Familie

Mutter

Meine Mutter, Wilhelmine, genannt Mimmi, geb. am 19.04.1924, war gelernte Verkäuferin. Nach meiner Geburt hat sie nicht mehr gearbeitet. 1948 heiratete sie meinen 2. Vater und musste auch nicht mehr arbeiten.

Großeltern

Meine Oma wurde 1888 geboren und starb 1962. Sie hieß Wilhelmine und hatte den Beruf der Schneiderin gelernt. Opa wurde 1885 geboren und starb 1978. Es hieß Johann und war von Beruf Schlosser.

Bei Oma in Styrum war ich wirklich sehr gerne. Wenn es Wurstbrühe beim Metzger gab, musste ich mich schon vorher anstellen. Da hatten wir so eine Kanne für die Wurstbrühe, jedenfalls guckten da schon ein paar Augen raus, wenn man sie zum Aufwärmen in den Topf tat. Bei Oma war ich meistens in den Schulferien.

Oma und Opa hatten Verwandte, die hatten einen Bauernhof mit Obst usw. Zur Pflaumenzeit wurde Pflaumenpfannkuchen gebacken. Meine Oma hat immer nur solche kleinen Pfannen genommen, wo wirklich nur ein kleiner Pfannkuchen drin war. Die gebackenen wurden manchmal noch auf die Fensterbank gestellt, alle saßen in der Küche um den großen Tisch rum. Jeder kriegte dann, sobald einer fertig war, einen Pfannkuchen. Da war dann irgendwann der Teig einmal alle, und dann sagte mein Opa immer: „Zeh, Mädchen, ick häfe nicht gegeten (= ich habe nichts gekriegt).“ – „Jan, nun ist aber gut – nun ist es fertig, jetzt gibt es nichts mehr.“ – Das war Opa mit seinem Mülheimer Platt. Er hat nie viel gegessen, aber davon konnte er viel essen.

Frau Storks berichtet über ihre Großeltern, die sie sehr mochte

Auch nach dem Krieg bin ich sehr gerne zu  meinen Großeltern gefahren. Geld für die Straßenbahn hatten wir keines, also sind wir nach Styrum immer gelaufen. Ich war sehr oft krank, und dann Bart ich meine Mutter: Bring mich zur Oma, dann werde ich wieder gesund. Ich war immer sehr mit Oma verbunden. 

Vater im Krieg

Mein Vater war von Beruf Bauingenieur. Sein Diplomzertifikat wurde sogar von Adolf Hitler selbst unterschrieben; das zu betonen, war ihm sehr wichtig, weil mein Vater aus Überzeugung in keiner Partei war. Er wurde dann bei der Baufirma Küpper in Oberhausen als Bauingenieur eingestellt. Diese Firma bekam im Herbst 1940 den Auftrag, Hochbunker zu erstellen, und mein Vater wurde der leitende Bauingenieur. Ein von ihm gebauter Bunker ist in Oberhausen noch in der Nähe der Marktstraße zu sehen. 

Besuche in Kasernen

Im September 1939 brach der Krieg aus. Mehrmals sollte mein Vater eingezogen werden, aber der damalige Chef der Firma Küpper konnte erreichen, dass er zweimal zurückgestellt wurde, weil er als fähiger Bauingenieur unentbehrlich und ein Bunker auch noch nicht fertiggestellt war. Doch im Herbst 1941 gab es keinen Aufschub mehr, und er musste dann in eine Kaserne in der Nähe von Berlin einrücken.

Erzählungen meiner Mutter zufolge besuchten wir ihn dort im Sommer 1942 und kamen bei Verwandten in Berlin unter. Nach einem Heimaturlaub in Mülheim wurde die Einheit meines Vaters im Herbst 1942 nach Insterburg in Ostpreußen verlegt, und er wurde zeitgleich zum Kommandanten einer dortigen Panzerspähkompanie befördert. Im April 1943 konnten meine Mutter und ich ihn auch dort besuchen. Das war damals trotz Kriegsgeschehens in anderen Regionen noch möglich. 

An diesen Besuch kann ich mich recht gut erinnern. Wir wohnten bei einer sehr netten Familie, und es gab dort viele Störche. Ich war inzwischen 4 Jahre alt, und mir wurde erzählt, dass man nachts draußen Zucker auf die Fensterbank legen sollte, den sich der Storch dann holen und ein Geschwisterchen bringen würde. Der Zucker war zwar morgens weg, aber ich wartete vergebens auf ein Geschwisterchen. 

Angeblich war ich ein braves Kind, konnte mich gut alleine beschäftigen. Nur einmal ist das wohl daneben gegangen: Ich habe ganz still im oberen Zimmer gesessen und die Figuren aus den Geldscheinen ausgeschnitten. 

Man hörte bei gutem Wetter dumpfes Grollen und Schießen, sodass wir beide uns nur schweren Herzens von meinem Vater und der netten Familie verabschiedeten, um mit dem Zug am 23.06.1943 nach Mülheim zurückzufahren. 

Vater gefallen, Ende 1943

Die für uns schlimmste Nachricht erreichte uns Ende November 1943. Wir bekamen Post, mein Vater sei in Russland gefallen. Der Pfarrer kam, um uns Trost zu spenden. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass meine Mutter schrecklich geweint hat. Die Nachbarn haben für sie den Arzt geholt, meine Großeltern  kamen zur Unterstützung und blieben einige Tage bei uns. Vor allen Dingen brachten sie Lebensmittel für uns mit. Meine Mutter erkrankte derart schlimm, dass sie ins Krankenhaus musste. Sie hatte eine Nervenentzündung auf dem Kopf und von den Läusen Geschwüre. Sie blieb dort mehrere Wochen. Meine Großeltern nahmen mich mit zu sich, damit ich in guter Obhut war. 

Es war ja mitten im Krieg. Ich habe auch geweint. Aber meine Mutter hat jeden Tag mit mir gebetet und gesagt, der Papa ist ja im Himmel und wird immer auf uns aufpassen. Ich habe sehr oft ein Küsschen auf sein Bild gedrückt.

Video: Erinnerungen an den Vater

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Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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