Kindheit im Krieg

Von Erzählungen meiner Schwester und meiner Mutter erfuhr ich, dass ich bei meiner Geburt 1937 ein außerordentliches Gewicht hatte – ich wog 6400 g. Diesen Abstand zur normalen Größe behielt ich bis zur Pubertät bei, dann war ich von meinen Altersgenossen äußerlich nicht mehr allzu sehr zu unterscheiden. In der Bergstraße, wo ich wohnte,  verschaffte  mir dieser Umstand die Ehre, fast immer alleine gegen die Meute meiner Mitschüler stehen zu können, aber mein Riesenwuchs war so bedeutend, dass ich bei allen Raufereien gut bestehen konnte. 

Zieht euch an und geht ins Bett

Ich bin quasi in den Krieg hinein geboren worden, bin ja Jahrgang 1937, also zwei Jahre vor Kriegsbeginn. „Zieht euch an, geht ins Bett!“ – Dieser Satz ist einer der ersten, an die ich mich erinnern kann. Gemeint war die abendliche Prozedur von Vorbereitungen für die bevorstehende Nachtruhe. Wenn wir Kinder ins Bett kommandiert wurden, bedeutete das, dass wir beim abendlichen Fliegeralarm fluchtfertig zu sein hatten. Bis auf Schuhe und Mütze waren wir dann komplett angezogen. Die hohen Schuhe waren mit Haken versehen, nicht mit Ösen, damit konnte man sie schneller schließen, und zwar so eng, dass man in den Bunker kam, ohne sie zu verlieren. Verschlafen und bleiern müde wie wir immer waren, kam dieser Verlust doch leider öfter vor. Da die Nachbarinnen mit ihren Kindern die gleichen Probleme hatten, wurde immer ehrlich nach dem verlorenen Schuh gesucht. So kam es, dass trotz des herrschenden Mangels wenigstens unsere Füße immer in Schuhen steckten. 

Bekleidung in der Not

Für meine 9 Jahre ältere Schwester stellten die Schuhe eine wahre Prüfung dar. Man kann sich kaum etwas Hässlicheres als Kleidung vorstellen, als aus Militärdecken selbstgeschneiderte lange – und wie unsere Mutter immer betonte – warme Hosen, aus denen die Füße in den immer hohen Schuhen steckend hervorragten. Ich hatte auch meine Modeprobleme. Oma und auch meine Mutter waren begabte Handarbeiterinnen. Mir hatte eine dieser Ignorantinnen eine rote Mütze mit drei quer angeordneten dicken unübersehbaren kugelförmigen Plümmeln (wolliger Ball auf der Mütze) verpasst. Besagte rote gestrickte Mütze mit 3 Plümmeln versehene Scheußlichkeit wurde von mir täglich – oder besser gesagt nächtlich – planmäßig verloren; aber wie oben schon gesagt, man fand das gute Stück immer wieder, ohne eine einzige Ausnahme. Mutter holte das Monstrum vom Fensterbrett des nachbarlichen Hauses. 

Ich schämte mich furchtbar, denn das Ideal war für mich zu dieser Zeit das schicke schwarze und leicht schräg zu tragende Schiffchen des Deutschen Jungvolkes. Auch die Uniform der Pimpfe, zu der ein mit dem HJ-Abzeichen versehenes Fahrtenmesser gehörte, hat mich sehr beeindruckt. Aber der Clou wäre das mit dem Schiffchen gewesen.

Der Reiz der Uniformen 

Später bei Kriegsende hatte ich schon einen etwas erwachseneren Geschmack. Zu der Zeit schien der schwarze Stahlhelm der SS die einzig wahre Kopfbedeckung für mich zu sein. Die kurz bei dem Einmarsch der Amerikaner verlassenen Büros der örtlichen NSDAP wurden von den Jungens nach brauchbaren Dingen, wie z.B. Schreibmaschinen usw. durchsucht. Mein Streben nach dem schwarzen Helm war ungebrochen und – wie nicht anders zu erwarten – auch von Erfolg gekrönt. Die Begeisterung meiner Eltern hielt sich in sehr engen Grenzen.  Aber, wie meine Mutter mir selbst später oft erzählte, waren sie andererseits froh, dass ich nicht schon als 8-Jähriger eine kriminelle Art hatte, die Dinge zu bewerten. 

Wohnen in der Kriegszeit

Es gab damals schon wegen der vielen Zuwanderer einen argen Wohnungsmangel in den Städten des Ruhrreviers, in denen man die großen Fabriken aufgebaut hatte. Man nahm, was man kriegte. Unser Haus hatte keinen Strom, Wasser gab es nicht auf den Etagen, geheizt wurde mit dem Küchenofen, eine Toilette gab es nur auf Parterre. Bis dahin sah man die Frauen mit den Nachttöpfen in den Händen die Treppe hinunter wandern. 

Damals war es nicht selbstverständlich, dass man eine Berufsausbildung hatte. Mein Vater hatte wie seine Geschwister einen praktischen Beruf erlernt. Daher konnte er Rohre verlegen, und weil er technisch wach war, auch einfache Stromkabel samt Stecker, Schalter und Sicherungen. Der Hausherr übernahm die Kosten für das Material, und mein Vater legte bei uns im Haus den Strom und das Wasser bis in die obersten Etagen. Der Strom ging bis in ein Zimmer pro Wohnung, nur bei uns gab es elektrisches Licht in allen Räumen. Wasser und dessen Abflussleitung reichten nur bis in die Etagen. Im Flur konnte dann Wasser geholt und ausgegossen werden. Dort montierte er gusseiserne emaillierte Ausgüsse. Bei uns wurde zusätzlich ein Spülstein mit Abfluss in die Küche verlegt.

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