Lehre

Mein Großvater hatte einen Meisterbrief, mein Vater hat eine ganze Zeit keinen Titel bekommen. Er war aber in seiner Firma sehr bekannt, und es war selbstverständlich, dass ich auch dort arbeiten würde. Der Meister, der die Lehrlinge ausbildete, war der Freund meines Vaters.

Vorstellung und Einstellungstest

Mein Vater sagte: „Geh mal hin, stell dich vor.“ Bei der Vorstellung guckte mich der Meister Bruno Becker an. „Zimbehl“, sagte er, und schaute mich weiter an. „Ja“, sagte er, „selbstverständlich stelle ich dich hier ein, aber du musst zuerst die Prüfung bestehen, sonst ist nichts zu machen.“ 

Man muss aber wissen, es hatten sich 240 Jugendliche beworben. Seine Zusage war also schon sehr vielversprechend. Ja, dann kam die schriftliche Prüfung, die Texte wurden diktiert. Da wollten sie mich rausschmeißen – ich wäre schon informiert, hat man gesagt. Da ist etwas zu Tage getreten, woran ich nie gedacht hatte. Es wurden die Aufgaben diktiert. Zum Beispiel ging es meinetwegen damit los, im Haus Nummer 24 in der 3. Etage, 42 Stufen, 7 Kinder, unten die Straßenbahn Nr. 14 fährt bis zur 3 … und solche Sachen mit wahnsinnig vielen Zahlen, es wurde zweimal vorgelesen. Das Ergebnis habe ich schon nach dem ersten Vorlesen schnell hingeschrieben. Da kamen die Prüfer zu dem Schluss, das könne keiner wissen, das muss schon vorher jemand erzählt haben. Fairerweise haben sie dann noch ein paar Aufgaben für mich zusammengestellt, und ich habe es tatsächlich gekonnt. 

Da wurde mir klar, dass mein Kopf anders funktioniert. Ich konnte damals Sachen lesen und drei Monate später konnte ich das jederzeit wiederholen, ich habe ein photographisches Gedächtnis. Das hatte man damals aber nicht erkannt. Für mich ist es daher heute besonders schwierig, da ich eben kaum etwas noch zwei, drei Tage behalten kann.

Wir waren rund 80 Jungens, drei Meister übernahmen unsere Betreuung zusammen mit ein paar Gesellen, als ich 1954 mit der Lehre zum Maschinenschlosser begann.

Arbeiten in großen Fabriken

Wir hatten die 48-Stunden-Woche, und es wurde täglich pünktlich begonnen und pünktlich beendet. Als wir die Lehre schon beendet hatten, gab es ausnahmsweise auch mal eine 12-Stunden-Schicht. Einmal trat ein schweres Problem im Betrieb auf, und wir haben gesehen, dass die längere Schicht nötig war. Wir lebten ja davon, dass die Firma lief. Normalerweise wurden diese Dinge bei uns ganz präzise gemacht.

Auch als ich bereits in Lehre war, hatten wir um unser Leben zu kämpfen. Meine Mutter und ich hatten zusammen ungefähr rund 90 Mark im Monat, ich verdiente unter 55 Mark, davon musste ich 39 Mark für die Miete – das war eine Werkswohnung – bezahlen. Ich habe es auch direkt einbezahlt, damit es überhaupt pünktlich bezahlt wurde. Meine Mutter war schwerkrank, die hatte noch nicht mal Schuhsohlen, sie hatte Pappendeckel unter die Schuhsohlen geklebt. Wir sind zweimal ausgebombt worden, wir mussten alles aus dem Nichts heraus wieder neu anschaffen.

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