Kriegszeit

Ausgebombt

1939 brach der Krieg aus und man hatte sich an Verdunklung, Lebensmittelkarten und Bezugsscheine zu gewöhnen. Und als sich in den ersten Jahre die Sondermeldungen über die deutschen Siege überschlugen, dachte man, dass das Spiel bald vorbei sein würde. 

In Berlin konnte das kulturelle Leben nachmittags derweil erhalten bleiben: ob  Oper, Operette, Theater, Revuefilme – das Volk musste bei Laune gehalten werden. Und auch Eva Maer nahm daran teil. Sie sah im Staatstheater Goethes Faust mit Gustav Gründgens, Marianne Hoppe und Emil Jannings; im Schillertheater sah sie Kleists Der zerbrochene Krug mit Heinrich George und Berta Drews, im Admiralspalast Die lustige Witwe mit Johannes Hesters und im Metropol-Theater Hochzeitsnacht im Paradies von Heinz Hentschke mit Gretl Schörg; in den Varieté-Bühnen Scala und Wintergarten sah sie Ballett, Akrobatik und den Clown Charlie Rivel. Daneben ging sie gerne ins Kino: Filme mit Marie Rökk, Zarah Leander, Ilse Werner, Hans Albers und vielen anderen sorgten für Ablenkung und Zerstreuung vor den Schrecken des Krieges. 

Erst mit dem Russlandfeldzug änderte sich so Manches.  Die Luftangriffe, unter denen in den ersten Jahren eher der Westen Deutschlands gelitten hatte, wurden nach Berlin ausgedehnt.

Es war der 01. März 1943, als die Familie ausgebombt wurde. Die Familie bezog daraufhin im vierten Stock eine Wohnung in der Preußenallee, Nr. 40 in Charlottenburg 9; auch hier hatten sie bereits Telefon. Die Wohnung lag in der Nähe der U-Bahnhof-Station Neu-Westend. Dorthin flüchteten sie mit vielen anderen Familien, die auch keinen guten Luftschutzkeller hatten, bei Bombenalarm und verbrachten dort viele Bombennächte. 

In der dritten Etage wohnte ein Ingenieur von Siemens, dort kam Eva Timm unter, und in der vierten Etage die Eltern bei einem norddeutschen General. In der zweiten Etage wohnte ihre Freundin Edda Braun; ihr Vater, Alfred Braun, war vor 1933 einer der ersten Rundfunksprecher, musste jedoch unter den Nazis die Tätigkeit aufgeben, emigrierte und kehrte 1939 wieder zurück. In der 1. Etage wohnte ein ‚Obernazi‘.

Attentat auf Hitler, 20.07.1944

Am Tag des Attentats auf Hitler ging die junge Eva zu ihrer Freundin Edda, um sie abzuholen. Edda fragte sie, ob sie schon von dem Attentat auf Hitler gehört habe. Sie erwiderte: „Ist er tot?“ – „Nee“, antwortete Edda, und Eva  erwiderte:„Schade!“. 

Das alles hat sich im Hausflur abgespielt, alle Nachbarn bekamen die Gespräche der beiden Freundinnen wohl mit. Evas Mutter gab ihr die letzte Ohrfeige ihres Lebens mit den Worten: „Weißt Du, wenn das hier der Obernazi gehört hätte, hätte es deinen Kopf kosten können.“ Immerhin war Eva da ja schon 18 Jahre alt. – Der Obernazi hat es wohl nicht gehört.

Flucht aus Berlin

Als die russische Front 1945 immer näher an Berlin heranrückte, verließ die Familie mit einem der letzten fahrplanmäßigen Züge – leider für immer – Berlin; insbesondere die Angst des Vater vor den Russen hatte sie dazu bewogen. Auf dieser Fahrt erlebten sie einen Tieffliegerangriff und verkrochen sich dabei unter die Waggons. Sie kamen nach Lauenburg an der Elbe bei einer Feldpostbekanntschaft ihres Bruders unter und schliefen vorübergehend in einem Schweinestall. Unterwegs sahen sie riesige Flüchtlingszüge; insbesondere die von den Müttern geschobenen leeren Kinderwagen sind ihr im Gedächtnis geblieben.

Einmarsch der Engländer

Die Kapitulation erlebte Frau Timm mit ihrer Familie im Keller des Hauses, in dem ihnen ein kleines Zimmer von 10 qm mit Toilette zugewiesen wurde. Wie überall suchten die Engländer auch hier nach den gefürchteten Werwölfen, die sich angeblich in dieser Gegend versteckt haben sollten. Später gab es gemeinsame Abende mit den englischen Soldaten; insbesondere die gemeinsam gesungenen Lieder sind ihr gut im Gedächtnis geblieben.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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