. Senioren und Demenzkranke haben ganz andere Bedürfnisse und  und freuen sich über Romane, Krimis, Märchen, kurze Erzählungen oder witzige Anekdoten. Schwindende Sehkraft und mangelnde Konzentrationsfähigkeit erschweren das Selber-Lesen im Alter zunehmend. Ehrenamtliche Vorlesepaten, die in die Einrichtungen gehen oder die Senioren zu Hause besuchen, sind eine willkommene Abwechslung und tragen zu mehr Teilhabe und Lebensqualität bei. Gut angenommen wird auch, wenn die Vorlesezeit unter einem bestimmten Motto steht – die Jahreszeiten aufgreift, schöne Erinnerungen an die Kinder- und Familienzeit weckt, Lieder und Gedichte integriert.

„Schade, dass im Moment alles brach liegt“, bedauerte Anne Keller den pandemiebedingten Stopp der Vorleseangebote in Schulen, Kindergärten und Senioreneinrichtungen. In Ermangelung eigener Enkel in der näheren Umgebung und gesegnet mit einer 100jährigen Schwiegermutter will die rührige Glessener Ortsbürgermeisterin einen Literaturkreis für Senioren starten, in denen Bücher, aber auch aktuelle Nachrichten besprochen werden könnten. Auch Hans-Jürgen Knabben, der in Bergheim das Lesementor-Projekt an Schulen aufgebaut hat und als EFI-Vereins-Vorsitzender, Seniorenportal-Manager und frischgewählter Kentener Ortsbürgermeister auf vielen Bühnen mitmischt, will sein Wissen erweitern und plant künftig neben seiner Tätigkeit als Lesepate für Kinder auch in den Bergheimer Pflegeheimen aktiv zu werden – „wenn das wieder möglich sein wird.“

„Ich freue mich auf mein Publikum“

„Die Isolation tut den Menschen nicht gut“, bestätigt auch Marion Michaelis, deren demenzkranke Mutter im Heim ist. Durch die Kontaktbeschränkungen laufen die Gespräche schleppender, die Themen wiederholen sich öfter. Mit Vorlesen will Frau Michaelis dem entgegensteuern. Hildegard Krämer hatte eine 93jährige Cousine, die sehr belesen und bis zu ihrem Tod fit war – und die sich bei der Literaturauswahl eher unter- als überfordert fühlte. „Wir hatten dann viel Spaß mit der Biografie von Michele Obama.“

Olga Meier-Sander_pixelio.de

Ruheständlerin Renate Könen hat während ihrer letzten 12 Berufsjahre in der Abteilung Pflege und Leben im Alter beim Rhein-Erft-Kreis gearbeitet und kennt sich bestens aus in der Thematik. Als engagierte Tierschützerin bei den „Tierfreunden Rhein-Erft“ besucht sie in ihre Freizeit Senioren mit ihrem dafür bestens ausgebildeten Besuchshund „Trixie“. Die Corona-Zwangspause will sie nun zur Weiterbildung nutzen und dann nach dem Lockdown als zertifizierte Demenz-Lesepatin wieder durchstarten – so auch Gisela Brandt.

Referent Wolfgang Rosen, der auch Schauspieler trainiert, zeigte den Teilnehmern, wie Vorlesen zum Erlebnis wird – wie man Texte „bühnentauglich“ macht,  Stilmittel, Gestik und Mimik einsetzt, Lampenfieber überwindet und die Ruhe bewahrt. Sein Mantra: „Ich bin nicht perfekt, aber gut vorbereitet und freue mich auf mein Publikum.“ Oder, um es mit Rufus Beck zu sagen: „Gutes Vorlesen ist, wenn sich eben keiner langweilt“.

Wer sich auch als Demenz-Lesepate engagieren will, kann sich hier melden – die Termine für 2021 stehen allerdings noch nicht fest:

Kontakt: Stadtbibliothek Bergheim, Werner Wieczorek, Telefon 0 22 71/89-368; stadtbibliothek@bergheim.de
Alzheimer Gesellschaft Bergheim, Anni Wilbertz, Telefon 0 22 71 / 5829326; alzheimer-bergheim@outlook.de

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