Vertrauen statt Modul – „IstZeitPflege“
Schon wieder ein Beispiel aus Baden
In Baden-Württemberg gibt es nach Angaben des Statistischen Landesamtes aktuell 1.297 ambulante Pflegedienste. 102.736 der insgesamt 624.831 Pflegebedürftigen werden von diesen zu Hause betreut. Für viele Pflegekräfte bedeutet das bislang einen durchgetakteten Arbeitsalltag mit engen Zeitfenstern und festen Abläufen. Wie anders Pflege organisiert werden kann, zeigt das Modellprojekt „IstZeitPflege“, das seit 2019 von der Caritas Hochrhein in Zusammenarbeit mit der AOK Baden-Württemberg und den Pflegekassen in Baden-Württemberg umgesetzt wird.
Im größten Bundesland Nordrhein-Westfalen gab es Ende 2023 insgesamt 1,39 Mio. Pflegebedürftige. Davon mussten 1.217.708 zu Hause gepflegt werden. Die Unterstützung der 3 205 ambulanten Pflegediensten mit 96 084 Personen reichte zur fachlichen Versorgung von 240.078 = 20 % in der Häuslichkeit. Die Not der pflegenden Angehörigen ist nicht minder groß. Bezeichnend ist die Aussage: „Bei vielen alleinlebenden Pflegebedürftigen wird durch die Mitarbeitenden der ambulanten Dienste eine zunehmende Vereinsamung festgestellt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien häufig der einzige soziale Kontakt für die Betroffenen. Zeit für die „soziale Pflege“ sei nicht vorhanden, was für die Pflegebedürftigen aber auch für die Mitarbeitenden belastend sei. Dieser Personenkreis ist daher verstärkt zu betrachten.“ Aus kommunaler Pflegeplanung Stadt Bottrop Seite 101. Weiter heißt es Seite 116: „Prüfung des Aufbaus einer strategischen Seniorenplanung – Diese gibt es in Bottrop bislang allerdings noch nicht.“ Soweit wie in Bottrop gehen die wenigsten Aussagen in den Kommunen.
Die Pflege ist in einem katastrophalen Zustand
Grundlage ist ein transparentes Kalkulationsschema, das unter anderem Nettojahresarbeitszeiten, Personalkosten nach Qualifikation, Overhead- und Investitionskosten sowie wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Ziel ist eine nachvollziehbare und wirtschaftliche Vereinbarung der Zeitvergütung für jeden beteiligten Pflegedienst.
Grundsätzlich können alle Pflegedienste, die in Einzelverhandlungen mit den Pflegekassen in Baden-Württemberg treten, dieses Abrechnungsmodell nutzen.
„IstZeitPflege“ steht damit für einen strukturellen Ansatz, der die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung, einen effizienten Einsatz fachpflegerischer Personalressourcen in den Systemen von SGB XI und SGB V sowie die Zufriedenheit von Pflegebedürftigen und Pflegekräften gleichermaßen in den Blick nimmt. Das Projekt zeigt, dass eine veränderte Vergütungsform die Organisation der Pflegepraxis vor Ort spürbar beeinflussen kann, indem Zeit nicht als starre Vorgabe, sondern als individuell steuerbare Ressource verstanden wird.
Selbstverantwortung – Pflege neu gedacht
Aus Erfahrung kann gesagt werden, jede Veränderung im Arbeitsablauf stößt oft auf Skepsis und wird erst einmal pauschal abgewehrt. Umschrieben aus Sorge vor zusätzlicher Bürokratie, Verlust persönlicher Nähe oder unklaren Verantwortlichkeiten. Solange die wirklichen Gründe unausgesprochen bleiben werden notwendige Veränderung bekämpft.
Unklare Verantwortlichkeiten ein Argument, welches den Herrschaftsanspruch zementieren soll und gleichzeitig eine Angst gegenüber dem notwendigen Einsatz der Technik und dem Mitarbeiter ausdrückt.
Die Gesundheitsversorgung steht vor einem tiefgreifenden Wandel: neue Versorgungsmodelle, interprofessionelle Zusammenarbeit und digitale Technologien eröffnen enorme Chancen für Patienten, Ärzte und das gesamte Gesundheitssystem. Allein der jahrzentelange Kampf um die Einführung der elektronischen Patienten Akte (ePA), zeigt den Widerstand auf.
Ambulante Dienste können bereits überwiegend Singles ohne Angehörige noch pflegen!
„IstZeitPflege“ – ein Muss
Nur wenn der entsprechende Druck von den ambulanten Diensten und den Angerhörigen aufgebracht wird, werden sich andere Landespflegekassen bewegen. Nicht vergessen werden darf die Unterstützung der Seniorenorganisationen und der Verbände in den Kommunen.
Jeder kann pflegebedürftig werden und bedarf der Hilfe und Unterstützung.
Bei den Gesundheitsausgaben belegt Deutschland den europäischen Spitzenplatz, doch bei der Lebenserwartung reicht es nur fürs Mittelfeld. Gesundheitsförderung und Prävention müssen daher in allen gesellschaftlichen Bereichen einen deutlich höheren Stellenwert bekommen. Setzen wir die Erkenntnisse um.
Die Zukunft der Pflege entscheidet sich bei der verantwortlichen und effektiven Steuerung und Sicherstellung vor Ort. Solange nicht klar geregelt ist, wer für eine sektorenübergreifende, integrierte und bedarfsgerechte Versorgung verantwortlich ist und diese Verantwortung auch verbindlich wahrnimmt, bleibt Pflegepolitik reaktiv statt gestaltend und verpasst so Chancen der Prävention und ganzheitlichen Betreuung. Die bewußte Vergemeinschaftung der Verantwortung, § 8 Abs.1 SGB XI, erlaubt es den gewerblichen Anbieter weiterhin, den maximalen Preis ohne Kostennachweis, „Wunschentgelte“ zu fordern.
Wenn Betroffene Ihre Sorgen und Nöte aktiv in die politischen Gremien tragen und sich mit den reinen Beschreibungen nicht zufrieden geben; notwendige Veränderungen verlangen, reicht nicht länger nicht aus. Ein weiteres Verschweigen, Wegsehen und Fordern von Anderen in Zirkeln verschlimmert die Situation und schadet uns Bürgern auf Dauer. Wege können nur mit allen Beteiligen gefunden werden. Wir wollen uns weiter als Bürger mit Ideen einbringen und zur Diskussion stellen:
Pflege bleibt dauerhaft finanzierbar, wenn
- nachweislich die Zeit wirksam am Menschen eingesetzt und nur diese
- direkt oder
- indirekt über Zeitbörsen vergütet wird,
- gewerbliche Anbieter alle möglichen Synergien nutzen und
- den Mitarbeiter die Fachlichkeit in Eigenverantwortung übertragen wird.
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Wir hoffen, eine notwendige Diskussion angestoßen zu haben und vertiefen dies gerne.
Wir, Uwe Wiemann und Siegfried Räbiger wünschen ein frohes Osterfest und wären mit einer Resonanz glücklich.

