Leben im Bunker

Heimaturlaub

Im September 1943 bekam mein Vater eine Woche Heimaturlaub. Die Freude darüber war groß, und er hatte uns auch Lebensmittel mitgebracht. Aber er hatte sich nicht vorstellen können, was wir hier alles wegen der schlimmen Bombenangriffe erleiden mussten. Während seiner Urlaubswoche sind wir mit ihm und meinen Großeltern einmal in Oberhausen gewesen, weil er „seinen“ Bunker noch einmal sehen wollte. Er hat ihn gesehen – auch von innen, denn es gab schon wieder Bombenalarm. 

Die Urlaubswoche war viel zu kurz, und das Abschiednehmen war besonders schwer, weil mein Vater jetzt nach Russland musste, und alle Erwachsen wussten wohl, was das bedeuten kann.

Vorbereitungen auf Bombenangriffe

Um bei Bombenangriffen schnell in den Bunker laufen zu können, hatte meine Mutter entsprechende Vorbereitungen getroffen. Mir wurde gezeigt, wie und wo ich meine Sachen vor dem Zubettgehen hinzulegen hatte, und es gab auch für mich ein extra kleines braunes Köfferchen. Stets stand dieser kleine Koffer neben meinem Bett, der mit der nötigsten Kleidung zum Wechseln bestückt war. Im Köfferchen war auch stets ein Bild meines Vaters. Ins Bett ging ich z.B. mit einem leichten Schlafanzug. Hörten wir die Sirenen, wurde der Schlafanzug manchmal angelassen, ein Trainingsanzug  kam drüber, in die Schuhe rein – musste alles parat stehen! – und dann mein Köfferchen, und wir liefen los. Mutti hatte ebenfalls immer ihre gepackte Tasche bereit. Die erste Zeit sind wir im Nahbereich,  zuerst irgendwo im Haus und dann im nahen Wäldchen geblieben. Wäre da eine Bombe eingeschlagen, wäre keiner mehr da. Na gut. Nur das Gefühl, man hat einen Unterschlupf,  zählte zum damaligen Zeitpunkt.

Leben im Schlackenberg

Als die Bombenalarme von Tag zu Tag und Nacht für Nacht schlimmer wurden, kam die Anordnung, dass wir ab sofort sicherheitshalber in einen Bunker – dem sogenannten Schlackenberg – gehen mussten. Wir sollten einige Sachen zum Anziehen mitnehmen, weil wir dort bleiben und auch schlafen sollten. Es gab dort lange Gänge mit Holzpritschen auf beiden Seiten. Tagsüber saßen wir auf diesen Holzkisten, nachts wurden die Sitzflächen hochgeklappt, damit wir darin schlafen konnten. Es war schrecklich in diesen Gängen, und die sanitären Anlagen waren fürchterlich. Tagelang konnten wir uns nicht waschen. Die Kinder bekamen viele Krankheiten, zu essen gab es sehr wenig. Fast täglich wurde eine Erbstwurstsuppe ausgeteilt, die ganz fies schmeckte. Aber der Hunger war groß, und wir haben sie gegessen, sie war wenigsten heiß. Nur ab und zu durften die Erwachsenen nach ihren Wohnungen oder Häusern sehen. Wir Kinder durften nur selten draußen spielen.

Wir Kinder haben das lange nicht als so schlimm empfunden wie die Erwachsenen. 

Ich  weiß noch, dass die Aufseher, die dort waren, selbst kurz vor Kriegsende ihre Macht in alle Richtungen demonstrierten. Furchtbar waren auch die Schlägereien zwischen den Männern. Was für mich ganz besonders schlimm war, dass ich da in meinem jungen Leben so viele Tote sehen musste. Ich blieb Gott sei Dank von Krankheiten weitestgehend verschont.

Frau Storks berichtet über ihre Kleinkindzeit im Schlackenberg-Bunker

https://youtu.be/HsT8JvJgb5o

Vater gefallen, Ende 1943

Die für uns schlimmste Nachricht erreichte uns Ende November 1943. Wir bekamen Post, mein Vater sei in Russland gefallen. Der Pfarrer kam, um uns Trost zu spenden. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass meine Mutter schrecklich geweint hat. Die Nachbarn haben für sie den Arzt geholt, meine Großeltern  kamen zur Unterstützung und blieben einige Tage bei uns. Vor allen Dingen brachten sie Lebensmittel für uns mit.

