Schulzeit

Einschulung

Die Schildberg-Schule  wurde nach dem Auszug der Amerikaner ein bisschen renoviert, und im Spätherbst – es war schon Oktober 1945 – bin ich dann eingeschult worden. Da gab es ja nichts für eine große Feier. Ich besaß keinen Tornister. Ich hatte  nur eine aus Pappe gebastelte Mappe, Format DIN 4. Darin befand sich – wie bei allen anderen Schülern auch – meine Tafel. Einen Griffel hatte ich auch dazu, der so kratzte, und natürlich meine selbst gehäkelten Tafellappen, die ich während der Bombenangriffe im Bunker mit meiner Mutter gehäkelt hatte.

Zum Einschulungstag habe ich sogar ein neues Kleid bekommen, welches aus irgendwelchen  Sachen umgenäht war. Ich hatte eine große dicke Schleife im Haar und Zöpfe und viel zu große Schuhe. Ich fand mich selbst todschick. Eine Schultüte gab es nicht.

Später hatte ich dann auch einen Schultornister, wo man größere Bücher reintun konnte, zur Schonung.

Unsere Lehrer waren alle älter. Unsere Klasse hatte 30/35 Schüler von unterschiedlichem Alter. Die Jüngsten saßen vorne, die anderen hinten. In meiner Altersklasse gab es 8 oder neun Kinder.

Dann gab es dann schon bald eine Art Zeugnis, dass war eher eine Beurteilung.

1. und 2. Schuljahr

Damals war die Versetzungszeit zu Ostern. Ich kam dann Ostern 1946 in das 2. Schuljahr und bekam einen Lehrer, den mochte ich auch sehr gerne. Er war unheimlich nett, hat ein wenig gehumpelt. Wir mussten uns vor dem Unterricht draußen schon vernünftig auf dem Schulhof aufstellen, in Reih und Glied, dann reinmarschieren, Hände zeigen, ob alles sauber war.  Morgens im Klassenzimmer mussten wir  immer aufstehen, strammstehen. Dieser Lehrer Drohla guckte den Jungs auch in die Ohren, ob die auch sauber waren. Vor ihm hatten wir Schüler  Respekt. Die Jugend damals war anders, die Zeit war anders, aber trotzdem, so ein paar Rowdies gab es immer mal, aber da war irgendwie Ruhe, da war nie so ein Chaos, also ich hab das nie so erlebt. Anderseits waren wir mit ihm auch in unserem kleinen Schul-Garten, den wir angelegt hatten mit Blumen und irgendwelchen Kräutern; er erklärte uns alles Mögliche. Das war wiederum schön.

Die Schulbänke waren natürlich nicht so toll, pultartig und manchmal hatten sie auch hohe Sitze. Dann fingen wir irgendwann  an, mit Tinte zu schreiben, die Tintenfässchen waren manchmal auch beschmiert.

3. Schuljahr

Im dritten Schuljahr (1946 – 1947) bekamen wir für zwei Jahre eine Handarbeitslehrerin, Fräulein Ruppental (1), bei der wir stricken lernten. Jedenfalls beschäftigte sie uns mit vielen kleinen Dingen, es gab ja nicht viel. Eines Tages fragte sie, welche Mutter denn wohl Socken stricken könnte. Meine Mutter konnte Socken stricken, und dann war Fräulein Ruppental auch mehrmals bei uns und lernte Socken zu stricken. Ich habe es nie gelernt. Fräulein Ruppental, die war so nett, die war so mütterlich. Wir hatten auch ein paar Jungs in der Klasse, deren Väter auch im Krieg gefallen waren wie meiner, die waren so zart und so schmal. Sie hat denen immer was zugesteckt zum Essen. Die hatten zu Hause mehrere Kinder, da war es noch mehr als knapp, wenn man eine größere Familie hatte. 

