Wohn- und Lebensverhältnisse im Krieg

Auch sonst machte sich die Kriegszeit in steigendem Maße im privaten Familienleben bemerkbar. Zunächst aber bekamen wir gar nicht so besonders viel von diesem Krieg mit. Es ging ja eigentlich erst mal ganz harmlos los: Die ausgestellten Lebensmittelkarten regelten und rationierten die Versorgung der Bevölkerung. Die Behörde vermerkte für uns: Familienstand, Vater, Mutter, drei Kinder, also 5 Lebensmittelkarten. Sie waren mit Abschnitten versehen, beispielsweise für Fleisch, Obst, Nährmittel, Milch usw., und das gab es nur in ganz bestimmten Mengen bzw. Zeiteinheiten. Aber es war zu Beginn des Krieges auf jeden Fall noch ausreichend, man konnte recht gut damit leben. Es gab nur Einschränkungen bei Genussmitteln, z. B. Schokolade. Alles, was in Deutschland nicht selber hergestellt oder dargestellt werden konnte, was eingeführt werden musste, das war plötzlich nicht mehr zu haben.

 

Einschränkungen zu Kriegsbeginn

Die ersten Einschränkungen erfuhren wir durch die öffentlich gebotenen Maßnahmen wie Verdunklung aller möglichen Lichtquellen während der dunklen Tageszeit. An den Fenstern der Wohnungen mussten Vorrichtungen angebracht werden, die verhindern halfen, dass das Licht der Wohnungsbeleuchtung nach außen dringen konnte. Straßen- und Fahrzeugbeleuchtungen erfuhren starke Einschränkungen.

 

Schutzmaßnahmen im Luftschutzkeller

Hier fand man Zuflucht vor den Bomben

Im Keller hatten wir einen Raum bereitzustellen, um einen Luftschutzraum einzurichten, der im Falle von Fliegeralarm den Bewohnern Schutz bieten sollte. Die Decken in der Waschküche, das war der große zusammenhängende Raum, wurde durch Balken abgestützt, und es wurden zu den Nebenhäusern Durchbrüche in der Größe etwa 1,50 x 1,50 durchgeschlagen und nur mit einer Halbsteinmauer wieder zugemauert, damit die Separierung zwar noch gegeben war, aber diese Wand im Notfall sehr schnell beseitigt werden konnte.

Es stand zudem noch dazu noch eine Spitzhacke bereit, das war insofern geregelt. Ich hörte dann nur, wie die Erwachsenen sagten: „Na ja, die Abstützung zur Decke hin, diese Streichhölzer, die halten nicht allzu viel aus!“ Aber im Nachhinein denke ich mir, waren sie nicht dafür eingebaut worden, um Schutz vor Bombeneinschlägen zu bieten, sondern nur dazu, beim Einsturz des Hauses das Gewicht der Trümmermassen zu halten, damit der Keller nicht gleich mit eingedrückt wurde. – Dafür hat es auch in den meisten Fällen gereicht, wie wir als Kinder nach dem Kriege feststellen konnten. Denn da sind wir Kinder und Jugendliche in unseren Blocks von einem Keller in den anderen gewandert und haben dann nach Dingen gesucht, die man noch gebrauchen konnte.

Zur Straße hin wurde eine Mauer vor diesen Schutzraum errichtet, um auch da noch eine Verstärkung zu erreichen. Außerdem wurden auf dem Dachboden noch Feuerlöschgeräte bereitgestellt, allerdings in ganz beschränkten Umfang. Sie bestanden aus einer Pumpe mit einem Schlauch, also einer Spritze, die man in ein großen Gefäß stellen musste, das Wasser enthielt. Durch Pumpen wurde ein Wasserstrahl erzeugt, der vielleicht einen brennenden Christbaum gelöscht hätte, bei Brandbomben sicherlich nichts ausgerichtet hätten.

 

Bunkerbau

Nach den ersten Bombenangriffen war die allgemeine Meinung, die Luftschutzkeller seien nicht ausreichend, um wirklich mal einen Bombenangriff oder einen Bombeneinschlag auszuhalten. Dazu wurden dann Hochbunker und Tiefbunker an freien Plätzen konzentriert im Stadtgebiet verteilt errichtet.

Es wurden viele Bunker gebaut

Wir hatten Glück: Besagter Park in Hochfeld war so weitläufig, dass dort auch ein Tiefbunker errichtet werden konnte. Wir rannten oder stiegen nicht mehr  in den Keller hinab, sondern liefen ungefähr 300 m weit in unseren Bunker, wo sich dann entsprechend die Bevölkerung sammelte, die natürlich zahlenmäßig größer war, weil das Einzugsgebiet sich erweitert hatte.

