Pauline Delsing – Glasmuseum Ichendorf

Von Gläsern und Menschen

GlasmuseumAn einem ruhigen Sonntagmorgen fuhren mein Mann und ich mit unseren Kindern – zehn, acht und vier Jahre alt, zum Holzmuseum in Merscheid bei Morbach im Hunsrück. Wir verbrachten mehrere wunderbare Stunden in der liebevoll gestalteten Ausstellung, die in einer zum Museum umgebauten alten Schule untergebracht ist. Die Kinder konnten viel entdecken, anfassen und ausprobieren. Auch wir Erwachsenen erfuhren viel Neues über Holz.

Wieder zu Hause von unserem Wochenendbesuch bei Opa und Oma, fand mein Mann es schon sehr merkwürdig, dass ein solch kleiner Ort ein Museum hat und die Stadt Bergheim nicht. Diese Erkenntnis tat er in der darauf folgenden Zeit dann auch regelmäßig kund und unterhielt sich vielen Leuten.

Design aus Ichendorf

So erfuhren wir, dass es in Ichendorf seit 1898 eine bedeutende Glashütte gegeben hat. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichte das Werk in den dreißiger Jahren, als hier mit drei Öfen und etwa 700 Beschäftigten vornehmlich geschliffene Kelchgläser produziert wurden. 1938 kamen täglich rund 30.000 mundgeblasene, veredelte Gläser aus Ichendorf, 80 Prozent gingen ins Ausland. Auch das englische Königshaus kaufte hier ein. Nach dem Krieg wurden auch Einmachgläser hergestellt. Die Marke ICHENDORF stand als Begriff für höchste Qualität auf dem Kristallsektor und für bestes Design. Zu den mehrfach ausgezeichneten Trinkglasgarnituren wurde ein breites Geschenkartikelprogramm aufgebaut, daneben Sonderserien mit künstlerischem Anspruch oder historischem Hintergrund. Unter anderem entstanden originalgetreue Nachschöpfungen römischer Gläser. Mehrere Besitzerwechsel und Rationalisierungszwänge machten auch vor der Ichendorfer Glashütte nicht Halt: Im Juni 1986 wurde der Betrieb eingestellt.

Obwohl wir schon seit sieben Jahren in Quadrath-Ichendorf wohnten und unsere Kinder hier zur Schule gehen, hatten wir noch nie davon gehört. Am selben Abend entstand der Gedanke, ein Glasmuseum einzurichten. Also rief mein Mann die Kölner Stadtanzeiger an, um Leute zu finden, die mit uns diese Idee verwirklichen. Ein Reporter kam zu uns nach Hause und hörte sich die Geschichte an. Er wollte ein Bild mit der ganzen Familie. Ich weiß noch, dass ich gar nicht mit auf das Foto wollte: „Nein, nein, lass mal, dass ist dein Ding, mach du das mal“. Am Mittwoch, den 30. Januar 2002, erschien das Foto groß im Kölner Stadtanzeiger – darauf mein Mann, Michael Hölzemer, und unsere drei Kinder, Angelique, Ben und Carolien nebst Hund. Da war ich schon stolz auf meine engagierte Familie.

Liebe auf den zweiten Blick

Recht schnell meldeten sich einige Leute und so wurde im Mai 2002 der Verein Ichendorfer Glasmuseum gegründet. Gründungsmitglied war ich zwar, aber in den Vorstand wollte ich nicht. Also wurden mein Mann Vorsitzender und unsere älteste Tochter jüngstes Gründungsmitglied. Ab da ging alles ganz schnell.

Da die Kinder von Anfang an dabei waren, gab es für mich immer viel zu tun. Es ist schon eine ganz andere Organisation, ob ich alleine zum Vereinstreffen gehe oder zu fünft. So fanden dann irgendwann einfachheitshalber die meisten Zusammenkünfte bei uns zu Hause statt. Da mein Mann einen Vollzeitjob als Maschinenbau-Ingenieur ausübt, blieb automatisch immer viel an mir hängen – die Telefonate und Botengänge tagsüber sowie Notarbesuche, Kassenberichte und der ganze organisatorische Kram.

