Ruthilde Anders

Profil

Ruthilde Anders wurde am 1. September 1934 auf einem landwirtschaftlichen Hof in Gandelin/Hinterpommern (1), nahe Kolberg, als das erste von drei Kindern geboren; 1936 folgte eine Schwester, Christa, und 1940 ein Bruder, Manfred. 

Noch vor dem Reichserbhofgesetz wurde ihrer Mutter(Helene, geb. am 09.03.1900) der Hof übertragen, während dem Vater (Johannes Leischer, geb. am 24.06.1903) das Erbe ausgezahlt wurde.

Die Eltern bewirtschafteten bis zu ihrer Flucht 1946 das Vorwerk eines Gutes zusammen mit einigen landwirtschaftlichen Helfern, die auch bei ihnen im Haus lebten. Später kam ein deutsches Pflichtjahrmädchen aus Schlesien dazu. Bis 1936 wurden diese Mädchen jährlich ausgetauscht, welche die Mutter bei ihrer Hausarbeit unterstützten sollten. Die jeweiligen Mädchen, die selbst mit 14/15 Jahren fast noch Kinder waren, sollten die Kinder während der Abwesenheit der Mutter beaufsichtigen. Ebenfalls lebte die Mutter ihrer Mutter auf dem Hof. 

Die kleine Familie war Selbstversorger. Die Landwirtschaft bestimmte den Jahresrhythmus. Was sie nicht selbst herstellen konnten, wurde in der nahe gelegenen Stadt Kolberg von den Einnahmen aus dem Verkauf landwirtschaftlicher Produkte gekauft.

Ruthilde Anders hatte einen langen Schulweg und nur wenige Erinnerungen an ihre Schulzeit in Pommern, das sie mit 12 Jahren verlassen musste. Die Strafen durch einen alten Lehrer sind ihr dagegen sehr wohl im Gedächtnis geblieben.

Gegen Ende des 2. Weltkrieges suchten viele Geflüchtete aus Pommern und Ostpreußen Zuflucht auf dem Hof der Familie Leischow, während die Stadt Kolberg von den Nazis zur Festung erklärt wurde mit dem Ergebnis einer völlig niedergebrannten und verwüsteten Stadt.  Pommern kam unter polnische Verwaltung, von den Russen vertriebene Polen aus dem Osten wurde hier Land zugewiesen, so auch auf dem elterlichen Hof von Ruthilde Anders. Der Familie wurde ein Zimmer auf dem Hof noch zugestanden; durch die vorausschauende Bewirtschaftung der Mutter konnte die Familie gut überleben, bis sich im Frühjahr 1946 der Wunsch breit machte, in den Westen zu gehen. 20 Personen bildeten eine Gruppe, die es dann bis nach Schleswig-Holstein schaffte. Dort kamen sie auf einem Gut bei Eckernförde unter (2), wo der Vater auch Arbeit fand. Dort konnte Ruthilde Anders auch die Mittelschule abschließen und eine Lehre absolvieren. Im Zuge des Lastenausgleichs wurde den Eltern ein Stück Land zugewiesen, so dass die Versorgung gesichert war.

Dort lernte sie auch ihren späteren Mann kennen, der auf ebenfalls als Landarbeiter in Schleswig Holstein arbeitete. Sie zogen der Arbeit wegen ins Ruhrgebiet (Bergarbeiter im Schichtdienst) und bekamen drei Kinder. Frau Anders lebt heute nach dem Tod ihres Mannes in einer Seniorenresidenz in Mülheim an der Ruhr.

(1) http://gemeinde.gandelin.kreis-kolberg-koerlin.de

(2) Wahrscheinlich kamen sie auf dem adeligen Gut Dörphof im Dorf Schuby unter. https://de.wikipedia.org/wiki/Dörphof

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