Die Sache mit der Religion

Erst-Kommunion

Ostern 1949 ging ich zu meiner Erst-Kommunion. In der Nachbarschaft und Familie wurde besprochen, wer etwas zu diesem Fest beisteuern kann: Wer hat Brot, Wurst, Mehl,  Salz usw.. Meine Mutter hatte für mich ein schönes Kleid von einer weiter weg wohnenden Verwandten bekommen. Ich fand mich auch sehr schick da drin, es war schön. Wenn man allerdings die Fotos sieht, sehe ich viel älter und krank aus, ganz schlimm.

Auf die katholische Kommunion wurde man vorbereitet. Man musste auch am Morgen des Festtages nüchtern erscheinen. Ich war so nervös, dass ich krank wurde und Fieber bekam. Ich wurde regelrecht zur Barbara-Kirche geschleppt, welche im oberen Teil ausgebombt war. Das Kirchenschiff war wie ein einziger riesengroßer Saal, der nicht mehr an eine echte Kirche erinnerte.

Im Kommunion-Unterricht wurde so viel von Jesus und dem lieben Gott erzählt, dass ich bei den Vorbereitungen zum Gang in die Kirche dachte, der liebe Gott oder irgend etwas erscheint mir bei der Kommunion persönlich. Es war ganz furchtbar, muss ich sagen.

Nach der Kommunion habe ich fast nur im Bett gelegen. Immer, wenn neue Leute zum Gratulieren kamen, wurde ich aus dem Bett geholt, wieder hingesetzt; ich war fix und alle. Am meisten habe ich mich über ein dunkel gebackenes Schäfchen aus Maismehl gefreut. Auch habe ich mich sehr über einen Rosenkranz gefreut, den mir meine Tante geschenkt hat. Sie war Nonne im Kloster in Essen-Werden. 

Evangelischer Religionsunterricht

Ich war Mitglied der katholischen Jungschar. Weil die Gathe-Schule quasi gegenüber von uns lag, ging ich ab der 2. Klasse auf diese evangelische Schule. Oftmals war ja Religion in der ersten Stunde. Eines Tages gab mir der Lehrer einen Brief mit nach Hause: Ich sollte eine Stunde später kommen, weil es evangelischer Religions-Unterricht war. Da fühlte ich mich zurückgesetzt und dachte, die Lehrer wollten mich nicht. Es hat sich später geklärt. Meine Eltern haben noch mal mit dem Lehrer gesprochen: Wenn ich möchte und niemand etwas dagegen hätte, dürfte ich selbstverständlich schon zur ersten Stunde kommen, auch zum Religionsunterricht. Ich war ja schon zu meiner Erst-Kommunion gegangen, so war ja das Thema schon abgehandelt. 

Denunziation

Als Katholikin an einer evangelischen Schule war schon nicht leicht. Es wussten ja alle, dass ich katholisch war. Heute würde man sagen, ich sei gemobbt worden – das gab es damals schon. Die Mitschüler haben mich nicht mehr mitspielen lassen, die haben mich gehänselt, die haben mir alles weggenommen. Sie spotteten über mich, auch beim Spielen auf dem Schulhof.

Irgendwie haben wir uns einmal so gestritten, jedenfalls hat eine von uns gesagt: Hör doch auf, du katholisches Kotzmittel. Sie hieß Roswitha von Zitzewitz – den Namen vergesse ich nie –, wohnte am Auberg in Mülheim. Ihr Vater war Jäger. Na gut, wir hatten uns also gezankt, ein bisschen gestritten. Ich bin zum Rektor gegangen, denn die Beschimpfung fand ich nicht in Ordnung. Der Rektor gab meinen Eltern einen Brief mit. Da kam die Angelegenheit richtig ins Rollen, das wollte ich natürlich auch nicht. Roswitha musste sich bei mir noch entschuldigen.

Es gipfelte darin, dass sie mich dermaßen mal beim Völkerballspielen geschubst haben, dass ich in so einen Strauch gefallen bin und mein Ohr blutete. Das war der Anlass, dass sich die Lehrer und der Direktor dann eingeschalteten. Die Eltern mussten kommen, und in der Klasse wurde drüber gesprochen. Der Rektor hat sich sehr für mich eingesetzt hat.

Das war ein richtiger Eklat,  eben katholisch-evangelische Auseinandersetzungen.Der Rektor hat dann irgendwann einen Schulchor gegründet, da habe ich natürlich kräftig mitgesungen.

Video: Mobbing in der Schule der 40er und 50er Jahre

Konfirmation?

Im Alter von 13- 14 gingen die Jungen und Mädchen meines Jahrgangs zur evangelischen Konfirmation. Ich war dauernd mit meinem Freundinnen in sog. Jugendgruppen, teilweise bin ich mit ganzen Gruppen in den Sommerferien nach Wangerooge gefahren. Ich wollte ja unbedingt schwimmen lernen, das war ja auch nicht selbstverständlich zu der Zeit damals. 

Dann kam einmal der evangelische Pastor zu uns. Mein Stiefvater war ja evangelisch, meine Tante, die Krankenschwester, auch. Obwohl meine Mutter einen evangelischen Mann geheiratet hat, hat sie mich im katholischen Glauben im Sinne meines leiblichen Vaters und zum Andenken an ihren gefallenen Mann erzogen. Der Pfarrer bat um ein Gespräch, ob ich mich vielleicht doch noch konfirmieren lassen wollte. Da hat meine Mutter gesagt, grundsätzlich hätte sie  nichts dagegen, und ich würde mich auch wohlfühlen auf der Schule usw., ich würde ja auch gerne den Religionsunterricht mitmachen. Ja, eben drum, hat der Pastor gesagt, weil sie so interessiert wäre dafür. Aber meine Mutter blieb dabei: „Akzeptieren Sie jetzt aber meinen Standpunkt, dass mein 1. Mann von Hause aus sehr katholisch war.“ Die früheren Nachbarn der Familie meines Vaters meinten, sie wären so schwarz gewesen, die hätten im Dunklen noch Schatten geworfen. Die netteste Schwester meines Vaters war sogar im Kloster. Sie war dort und durfte da nie raus, selbst nicht zur Beerdigung ihres Vaters und ihrer Mutter. 

Es fanden noch einige Gespräche mit dem Pfarrer und meiner Mutter statt, aber meine Religionszugehörigkeit blieb so, wie sie war.

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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