Die Materie Glas indes fand ich im Laufe der Zeit immer faszinierender. Als Diplom Kreativ Therapeutin und Sozialpädagogin nahm ich immer mehr Anteil am Aufbau der Ausstellungen. Auch die Herstellung von Glas interessierte mich mehr und mehr.
Die historischen Hintergründe haben mich nie so ganz gepackt, aber die viele Geschichten der ehemaligen Glashütten-Mitarbeiter fand ich sehr spannend.

Ausstellungen und Hobbywerkstatt

Diese Begeisterung für Glas und den menschlichen Anteil bei der Herstellung wollte ich gern weitergeben. So habe ich damit begonnen, mit mehreren Jugendlichen zwischen 10 und 16 Jahren zu arbeiten. Die Glashobbywerkstatt war geboren. Über drei Jahren trafen wir uns einmal wöchentlich bei uns zu Hause im Garten und der Werkstatt, um „Hands-On-Vitrinen“, ein Spiegelkabinett, Glasxylophone, eine Murmelbahn, eine Weltkugel aus Glas und was auch immer uns einfiel, herzustellen.

Wir bauten eine große begehbare Spiegelkammer. Ein Oktaeder mit einem Trapezdach, alles mit Glas verkleidet. So groß wie ein Toilettenhäuschen, da konnte man rein gehen und sich wie in ein Kaleidoskop selbst betrachten. Die Spiegelkammer und mehrere andere Objekte sind als Ausstellung durch alle Kindergärten in Quadrath-Ichendorf gegangen, ebenso ins Bergheimer Rathaus. Das war ziemlich aufwändig, das kann ich Ihnen sagen.

Ich musste beim Bauen alles schon so ausrichten, dass die Teile zerlegt werden konnten und in unseren Anhänger passten. Außerdem mussten mit allen Kindergärten Termine für den Auf- und Abbau festgelegt werden. Dafür brauchte ich zwei weitere Erwachsene, die mir an diesen Tagen helfen konnten.

Alle paar Wochen stand wieder ein ganzer Umzugstag mit ab- und wieder aufbauen an. Die nächste Ausstellung ein Jahr später haben wir dann einfachheitshalber direkt in unseren Garten verlegt. Zwei Monaten lang stand die 35 m² Ausstellung im Garten.
In der Woche konnten sich Kindergärten oder Schulklassen anmelden (wir haben zum Glück ein sehr großes Grundstück). Sonntags war jedes Mal Tag der offenen Tür mit Kuchen und Kaffee.

Gemütliche Truppe

Noch viele interessante Gespräche, faszinierende Geschichten und große Ausstellungen folgten. Dazu Jahreshauptversammlungen, Sitzungen bei uns zu Hause, gemeinsame Essen mit Vereinsmitgliedern und zwei GlasKunstMärkte im Bergheimer Medio.

Ich habe mir immer mehr zugetraut und bin an der Aufgabe gewachsen: Mittlerweile bin ich auch im Gründungsvorstand des Vereins zur Einrichtung eines Museums in Bergheim, dem heutigen BergHeimat.

Manchmal wird mir alles zu viel. Aber wenn ich mich wieder mit Glas und dem ganzen Drumherum beschäftigen kann, freut mich das sehr. So sind wir schon 12 Jahre unterwegs in Sachen Glas.

Die Kinder nehmen zwar Anteil, haben aber natürlich schon längst ihre eigenen Hobbys. Mein Mann und ich machen weiter – mal sehen, wo es uns so hinführt. Die Zusammenarbeit im Verein macht Spaß, wir sind ein gemütliche Truppe. Jeder macht, was er kann und wann er es kann.

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