Evakuierung und Flucht

Meine Mutter war durch diese Ereignisse derart entnervt, dass sie sich bei den Behörden meldete  – damals nannte sich das NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) und um Evakuierung nachsuchte . Ihr wurde in Aussicht gestellt, wir könnten mit einem Transport  nach Niederschlesien ausweichen, denn Süddeutschland war wahrscheinlich schon überbevölkert. Es ging der Satz um, dass man in Bayern sagte:„Och, da kommen wieder die Bombenweiber.“ Dorthin wollten wir auf keinen Fall. Die Leute dort hatten wahrscheinlich nicht die mindeste Vorstellung davon, was sich hier im Ruhrgebiet abgespielt hatte, nämlich dass man hier praktisch Nacht für Nacht ums nackte Überleben kämpfte, ohne sich wehren zu können. Wir haben Soldaten erlebt aus der Nachbarschaft, junge Leute auf Heimaturlaub, und die sagten: „Wie bitte? Schon wieder Bombenangriff? Ne, dann lieber an die Front, da kann ich zurück schießen, aber hier kann man nichts machen!“ 

 

Evakuierung aus Duisburg

Niederlausitz

Wir kamen am 8. Januar  1945, Abfahrt Duisburg-Wedau, von einem Nebenbahnhof über Güterzuggleise, auf einen Transport in einem Personenzug in die Niederlausitz. – Erst hinterher erfuhren wir, dass sich viele gefragt hätten, warum wir ausgerechnet dorthin fahren wollten; denn die Russen waren ja schon im Anmarsch. Auch ich habe mich das irgendwann gefragt und darüber recherchiert: Die russische Winteroffensive 1945 begann erst am 16. Januar 1945; bis dahin wiegte man sich auch in der Niederlausitz in Sicherheit – dank der deutschen Propaganda.

Reise in die Vergangenheit 2002 zur Unterkunft in der Lausitz

Wir kamen in einen Ort namens Marsdorf, zwischen Sorau und Sagan in der Niederlausitz jenseits der Neiße gelegen, und waren eingeteilt auf einem großen Bauernhof. Dort bekamen meine Mutter und ich in einem Nebengebäude Unterkunft in einem separaten Zimmer. Es war alles soweit in Ordnung, und im Grunde genommen war bis dahin dort noch Ruhe und Frieden. 

Reise in die Vergangenheit 2002 Polen Gesindehaus

Aber es dauerte nicht lange, da bemerkten wir, wie der Betrieb auf unserer Dorfstraße plötzlich zunahm und alles in eine Richtung strömte, nämlich nach Westen. Dieser Strom an Fahrzeugen bestand in der Hauptsache aus Pferdefuhrwerken, Menschen, die zu Fuß wanderten mit Handkarren usw. Meine Mutter war in der Beziehung sehr auf Draht. Sie verfolgte ständig die Nachrichten und bekam so den Vormarsch der russischen Front mit. 

Reise in die Vergangenheit 2002 nach Polen_ Rückseite des Gesindehauses

Sie machte sich auch Sorgen um meine Schwester, die ihren Aufenthalt in der Tschechoslowakei wegen Gelbsucht aufgeben musste; außerdem hatte sie Heimweh. Sie war also wieder in Duisburg und wurde von dort aus nach Oberschlesien evakuiert; sie war also noch näher an der russischen Front als wir. Meine Mutter konnte sie – auf welchen Wegen auch immer – zu uns in die Niederlausitz holen, sodass wir mittlerweile zu dritt waren. 

 

Transport über Cottbus nach Berlin

Von da ab verfolgten meine Mutter und meine Schwester  mit dem Schulatlas den Frontverlauf,  und sie wussten sehr bald, dass wir hier nicht mehr sicher waren.

Wir mussten also wieder weg, da half nichts. Wir hatten eine große Kiste aus Duisburg mitgebracht, in die meine Mutter ihre wertvolles – damals wertvolles – Bettzeug, Plümos und Kleidung usw. untergebracht hatte. Die galt es nun wieder mit zurückzunehmen. – „Sie können sich den Leiterwagen da aus dem Schuppen holen, und dann können Sie sich ja mit in den Treck einreihen und zu Fuß Richtung Westen gehen“, soweit der Vorschlag der Wirtsleute. 

 

Flucht in die Niederlausitz

Aber dazu kam es gar nicht mehr. Kaum hatten wir die Kiste auf den Leiterwagen gestellt, brach das Ding schon zusammen. Also war der Leiterwagen für uns schon wieder perdü. Meine Schwester lief raus auf die Straße, wo der Flüchtlingsstrom mal wieder zum Stehen kam. Auch hielt ein Schleppzug, das war ein Panzer, der einen anderen Panzer im Schlepp hatte, direkt bei uns vor der Tür. Meine Schwester, damals 14/15 Jahre alt, sprach die Soldaten an: „Könntet ihr mich mitnehmen?“  – „ Ja, sicher, komm mal rauf.“  – „Ja, ich habe da noch meine Mutter und meinen kleinen Bruder.“ – „Na, ja, komm, nehmen wir auch noch mit!“  – Schnell saßen wir mit Handgepäck auf diesem Panzer, der sich im Schlepp befand, auf irgendwelchen Kisten an der Seite. Als meine Mutter hinterher hörte, dass wir da auf Munitionskisten gesessen hatten, Gewehrmunition und Panzerfäuste usw., war sie etwas in Sorge.