Im Januar 1947 bekam ich zum Geburtstag ein selbstgebasteltes Rechenspiel geschenkt. Ab sofort musste ich damit spielen, um im Rechnen besser zu werden. Ich hatte da mal in der Schule nicht so eine gute Note, Rechnen fiel mir einfach schwerer. Das hasste ich natürlich, wollte ich überhaupt gar nicht, aber meine Schulnote wurde dadurch  besser und hat mir später in einem anderen Schuljahr mal sehr geholfen.

Schulwechsel

Ich wohnte  im Heifeskamp, und die evangelische Gathe-Schule (2) war quasi gegenüber, aber ich musste, um zur Schule am Weidenfeld, also in die katholische Schildberg-Schule, zu kommen, den langen Weg über die Denkhauser Höfe laufen. Manches Mal auch erst zur Kirche, da war man wegen der Kommunion nüchtern, dann den ganzen Schildberg rauf. Ich war oft krank, besonders im Winter oder Frühjahr, wenn der Wetterumschwung kam. 

Nach 1 ½ Jahren hat mein Vater gesagt, also im dritten Schuljahr, das geht nicht mehr so. Die Schuhe, alles war oft durchnässt, obwohl ich  so einen Umhang getragen hatte. So ist mein Vater zur Gathe-Schule gegangen und hat sich bei dem Rektor Grüting angemeldet; sie waren beide auf dieselbe Obererealschule gegangen. – Antwort des Rektors: Selbstverständlich kann deine Tochter zu uns kommen, auch wenn sie katholisch ist. – Dann ist meine Mutter zu dem anderen Rektor an der Schildberg-Schule gegangen. Da hat sich der Rektor das erst mal angehört, war nicht so ganz begeistert, dass er mich zur evangelischen Schule geben sollte. Letztendlich willigte er ein.

Züchtigung

Meine ersten Lehrer haben mit der Hand gehauen, auch mit dem Stock geschlagen, die Schüler an den Ohren hochgezogen oder man wurde über die Bank gelegt; wenn wir im Sommer Lederhosen anhatten, hauten sie auf die nackten Beine.

Zickigkeit in der Pubertät, das kannte man doch gar nicht. Da kriegte man eine geklebt, und dann war das Thema erledigt. Pubertät, das war kein Thema, keine Diskussion, da hat sich auch keiner mit befasst.

Frau Storks beschreibt die übliche Züchtigung an der Schule in der Nachkriegszeit

Strafarbeit gab es auch: Man musste den Satz hundertmal abschreiben oder man musste in der Ecke stehen oder man wurde vor die Tür gestellt.

Höhere Handelsschule

Die Schulklassen wurden nachher auch immer besser, was die Ausstattung betraf. Wir bekamen schöne Möbel, bequemere zum Sitzen, und überhaupt, man hatte viel mehr Platz, auch in der Klasse selber. Es kamen  auch jüngere Lehrer. Lehrer Grätz, vergesse ich nicht, der hat dann u.a. auch Englisch gemacht in der Volksschule, das war damals auch nicht üblich, das gab es ja nur in der höheren Schule. Englisch war dann freiwillig, da musste man nach dem Unterricht dann noch bleiben, das habe ich dann auch noch mitgemacht von Anfang an, hat mir auch viel Spaß gemacht, macht mir bis heute noch Spaß. 

1953 habe ich die achte Klasse abgeschlossen und durfte dann für 2 Jahre auf die Handelsschule Schwenzer gehen, nachdem ich dort die Aufnahmeprüfung bestanden hatte. Dort habe ich neben Steno und Schreibmaschine auch Algebra gelernt. Mit 15 Jahren, also 1955, habe ich die Handelsschule abgeschlossen.


(1) Bis 1951 gab es noch das Lehrerinnenzölibat, das Lehrerinnen untersagte zu heiraten; deswegen wurden sie auch mit „Fräulein“ angeredet.

(2) Die Grundschule an der Gathestraße wurde zum Schuljahr 2012/13 aufgelöst .

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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