Lebenserinnerungen

An dieser Stelle werden Sie viele kleine und auch größere Texte sehen, die unsere Zeitzeugen – selbst verfasst – der Öffentlichkeit zum Lesen zur Verfügung gestellt haben.

Frau F.: Man erschrickt ja vor der eigenen Erinnerung!

So oder ähnlich geht es dann auch den Zeitzeugen, wenn sie an ihre Kindheit und Jugend denken. Und je mehr sie in diese Zeit abtauchen, desto mehr Erinnerungen kommen.

Frau P.: Nein, das sind ja keine Erinnerungen! Das erlebe ich ja jetzt.

Und dann wird in unseren Gesprächen darüber oft klar:

Die Vergangenheit hört nicht auf, sie überprüft uns in der Gegenwart.


Frau Timm: Vielleicht geht es anderen ja auch so:Ich überlege, ob ich das, was ich erinnere auch wirklich erlebt habe? – Manche Dinge sind so fest im Kopf drin, dann frage ich mich: "Ist es eigenes Erleben?, Kenne ich es aus der Wochenschau?, Weiß ich es vom Hörensagen?" Was sich so festsetzt im Kopf, ist schon unglaublich.

Ich bin ja in Berlin groß geworden, und ich habe ja das Jahr 1933 nicht mehr so in Erinnerung. Aber ich war 6 war, da war ja der berühmte Fackelzug. Ich bilde mir fest ein, dass ich den gesehen habe, und zwar, dass ich mit meinen Eltern irgendwo gestanden und den Fackelzug gesehen habe. Der Fackelzug an sich war ja für mich nicht  furchtbar, ein Fackelzug ist für Kinder ja schön. – Oder: Habe ich denn nicht schon x-mal in der Wochenschau gesehen?

Aber ich erinnere mich sehr wohl an die Worte meines Vaters, der sich abfällig über die aufkommenden Nazis äußerte. Hat das in mir Angst ausgelöst.

Mein Vater starb wenige Woche nach der Machtübernahme.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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