Lehre zum Schmied

Ostern 1946 (Mitte April) wurde ich aus der Schule entlassen. Direkt am 2. Mai begann ich mit der Lehre. Man  hatte  mir eine Schmiedelehre auf der Schachtanlage Rosendelle in Mülheim besorgt. Das war zu der Zeit ein Glücksfall. Ein Onkel war Fahrsteiger auf der Zeche Rosendelle, und durch seine Fürsprache erhielt ich diese Lehrstelle. Die Lehrwerkstatt des Mülheimer Bergwerkvereins war nicht zerstört, und es gab für diese Zeit eine hervorragende Ausstattung an Maschinen und Ausbildungsmaterial.

Ein wackeres Kerlchen wie ich mit einem damaligen Lebendgewicht von 40 kg war gerade dazu prädestiniert, Schmied zu lernen. Der wirkliche Grund war: 1946 herrschte eine allgemeine Hungersnot. Die Butterbrote, die meine Mutter mir morgens mit zur Arbeit gab – Butter war nicht drauf – waren aus Maismehl. Frisch gebacken waren sie einigermaßen genießbar. War es jedoch schon einige Stunden alt, konnte man es nur mit Unmengen von Flüssigkeit schlucken. Ich aß meine Brote schon auf dem Weg zur Arbeit auf. Zum Glück bekam jeder Betriebsangehörige nach Arbeitsbeginn eine dicke Wurststulle, die dann für die erste Pause aufgehoben wurde. Mittags gab es in der Kantine noch irgendein Mittagessen. 

Herr Rübenkamp erzählt über seine Ausbildung zum Schmied

Tagesablauf Bergbau

Eine fürchterliche Umstellung begann für mich. Zur Schule stand ich morgens um 6.45 Uhr auf, die Schule begann um 8.00 Uhr. Die Arbeitszeit nunmehr war von 6 Uhr morgens bis um 16 Uhr mit zwei Pausen, jeweils eine halbe Stunde. Eine 48 Stunden-Woche, 15 Tage Urlaub waren dabei Standard. Die Entlohnung zu der Zeit im ersten Lehrjahr: 25 Reichsmark; das reichte, wenn man rauchte, gerade mal für 3 bis 4 Zigaretten. Im 2. Lehrjahr gab es 35 Reichsmark, und im dritten Lehrjahr da gab es schon 45 DM. 

Die allgemeine oder anerkannteste Währung dieser Zeit bestand aus Zigaretten, Bohnenkaffee und Schnaps. Wobei es sich beim Schnaps meist um schwarz gebrannten handelte. Gelegentlich gab es auch noch ein sogenanntes Carepaket. In diesem Carepaket befanden sich damals Biskuits, Schokolade, Kaugummi und noch andere gute Sachen. Die Krönung war aber: mehrere Schachteln Zigaretten mit jeweils 3 Stück, Camel, Chesterfield, Pall Mal oder dergleichen. Diese waren – wenn man nicht selbst rauchte –  die besten Tauschmaterialien. Man bedenke, wenn man sie verkaufen wollte, kostete 1 Zigarette 7 Reichsmark und war im fünfminütigem Rauch aufgegangen.

Meine Erstausrüstung für meine Lehrzeit bekam ich von meinem Arbeitgeber: eine grün gefärbte englische Uniform und ein Paar echte lederne dicke Arbeitsschuhe. Dazu benötigte ich unbedingt neue Sohlen unter meinen Schuhen. Ich ging also zu unserem bekannten Schuhmacher und bat ihn, mir neue Sohlen zu besorgen. Er sah mich mitleidig an und sagte: Mein lieber Freund, ich könnte dir Pappe unter deine Schuhe kleben – was anderes habe ich nicht. Ich zog zwei meiner Zigaretten (vom Carepaket) aus der Hemdtasche und bekam ohne zu zögern neue Gummisohlen, die allerdings aus alten Tansportbändern hergestellt waren. Bei der Abholung meiner Schuhe vergaß er sogar, seinen Lohn einzufordern.

Horst Rübenkamp hatte Glück, direkt nach dem Krieg eine Lehrstelle zu bekommen

Markenkontrolle

Mit dem Begriff Markenkontrolle kann eigentlich keiner was  anfangen. Es ist ein bergbauspezifischer Ausdruck. Markenkontrolle diente dazu, den Anfang und das Ende der Arbeitszeit zu dokumentieren. Jeder, der im Bergbau beschäftigt war, bekam eine Nummer zugeteilt, die er sein ganzes Arbeitsleben behielt. In der Markenkontrolle befanden sich mehrere große Tafeln, an denen sich die Markennummern befanden. Es gab drei verschiedene Formen von Markennummern: runde für die Morgenschicht, dreieckige für die Mittagsschicht und viereckige für die Nachtschicht. Nachdem man seine Markennummer empfangen hatte, zog man sich in der Kaue die Arbeitskleidung an. Vor Betreten des Förderkorbes gab man seine Markennummer einer Aufsichtsperson, diese steckte die Nummer auf einen Draht, um sie nach Schichtende dem jeweiligen Besitzer wieder auszuhändigen. Blieb nach Schichtende noch Kleidung übrig, so forschte man nach, wo der Besitzer der Nummer blieb. Waren aber alle Nummern verteilt, so war klar, dass sich kein Arbeiter der jeweiligen Schicht unter Tage mehr aufhielt. Also, das war zur Sicherheit. 

Ende der Lehre

Am 30. April 1949 machte ich meine Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer Düsseldorf, mit dem Resultat: praktisch gut, theoretisch gut. So war ich im Alter von gerade mal 17 Jahren schon Geselle. Ich durfte aber noch nicht wählen oder in der Öffentlichkeit rauchen. So streng waren die Bräuche anno dazumal. 

Das ging glatt:

2/3 Jahre später habe ich dann eher Schlosserarbeiten verrichtet. Es schloss sich eine Umschulung zum Fördermaschinisten an, das habe ich von 1954 – 1966 gemacht.

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