Resümee: Eva Timm

Ich heiße Eva Timm und bin am 04. September 1926 in Berlin geboren. 92 Jahre Leben – es ist so viel geschehen – wie sehr hat sich die Welt verändert! Eine kurze Zeit Frieden zwischen zwei Weltkriegen – dann 12 Jahre 1000-jähriges Reich – zuerst mit Aufbau, dann mit Hetze, Zerstörung und unendlichem Leid. Dann, 1945, der Friede, mit Entbehrungen und Hunger – aber die Hoffnung auf ein besseres Leben gab die Kraft zum Wiederaufbau. Und nach einigen Jahren war aus Deutschland wieder ein Land geworden, um das uns viele in der Welt beneiden.

Aber, was hat die Zeit aus mir gemacht – was hat mich geprägt – meine Jugend als Vorkriegs- und Kriegskind, die Erziehung durch mein Elternhaus, mein harmonisches Familienleben, die 36 Jahre Ehrenamt als Grüne Dame? – Es ist wohl eine Mischung aus allem.

Seit einigen Jahren arbeite ich mit in der Zeitzeugenbörse, und vieles, an das ich lange nicht mehr gedacht habe, ist mir wieder in Erinnerung gekommen. Manches ist so präsent in meinem Kopf, dass ich es malen könnte: der Fackelzug am 30. Januar 1933; meine jüdischen Klassenkameradinnen, die auf einmal nicht mehr in die Schule kamen – das Schlimme ist, niemand fragte „warum?“ –; mein kleiner Kinderfreund Hansi, der mir immer auf der Straße entgegen hüpfte, wenn ich aus der Schule kam, und dessen elterliches Zigarettengeschäft eines  Tages zerstört war, und ich habe niemanden aus der Familie wiedergesehen; der 09. November 1938, der rote Himmel, als die Synagogen brannten, und die zerschlagenen Fensterscheiben der jüdischen Geschäfte in der Tauentzienstraße in Berlin; an die stundenlangen, schreienden Reden von Hitler, von Göbbels, der im Sportpalast fragte: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ – und seine braune Zuhörerschaft brüllte begeistert: „Ja!“ …

Ich komme aus einer Anti-Hitler-Familie, und ich bin stolz darauf, wir hatten kein Hitler-Bild an der Wand hängen, und niemand war Mitglied der NSDAP. Ich erinnere mich noch gut an den 20. Juli 1944, als ich laut im Treppenhaus meine Enttäuschung äußerte, dass das Attentat auf Hitler misslungen war; dafür handelte ich mir eine Ohrfeige meiner Mutter ein – das hätte damals meinen Kopf kosten können, denn immerhin war ich ja schon 18 Jahre alt.

Es sind immer wieder diese Bilder, die in meinem Kopf auftauchen! Und ich freue mich, dass ich durch die Zeitzeugenbörse, wenn Anfragen aus Schule kamen, den Schülern und Schülerinnen über meine Jugend in der Nazizeit berichten und damit hoffentlich eine Winzigkeit mit dazu beitragen kann, dass so etwas nie wieder passiert.

Kürzlich  hatte ich durch die Zeitzeugenbörse eine interessante Begegnung mit dem japanischen Fernsehen. Japan und Deutschland verbindet eine lange Freundschaft, und sie waren Verbündete im 2. Weltkrieg. Die Japaner drehen jetzt eine Dokumentation über die Hitlerzeit – wie hat die persönliche Begegnung mit Hitler das eigene Leben beeinflusst. Alte Menschen berichten, und ich durfte auch etwas aus meiner Jugend dazu beitragen. Danke!

92 Jahre Leben – große Dankbarkeit erfüllt mich – ich denke, es ist ganz einfach Glück, eine intakte Familie, ein gutes Umfeld und keine Sorgen zu haben. Aber ich kann immer noch weinen um einen kleinen Berliner Steppke – meinen Hansi – der ermordet und verscharrt wurde von meinen Landsleuten, Deutschen, die unmenschlich waren. 

Nie wieder!

 

Eva Timm im November 2018

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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