Verantwortung selbst übernehmen oder einen suchen, dem man sie zuschieben kann?
Wir werden immer älter.
Unsere Lebenserwartung steigt. Dahinter schwingt die vage Vermutung mit, unsere Körper hätten sich biologisch so weiterentwickelt, dass sie heute langlebiger sind als früher. Was als Errungenschaft des menschlichen Fortschritts gilt, ist oft fragwürdig — die meisten scheinen auch keinen Wert darauf zu legen. Wir wollen zwar länger leben, aber nicht älter werden. Es gibt wenige Menschen, die in Freude altern und sich über jede Kerze freuen, die sie mehr auspusten dürfen.
Die Langlebigkeit ist das Barometer für unseren Fortschritt.
Dass wir heute statistisch gesehen länger leben, liegt vor allem an den Lebensbedingungen, nicht so sehr an der biologischen Disposition.
Faktoren wie Kriege, Mangelernährung, Verletzungen, Infektionen oder mangelnde Hygiene drücken die Überlebenskurve immer nach unten. Die heutigen Todesursachen sind vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz, chronische Erkrankungen und trotz verbesserter Hygiene, Antibiotika und Impfungen Infektionskrankheiten. Denken wir nur an die Resistenzen, die Krankenhauskeime — Die Entwicklung der Medizin hat dazu geführt, dass wir gesünder sind, länger leben. Die Medizin kann dafür sorgen, dass wir länger jünger aussehen, doch den Tod kann sie nicht aufhalten.
Wer länger leben will, muss selbst darauf achten, die entsprechenden Bedingungen zu erschaffen.
Muskelmasse und Kraft nehmen ab, die Knochendichte sinkt, die Blutgefäße werden steifer, die Elastizität der Lunge sinkt und die Hormonproduktion verändert sich.
Machen wir körperliche und geistige Selbstfürsorge zu unserem Hobby.
Zum eigene Wohlergehen gehört, neben der körperlichen Fitness, auch sich geistig mit sich auseinanderzusetzen und zu kümmern. Wer freundlich und mitfühlend mit sich selbst umgeht, verbittert nicht. Wer sich nicht zurückzieht und geistig rege bleibt, hat die Kraft, sich in die Gemeinschaft einzubringen und auch andere zu unterstützen.
Verantwortung gemeinsam tragen
Werden wir nicht einfach nur älter, sondern reifer. Lassen wir den Geist groß werden, während der Körper schwächer wird. Teilen wir unser Wissen mit anderen, mit Freunden im Leben.
Freundschaften, die ehrliche Auseinandersetzungen und kritische Situationen aushalten, sind selten. Wir müssen sie aktiv rechtzeitig suchen, wir finden sie nicht in der Not.
Bereits heute leben 42% als Singles, nicht alle haben diese Situation frei gewählt. Alle sind im Alter auf Hilfe angewiesen. Hilfe fängt nicht erst bei der notwendigen Pflege an, sie beginnt schleichend.
Warum ist es heute nicht mehr selbstverständlich um Hilfe, um Unterstützung zu bitten? Viele sehen darin oft eigenes Versagen, können auf Mitmenschen nicht zugehen und schreien deshalb nach der Verantwortlichkeit des Staates. Oft mit einem allgemeinen Anspruch an die gesichtslose Sozialversicherung der Kranken- und Pflegeversicherung, die staatliche Fürsorge.
Die Zahlen einer stationären Einrichtung sprechen für sich
| SSS | 2002 | 2026 |
| Pflegeklasse 1 | Pflegegrad II | |
| Pflegesatz täglich | 35,91 € | 66,64 € |
| Umlagebetrag Ausbildung | 1,33 € | 5,68 € |
| Unterkunft | 7,97 € | 27,64 € |
| Verpflegung | 15,80 € | 21,28 € |
| Investitionskosten | 12,33 € | 21,03 € |
| Tägliches Heimentgelt | 73,34 € | 142,27 € |
| Monatliches Heimentgelt | 2.231,00 € | 4.327,86 € |
| Abzgl. Pflege-kassenanteil | -1.023,00 € | -131,00 € |
| Ihre Zahllast (*30,42) | 1.208,00 € | 4.196,86 € |
| Der Einzelzimmerzuschlag täglich 1,12 €. | ||
Warum sich mit den stationären Einrichtungen befassen, wenn bereits mehr als 5,2 Millionen (=90%) in der eigenen Häuslichkeit gepflegt werden müssen, dies mit steigender Tendenz.
Wir brauchen eine Rückbesinnung
Für Aristoteles war die höchste Form der Freundschaft die Verbindung zwischen Menschen, die einander um ihrer selbst willen schätzen und einander Gutes wünschen.
Toleranz und Freundschaft“, schrieb Novalis, „ist bei Weitem das Wichtigste, was wir einander geben können.“ Bereits Voltaire sah die Toleranz als die höchste Gabe der Menschlichkeit.
Wer keine Verbindungen mehr eingeht, wer den Kontakt zu anderen Menschen meidet, der schneidet sich ein Stück weit vom Leben ab. Leben bedeutet Begegnung, Verbindung, Beziehung.
Menschenfreunde müssen für die Zuneigung, Hilfe nicht mit Geld bezahlen, sie sind frei. Suchen wir rechtzeitig die Bekannten und Zugehörigen und bauen wir das notwendige Vertrauen auf.
Warum nicht von anderen lernen
In den Niederlande werde keine Einrichtungen gefördert. Pflegebedürftige erhalten ein Pflegebudget. In Japan, in Östereich, der Schweiz und vereinzelt in Deutschland wird der Gedanken der Zeitvorsorge umgesetzt.
Menschen spätestens ab 50 – die Zeitvorsorgenden – schenken betagten Menschen Gesellschaft und Zeit.
Gemeinsam Kochen, Spazierengehen, die Zeitung vorlesen, Einkaufen. Die sozialen Kontakte bieten den Leistungsbeziehenden mehr Lebensqualität für ein langes Leben zu Hause. Die Hilfeleistungen werden mit Zeitgutschriften auf ein persönliches Konto vergütet. Wenn die Zeitvorsorger später selbst Hilfe benötigen, können sie die Stunden wieder einlösen. Die Einlösbarkeit der angesparten Stunden ist langfristig garantiert. Eine Stunde bleibt eine Stunde mit 60 Minuten, wird in der Winterzeit nicht kürzer.
Die Zeit ist reif für Zeitpolstersparen
Doch sparen in welcher Form? Gesucht wird die Vertrauensbasis. Es kann wie in Österreich ein Verein sein. Warum nicht aus haftungsrechtlichen Gründen an eine Genossenschaft denken. Unabhängig vom Kapitaleinsatz, hat jede(r) Genosse:in eine Stimme, die Nachschusspflicht kann abbedungen werden.
Der demografische Wandel und der Personalmangel im Pflege- und Betreuungsbereich stellen die Städte und Gemeinden, damit uns direkt vor große Herausforderungen. Es höchste Zeit, jetzt müssen wir handeln, sonst wird die Reform wieder zu Lasten der Mehrheit und zum Vorteil der Einrichtungsträger gebastelt. Vielleicht werden die Bundestagsabgeordneten bei einer namentlichen Abstimmung an die Wähler denken.
Der Gesetzgeber hört und sieht bisher nur die Lobbyisten.
