Reichsarbeitsdienst (RAD)

Zwangseinsatz in einem Rüstungsbetrieb

Anfang November kehrte Heckmann von der Seemannsschule nach Bad Langensalza zurück, eine Stadt, die vom Krieg immer noch verschont geblieben war. Horst Heckmann und seine Mutter hatten es dort schwer, Verständnis für die besonderen Umstände ihrer Evakuierung zu bekommen. 

Heckmann mit einem Freund in Winteruniform des RAD

Zunächst wurde er im November für ca. 14 Tage dienstverpflichtet in einem Rüstungsbetrieb, der vor dem Krieg eine Möbelfabrik war. Jetzt wurden Kapseln aus Holz für die Granaten gemacht.

Horst Heckmann bewarb sich danach sofort bei der südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft. Die hatten ihr Schulschiff Padua in Glücksburg bei Flensburg liegen; es war genau das Schiff, auf dem Filmaufnahmen zum Film ‚Große Freiheit Nr. 7‘ (1944) gemacht wurden. Es war eine 4-Mast-Stahlbark und fuhr seinerzeit Lasten mit Schwefel nach Peru. Dieser Rahsegler war nach dem Krieg eins der Reparationsgüter an die Russen, fährt heute noch unter dem Namen Kruzenshtern (Kaliningrad) und ist auf jeder großen Regatta zu sehen und zu bewundern (Heckmann hat auch später das ‚Schicksal‘ dieser Schiffe verfolgt). – Seine Bewerbung hatte Erfolg, und so sollte er am 2. Februar 1945 mit seinem Seemannsbuch mit den bis dahin wenigen eingetragenen Fahrten antreten.

 

Reichsarbeitsdienst

Zwangseinsatz in einem Rüstungsbetrieb

Heckmann wurde oft vom RAD eingesetzt

Doch es sollte anders kommen: Er musste sich der Organisation Todt anschließen, kam wegen Baumaßnahmen ins Ruhrgebiet nach Recklinghausen und Gelsenkirchen. Sie waren insgesamt drei junge Männer, die wieder in Richtung Heimat fuhren. In Recklinghausen mit dem Zug angekommen sollten sie holländische Zwangsarbeiter aus dem Gelsenkirchener Eisenwerk bewachen. Das Lager war allerdings bis auf ein paar Strohballen leer. Die Holländer kamen erst tags darauf und waren vorher wohl direkt von der Straße weg in Rotterdam oder Amsterdam einfach verschleppt worden; sie waren nämlich fast alle in Sonntagskleidung. Die drei zur Bewachung abgestellten Pimpfe fühlten sich dieser Aufgabe nicht gewachsen – immerhin waren sie ja erst 16/17 Jahre alt – und beschlossen nach wenigen Tagen, nach Hause zu fahren – und das, obwohl sie eine Dienstverpflichtung unterschrieben hatten. So fuhren sie schwarz durch ganz Deutschland, bis sie wieder in Bad Langensalza ankamen.

 

Organisation TODT

Stellungsbefehl

Heckmann trug bis dahin noch gerne Uniform

Selbstverständlich hatten sie ein schlechtes Gewissen und rechneten mit dem Schlimmsten. Wenige Tage später flatterte dann auch der Stellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst (RAD) ins Haus; es war schon Ende November 1944. Es ging um eine vormilitärische Ausbildung Name? in Vorpommern, die nur 5 bis 6 Wochen dauern  sollte. Horst Heckmann glaubte ja immer noch daran, dass er Anfang Februar auf die Padua gehen würde.  

Er fuhr also nach zur Arbeitsdienstmeldestelle nach Neubrandenburg (1), wurde mit anderen auf LKWs verladen und zum Arbeitsdienstlager in Neddemin (2) gebracht, einem Ort mit 5/6 Häusern. Dort in den Baracken gleich einem KZ angekommen wurden ihnen sofort die Haare abgeschnitten und Kleider verpasst, die nicht unbedingt passten. 

Beim Torfstechen 1944

Ausgestattet mit der Braut des Hasssoldaten begann die sechswöchige vormilitärische Ausbildung. Auf dem Dienstplan standen: Bewegen bei Tag und Nacht im Gelände, Sanitätsübungen, politische Schulung, Handhabung der Panzerfaust, Schießen. Alle wurden harten  Torturen unterworfen.

Er innert sich an Schikanen bei der Stubenabnahme. Es ging nachts in Nachthemden auf den Appellplatz raus und mit vorgehaltener Wasserschüssel barfuß  durch den Schnee zum Rundendrehen. Wenn Flieger von links kamen, hieß rechts das Kommando: Rein in den Schnee. Sie sollten sogar den Schnee essen, was sie allerdings verweigerten. Der Oberfeldmeister trat sie mit seinem Stiefel, und sie mussten immer wieder – den Stahlhelm dabei auf den Kopf – in den Schnee. Eine andere Schikane war das Umziehen von der Arbeitskleidung in die Ausgehuniform, die in einer bestimmten Zeit  zu absolvieren war. Strafe war beispielsweise das Übernachten draußen im Schnee.

Alles, was Horst Heckmann nach Kriegsende von Schikanen gegenüber KZ-Häftlingen gehört hatte, konnte er aufgrund seiner eigenen Erfahrung in Neuddemin im Gegensatz zu vielen anderen daher sofort als nicht gelogen einordnen.

 

Impfaktion

Doch Horst Heckmann hatte Glück im Unglück. Alle sollten geimpft werden, und er als Größter sollte den Frontmann stellen. Es ging das Gerücht, dass sie 6-7 verschiedene Impfungen bekämen, und so wunderte es niemanden, dass der Oberstabsarzt nicht nach der ersten Spritze zum nächsten überging. So erhielt Heckmann direkt vier Impfungen hintereinander, während die anderen hinter ihm schon ohnmächtig ob der großen Spritzen wurden. Es fiel dann doch auf, denn der Arzt hatte vergessen „Der Nächste“ zu sagen; die Beschimpfungen folgten umgehend.

Die Folge war, dass er vom Dienst suspendiert wurde, ihm wuchs ein Busen und er kam auf die Krankenstube. Hier ging es ihm gut. Am Ende seiner Krankenzeit kam er zum Dienst in die Waffenkammer. 

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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