Karl Heinz Ruthmann

Profil

Karl Heinz Ruthmann wurde am 02.12.1934 in Duisburg als jüngstes Kind einer fünfköpfigen Familie geboren. Sein Vater war traditionsgemäß Metzgermeister; als solcher kam er während der Kriegszeit zu einer Versorgungseinheit. Seine älteste Schwester fand schon bald nach ihrer Lehre in der Telefonzentrale in einem Forschungs- und chemischen Laborbetrieb  der Kriegsmarine an der Ostsee eine Anstellung. Die andere Schwester wurde mit ihrer gesamten Schule nach dem großen Bombenangriff auf Duisburg 1943 nach Böhmen und Mähren evakuiert. Es gelang der Mutter, sie mit Beginn der Flucht aus dem Ruhrgebiet zu sich zu holen.

Karl Heinz Ruthmann schien zunächst mit einer ganz normalen Kindheit ausgestattet zu werden. Ausführlich kann er beschreiben, welche Spiele in seiner Kindheit in welchem Alter angesagt waren. Er erinnert sich noch genau, dass es damals „anrüchig“ war, Mädchenspiele zu spielen. Stattdessen standen Ballspiele, allen voran Fußball, auf dem nachmittäglichen Stundenplan. Selbst mit einem trapezförmigen Spielfeld, nicht brauchbarem oder kaum vorhandenem Schuhwerk – das Klagen der Mutter bereits im Ohr – eroberten sich die Jungen gerade nach dem Krieg ihre Spielfreude wieder.

Erwähnenswert für die heutige Zeit ist sicherlich das gefahrlose Spielen auf der Straße: Man machte halt mal kurz Platz, wenn ein Auto oder Fuhrwerk vorbeifuhr. Eisenbahn, Laubsägearbeiten und das obligatorische Kriegsspielzeug, das schnell nach dem Krieg verschwinden musste, standen hoch im Kurs. Aber auch die sportliche Seite sommers wie winters wurde ausgiebig bedient. Lesen Sie, wie einfallsreich Schlittschuhe gehandwerkelt wurden.

Familie Ruthmann wohnte in einem modernen Wohnkomplex, bestehend aus 9 Einzelhäusern mit je 8 Wohneinheiten, welches in der Nähe eines großen Parks lag. Es gab einen mit Grünflächen angelegten Hof mit Sandkästen. Die Wohnungen verfügten über Gas und Strom, hatten allesamt einen Keller, einen Waschraum nebst Speicher. Familie Ruthmann wohnte im Erdgeschoss, die Wohnung umfasste eine geräumige Wohnküche, ein Elternschlafzimmer mit Außenbalkon, ein Kinderzimmer, ein Badezimmer mit Toilette und Wasserspülung und einer Diele. Das Badewasser für die Badewanne lieferte ein gasbeheizter Durchlauferhitzer. Beheizt wurde die Wohnung mit einem Kohleherd.

An die Kriegsvorbereitungen kann sich Herr Ruthmann sehr genau erinnern, und auch, was gerade in den Jahren zwischen 1943 und 1946 geschah. Zunächst wohl abenteuerlustig wurde der Bau von Luftschutzbunkern und größeren Bunkeranlagen in der Umgebung beobachtet und in Augenschein genommen. Mit der gleichen Intensität nahm er auch die allgemeinen und persönlichen Verluste während und nach denBombardements der Industriestadt Duisburg wahr. An seine Gefühle kann er sich dabei nicht unbedingt erinnern, wohl aber an viele Einzelheiten, die sich im Bunker, vor und auch nach den Bombenangriffen ergaben: „Ich war mit meiner Mutter allein, und wir mussten dann hier in der Heimat den Krieg aushalten.“ Dieses Zitat zeigt mit einfachen Worten dennoch, wie es um die Kinderseele bestellt war.

Karl Heinz Ruthmann in der Schulbank 1941

In dieser Wohnung wurden sie in den Nacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 ausgebombt, konnten aber fast noch den gesamten Hausrat retten und zogen in eine Wohnung, die gerade notbehelfsmäßig von Zwangsarbeitern hergerichtet worden war. Da die Bombenangriffe zunahmen, entschloss sich die Mutter im Januar 1945 mit ihrem Sohn aus dem umkämpften Ruhrgebiet zu fliehen, und zwar zunächst in die Niederlausitz. Dort wurde jedoch recht schnell klar, dass sie auch dort nicht sicher sein würden: Flüchtlingstrecks aus dem Osten zogen tagelang an ihrer Notunterkunft vorbei. So begann die zum großen Teil abenteuerliche Fahrt in Richtung Kiel, wo die ältere Schwester stationiert war; die jüngere Schwester war mittlerweile aus Böhmen eingetroffen. In Dänisch-Nienhof bei Eckernförde erlebte die Familie einige Monate des Friedens auf einem Bauernhof, wo die Bewohner sie auch freundlich aufnahmen. Im Juni 1945 bot sich die Gelegenheit, sich auf den Weg zurück nach Duisburg zu machen. Dort erwartete sie schon der Vater; allerdings war die Wohnung mittlerweile von einer andere Familie besetzt.

Nachweislich hat die Schulzeit von Herrn Ruthmann viele Brüche, denn geregelter Unterricht war nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges fast gar nicht mehr möglich. Duisburg schloss die Schulen im Sommer 1943. Viele Schülerinnen und Schüler wurden komplett mit ihren gesamten Klassen evakuiert; andere kamen bei Verwandten unter. Karl Heinz Ruthmann blieb mit seiner Mutter in Duisburg. Nach dem Krieg wurde ein Unterricht mit wenig Unterrichtsmaterial, mit alten oder neu rekrutierten Lehrern, in vollkommen inhomogenen Klassen im Herbst 1945 in Duisburg aufgenommen.

Karl Heinz Ruthmann, März 2014

Herr Ruthmann absolvierte 1953 die Knabenmittelschule und erlernte den Beruf des Speditionskaufmanns, in dem er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1999 tätig war. Er ist seit 1960 verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter.

 

Das Interview mit Karl Heinz Ruthmann wurde 2018 geführt.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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