Meine Mutter erkrankte derart schlimm, dass sie ins Krankenhaus musste. Sie hatte eine Nervenentzündung auf dem Kopf und von den Läusen Geschwüre. Es mussten ihr alle Haare entfernt werden, damit sie besser behandelt werden konnte. Sie blieb dort mehrere Wochen. Sie trug jetzt für längere Zeit ein Kopftuch. Damit war sie aber nicht allein, denn zu dieser Zeit haben viele Frauen Kopftücher getragen. Das war kurz nach der Nachricht vom Tod meines Vaters. Meine Großeltern nahmen mich mit zu sich, damit ich in guter Obhut war. Ich blieb dort, bis meine Mutter im Dezember entlassen wurde.

Es war ja mitten im Krieg. Ich habe auch geweint. Aber meine Mutter hat jeden Tag mit mir gebetet und gesagt, der Papa ist ja im Himmel und wird immer auf uns aufpassen. Ich habe sehr oft ein Küsschen auf sein Bild gedrückt.

Weihnachten 1943

Wer wollte, durfte an Weihnachten auf eigene Gefahr nach Hause gehen. Es waren traurige Weihnachten, weil mein Vater fehlte. Aber die Großeltern waren da und haben auch Essen mitgebracht. „Essen“ war damals ein großes Thema. 

Auch an Weihnachten mußten  wir wieder in unseren Luftschutzkeller im Haus aufsuchen. Direkt neben unserem Haus schlug eine Bombe ein. Uns war nichts passiert, aber wir waren über und über mit Ruß bedeckt, der durch die Explosion der Bombe durch den Kamin hereingedrückt wurde. Im gegenüberliegenden Haus war alles zerstört, und die Häuser ringsum lagen alle in Schutt und Asche. Wir hatten so ein Glück, dass wir aus dem Keller und unserem Haus wieder lebend herausgekommen sind. Weinende Menschen und auch einige Verletzte irrten umher und hatten alles verloren – und das an Weihnachten! Provisorisch haben wir und die Nachbarn einige Leute solange aufgenommen, bis dann eine andere Lösung gefunden wurde. 

Hunger, Hunger, Hunger

Mitte Januar 1944 bekamen wir mit der Post ein Päckchen mit Lebensmitteln, welches mein Vater im November 1943 noch vor seinem Tod an uns abgeschickt hatte. Wir haben uns über die Lebensmittel sehr gefreut, aber ansonsten waren wir sehr traurig. 

Das Frühjahr 1944 kam, es war alles so unerträglich, es gab immer mehr Angriffe und immer mehr Häuser waren nur noch Ruinen. Wir Kinder spielten nur in Trümmern, und zu essen gab es kaum noch etwas. Selbst die uns laut Lebensmittelkarten zustehenden Rationen konnten kaum an uns abgegeben werden. Es gab auch nichts in den Geschäften. Die Kirchengemeinden versuchten zu helfen, und für alles musste man anstehen, selbst für Wurstbrühe, aber wir waren froh, dass wir sie uns holen konnten. Außerdem brauchte man auch noch jede Menge andere Bezugsscheine. 

Besuchte ich meine Oma in Styrum, stellte ich mich beim Metzger für Wurstbrühe an, die in eine Kanne abgefüllt wurde, und nur wenige Fettaugen zeigten sich auf der Oberfläche.

Tieffliegerbeschuss

Um den besagten Schlackenberg herum hatten einige Bauern ihr Korn ausgesät und auch Kartoffeln angepflanzt. Nach der Kornernte im Sommer haben wir Kinder Ähren gesammelt und nach der Kartoffelernte mit den Händen oder einem Stock versucht, noch Kartoffeln zu finden und auszubuddeln, und das auch oft unter Tieffliegerbeschuss.

Eines Morgens bin ich mit einem älteren Nachbarjungen Milch holen gegangen. Es war wohl Ende 1944. Wir waren fast zu Hause angekommen, als plötzlich Tiefflieger auftauchten. Wir haben uns auf den Boden geworfen, die Salven schlugen direkt neben uns ein. Wir blieben unversehrt, aber die Milch lief über die Straße. Wir hatten wohl einen großen Schutzengel. 

Weihnachten 1944

Der folgende Winter kam sehr kalt mit Eis und Schnee daher. Viele Leute – vor allem ältere Menschen – verbrachten Tag und Nacht im Bett, dick angezogen und  zugedeckt mit allen möglichen Sachen. Der Hunger kam auch dazu, und heißes Essen gab es kaum. Man sah auch immer mehr weinende Menschen, die Angehörige durch Bombardierung oder verschiedene Krankheiten verloren hatten oder deren Väter und Söhne waren an der Front gefallen. Selbst ältere Männer, die nicht mehr als Soldaten eingezogen waren, habe ich oft weinen sehen. 

