Türchen 22

Das Türchen 22 ist geöffnet …

Erinnerungen…

Der Morgen des 24 Dezember meiner Kindheit begann immer völlig unspektakulär.
Mein Vater hatte seine graue Wollweste an und pfiff vergnügt ein Liedchen, wenn er die verstaubten Kisten mit Kugeln und Dekorationen vom Dachboden herunter holte. So begann Weihnachten für mich: An der Hand meines Vaters kauften wir einen Weihnachtsbaum. Nicht so groß sollte er sein, er wurde immer auf die Ecke des schweren Eichenschreibtischs im Wohnzimmer gestellt.
Warum wir immer, wirklich immer, erst 1-2 Std. vor Verkaufsschluss den Baum kauften weiß ich nicht. Aber ich durfte ihn aussuchen, wobei die Auswahl zu diesem Zeitpunkt nur noch klein war. Meine Wahl fiel meistens auf eine bescheidene Fichte, ein dünnes Bäumchen, mit meist nur ein paar Ästen die willkürlich krumm und schief in alle Richtungen abstanden. Mein pubertierender Bruder stellte spöttisch in Abrede, dass wir den besten Baum gefunden hatten. Aber er wurde der Schönste, jedes Jahr. Mein Vater war ein Dekorationsgenie.
Den Engel mit dem Rauschehaar durfte ich auf die Spitze setzen und gemeinsam warfen wir silbernes Lametta mit ausholender Geste auf die Zweige, bis der Baum unter der metallenen Last fast erdrückt wurde. Meine Mutter gab sich plötzlich geheimnisvoll, schickte uns aus dem Zimmer, gleich hinaus ins Freie. Wie sind mir diese Stunden in der einsetzenden Dämmerung noch in Erinnerung. Sehe uns gut gelaunt durch den Schnee stapfen, die alten Straßenlaternen beleuchteten die Stadt, die plötzlich so still und festlich war.
Zuhause wartete meine Mutter in ihrem schönsten Kleid auf uns, köstliche Gerüche wehten aus der Küche heraus. Das gläserne Glöckchen läutete und die Schiebetür zum dunklen Wohnzimmer wurde geöffnet. Da stand der Weihnachtsbaum, mit den brennenden Kerzen strahlte er schwelgerisch glitzernd. Unter ihm stapelten sich die bunt verpackten Geschenke.Der arg nadelnde Baum wurde immer kurz nach Sylvester auf die Straße gestellt, begleitet von dem jedes Jahr wiederkehrenden Witz meines Vater: „Tannenbaum zu verkaufen, nur einmal dran gesungen“.
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von Reni Petersen

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