Mit diesem Panzerschleppzug türmten wir eine Nacht und zwei Tage lang in Richtung Westen bis nach Cottbus. Ich kann mich noch sehr genau an diese Fahrt entsinnen. Irgendwann verließen wir den Panzer und waren wieder auf die Eisenbahn angewiesen. In irgendeinen dieser Züge sind wir dann rein, so gut es ging, meine Mutter als letzte. Natürlich wollte sie uns zusammenhalten. „Meine Kinder, meine Kinder“, sagte sie immer. Alle dachten, jetzt käme eine Mutter mit Babys; und dann kamen wir zum Vorschein: ich, damals 10 Jahre, meine Schwester 14 oder 15 Jahre alt. Die anderen Mütter konnten nicht verstehen, warum sie so ein Theater darum machte.

In Cottbus sind wir aus irgendeinem Grund ausgestiegen. Von dort bis zur Kampflinie waren es vielleicht  noch 80 km, und Züge fuhren noch. Wir erwischten einen Zug, der uns nach Berlin brachte. Der Zug war natürlich rappelvoll, und wir standen auf einer Verbindungsbrücke zwischen zwei Waggons.

In Berlin am Lehrter Bahnhof angekommen wussten wir jetzt auch nicht, was wir machen sollten. Berlin war ja seinerzeit die sogenannte Reichshauptstadt und wurde fast jeden Tag von englischen, amerikanischen Flugzeugen angegriffen. Vom Bahnhof selbst standen nur noch die Mauern. Wir setzten uns in eine Ecke auf unser Handgepäck.

 

Flucht über Cottbus nach Berlin

Zug nach Kiel in Schleswig-Holstein (Mitte/Ende Februar 1945)

Meine Mutter sondierte das Gelände und kam mit der Botschaft zurück, dass abends oder am späten Nachmittag ein Zug der Kriegsmarine nach Kiel und Flensburg fahren würde. Das war genau unser Ziel, denn dort war ja meine älteste Schwester stationiert. 

Der Zug wurde sogar aufgerufen, man konnte also einsteigen und Platz nehmen. Als wir auf dem Gleis ankamen, war der Zug natürlich schon rappelvoll. Man stieg auch durch die Fenster ein, reichte das Gepäck und auch die Kinder nach. 

 Meine Mutter entdeckte dabei ein Dienstabteil der Kriegsmarine, das wir kurzerhand in Beschlag nahmen. Während meine Mutter da keine Skrupel hatte, kamen meiner Schwester Bedenken: „Was willst Du denn machen, wenn plötzlich hier einer kommt in Uniform usw. und uns fragt, was wir denn hier machen?“ Meine Mutter wischte ihren Einwand beiseite, denn sie hatte die Korrespondenz mit ihrer Tochter dabei, dass wir dort zu der Marineabteilung wollten, um bei meiner Schwester Schutz zu suchen. Aber: Es ist niemand gekommen.

Irgendwann fuhr der Zug  auch los, aber kaum dass wir aus dem Bahnhof rausfuhren, wurde er auch schon langsamer und kam in einem Waldstück zum Stehen. Wir konnten  von Weitem sehen, dass ein Fliegerangriff auf Berlin unmittelbar bevorstand, das kannten wir aus Duisburg zu Genüge. Zuerst setzten die Piloten die Zielmarkierer, sogenannte Christbäume; das waren Leuchtbomben, die an Fallschirmen abgeworfen wurden und ganz langsam niedersanken. In den Farben Grün und Rot zeigten sie dem nachfolgenden Bombergeschwader, wo sie ihre tödliche Last abladen konnten. Das alles konnten wir vom Zug aus beobachten. Alles fing an zu brennen. Nach einer oder zwei Stunden war der Zauber vorbei, und der Zug fuhr weiter. 

 

Flucht von Berlin nach Schleswig-Holstein

Ins Hinterland zwischen Kiel und Eckernförde

Wir hatten dann eine sehr komfortable Fahrt in einem geheizten 1. Klasse Abteil. Sogar schlafen konnten wir, und am nächsten Morgen erreichte der Zug als erste Haltestelle Kiel. Dort stiegen wir aus. Auch der Kieler Bahnhof war total zerstört, denn Kiel war ja auch Station für Kriegsschiffe, dort gab es Werften. Die Marine hatte dort ebenfalls ihre Einrichtungen und war von den alliierten Bomberflotten sehr stark beschädigt worden. 

Wir konnten meine Schwester telefonisch erreichen und verabredeten uns auf einem Landstrich zwischen Kiel und Eckernförde. Das Gepäck gaben wir in die Gepäckaufbewahrung (die gab es noch) und marschierten los, manchmal mit einem Bus oder auch mit Bauernfahrzeugen oder LKWs, insgesamt ca. 30 km ins Hinterland hinein und erreichten die dienstverflichtete Schwester in dem Ort Stohl.

 

Fahrt nach Stohl

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