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie noch niemals ein so schlimmes Weihnachtsfest erlebt hatte. Sie sagte, dass seit der Nacht vor Heiligabend, am ersten Weihnachtstag und bis nachmittags in den zweiten Weihnachtstag hinein Angriff auf Angriff geflogen worden wäre. Einen Tannenbaum gab es sowieso nicht, aber die Erwachsenen hatten irgendwelche Zweige zusammengebunden und mit schmalen bunten Stoffstreifen geschmückt. Irgend jemand hat auf einer Mundharmonika Weihnachtslieder gespielt, und sobald die Lieder zu hören waren, haben in den sämtlichen Gängen des Schlackenberges alle Leute mitgesungen. Es wurde gesungen und auch geweint. Geschenke gab es natürlich auch keine, man war ja nur froh, am Leben zu sein. 

Jahreswechsel 1944/45

Auch der Jahreswechsel 1944/1945 verlief im Bombenhagel. Immer gefährlicher wurde es, zwischen den Angriffen rauszugehen, um die zugeteilten Lebensmittel abzuholen, denn ohne sie wäre es ja auch nicht gegangen. Die Leute haben gebetet.

Im Januar 1945 war mein 6. Geburtstag. Ich habe ganz eindeutig die Erinnerung, dass ich mir mit meiner Mutter und der Lebensmittelkarte unter Tieffliegerbeschuss meine abgezählten Bonbons holen konnte, weil es diese schon lange nicht mehr gegeben hatte. 

Wohnen und Spielen

Wir wohnten wieder im für einige Tage im Schlackenberg, das muss im Januar 1945 gewesen sein, weil es für unsere Wohnung weder Scheiben noch Holzbretter gab, um die Fenster abdichten zu können. Da wir Kinder nicht draußen spielen durften, mussten wir irgendwie beschäftigt werden, und viel Spielzeug hatten wir nicht. Meine Mutter brachte mir in dieser Zeit das Häkeln bei. Sie erzählte mir, wenn ich 6 Jahre alt werde und keine Bomben mehr fielen, dass für mich dann die Schule anfinge. Dort würde man lernen, auf einer Tafel zu schreiben, und um das Geschriebene auszuwischen, würde man einen Tafellappen benötigen. Häkeln hat mir Spaß gemacht, diese und auch einige andere Dinge zu häkeln … wenn man denn Wolle hatte. 

Nur ab und zu durften die Erwachsenen nach ihren Wohnungen oder Häusern sehen. Wir Kinder durften nur selten draußen spielen. Ab März 1945 waren wir ständig im Bunker, bis zur Befreiung durch die Amerikaner.

Gerade in dieser schlechten Zeit wurde ja aus Alt Neu gemacht. Ich kann mich gut erinnern, dass besonders die Unterhosen aus schrecklich harter Wolle gestrickt waren und sehr kratzten. Im Sommer wurden aus einem Stück Holz Kläpperchen als Schuhersatz gemacht und die benötigten Riemchen dazu aus einer alten Ledertasche oder ähnlichem zurechtgeschnitten. 

Krankheiten

Im Schlackenberg selbst war eine unerträgliche Enge, weil immer mehr ausgebombte Leute Unterschlupf suchten. Die sanitären Zustände wurden immer unerträglicher, und es gab viele große Probleme. Es brachen dauernd schlimme Krankheiten aus. Wir Kinder und auch viele Erwachsene hatten sowieso schon Läuse in den Haaren. An diese Zeit kann ich mich gut erinnern, denn ich hatte lange Zöpfe, und das Kämmen war jedes Mal sehr schmerzhaft. Die Haare konnten mangels Wasser nicht  oft gewaschen werden, denn selbst das Trinkwasser war rationiert.

Tote beerdigen am Schlackenberg-Bunker

Es gab kaum noch ärztliche Versorgung und Arzneien. Gerade viele ältere Menschen bei uns im Bunker und in der Nachbarschaft sind deswegen krankheitsbedingt gestorben. Leider erging es kranken Erwachsenen und Kindern ebenso, und sie verstarben an ihren Leiden.  In den Wintermonaten  bei Frost und Eis war das Beerdigen der Verstorbenen besonders schwierig. Mit Hacke oder Spitzhacke wurde ein Loch ausgehoben, mit dem Gesicht  wurden die Toten nach unten gelegt, Pappe drauf, fertig. Das habe ich genauso erlebt. – Wie gesagt, das gehörte auch dazu. 

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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