Beim Treppabwärts-Steigen hatte man die Bunkerdecke regelrecht vor Augen, und man konnte die Stärke dieser Decke mit ca. 3 m einschätzen, was den Schutzsuchenden ein Gefühl verhältnismäßiger Sicherheit vor den Fliegerbomben vermittelte. Man erreichte den inneren Schutzraum durch zwei Stahltüren, die mit jeweils zwei Knebelvorreibeverschlüssen versehen waren. Die äußere Tür zeichnete sich durch besondere Schwergängigkeit aus, was sicherlich auf das hohe Gewicht infolge der Stärke des Stahls zurückzuführen war. Zwischen der ersten und schweren und der zweiten, leichteren Stahltür befand sich ein Raum, den man auch als Schleuse bezeichnen konnte und der bei etwaigen Gasangriffen, die zwar befürchtet wurden, jedoch Gott sei Dank nicht eintrafen, sehr nützlich gewesen wäre. An dieser zweiten Tür schloss sich zunächst ein Raum von drei mal vier Metern an, der mit Bänken und Tischen ausgestattet war, für größere geschlossene Gruppen – etwa einem Trupp Soldaten oder der Mannschaft des SHD (Schutz- und Hilfsdienst: meist ältere Herren, Rentner, die also nicht mehr zum Kriegsdienst eingesetzt wurden). Rechts von diesem Vorraum lagen zwei weitere Räume, einer für die Bunker- bzw. der Luftschutzleitung – ausgestattet mit Telefon und Rundfunkempfänger – und der zweite Raum diente als Dienstzimmer des diensttuenden Bunkerwartes, deren es drei gab. Dann erstreckte sich rechtwinklig nach rechts, von diesem ersten Gang aus gesehen, ein etwa 20 m langer Hauptgang, an dem rechts und links Zellen gleicher Größe und Einrichtung abzweigten. Diese Zellen maßen in der Länge jeweils etwa 3 bis 4 m und in der Breite 3 m. Darin befanden sich, ebenfalls in Längsrichtung angeordnet, links und rechts auf jeder Seite je eine hölzerne Sitzbank und Etagenbetten mit 3 Etagen, die Zellen waren also für 6 Personen ausgerichtet. Die Türe öffnete sich vom Gang aus ins Zelleninnere, und der Heizkörper befand sich rechts hinter der Tür. Es konnte also alles sehr schön beheizt werden.

Die Zwischen- und Trennwände der einzelnen Zellen wiesen eine beträchtliche Stärke auf, was im Zusammenwirken mit der geringen Größe der Aufenthaltszellen, und der Bunkerdecke, die etwa 3 bis 4 m dick war, eine beruhigende Stabilität zu verleihen schien. Zunächst, dachten wir so – deswegen beschreibe ich das hier so ausführlich –, denn unser Privatleben verlagerte sich dann doch in den Bunker. Zunächst suchte man den Bunker nur bei Fliegeralarm auf, jedoch bei der sich verschärfenden Bedrohung durch die ständige Zunahme der Luftangriffe (ab 1943 gab es fast jede Nacht Fliegeralarm), gingen die Familien dazu über, Kinder und Jugendliche nicht mehr daheim schlafen zu lassen, sondern sie allabendlich im Bunker zu Bett zu bringen. Auf diese Weise bildeten sich regelrechte Zellengemeinschaften heraus.

 

Fliegeralarm und Bombardements

Wenn jedoch unsere Stadt von einem Bombardement heimgesucht wurde, mussten wir unsere Betten verlassen, uns sofort ankleiden und unsere bereit gestellten Sachen greifen. Zur Grundausstattung jeder Familie gehörten wichtige Papier, vor allen Dingen die Lebensmittelkarten, Familienpapiere und Geld. Meine Mutter hatte alles immer im Korridor bereit stehen. Sollte es erforderlich sein, dass wir bei einem Volltreffer geborgen werden mussten, dann wollte man keine Leichen im Nachthemd bergen müssen.

Die Alarmierung vollzog sich in mehrere Stufen: Zunächst gab es den Voralarm, ein Dauerton, der verschiedene Male unterbrochen wurde; da hatte man noch Zeit, sich entsprechend einzurichten.Wenn tatsächlich unser Stadtgebiet angeflogen wurde, kam der Hauptalarm: ein laufend auf- und abschwellenden Ton. Die akute Luftgefahr – wurde aber erst später eingeführt – ertönte, wenn wirklich Bomben auf unser Stadtgebiet fielen; es waren drei Töne mit Unterbrechung. Das war dann wirklich die höchste Alarmstufe. Wenn es Entwarnung gab, war ein durchgehender Dauerton zu hören.

Wenn wir nach einem Bombenangriff aus unseren Luftschutzräumen in unsere Wohnungen zurückkehrten, fanden wir je nach Nähe oder Entfernung der niedergegangenen Sprengbomben mehr oder weniger starke Verwüstungen in unserer Wohnung vor. Meist waren die Fensterscheiben zertrümmert, und die umherliegenden Glassplitter mussten beseitigt werden. Gelegentlich hatte der Luftdruck einer in unmittelbarer Nähe unseres Hauses detonierten Bombe auch schon mal das ganze Fenster aus der Verankerung gerissen und in die Wohnung geschleudert, sodass nicht nur Arbeit für den Glaser entstand, sondern auch der Schreiner zur Hilfe gerufen werden musste. Diese Handwerker hatten dann verständlicherweise viel zu tun, denn wir teilten dieses Schicksal mit einer großen Anzahl anderer Familien.

 

Die ersten Bombenangriffe

Wenn schon mal in den ersten Jahren eine Bombe runterkam, machte es sofort die Runde: „In Hochfeld. Nix wie hin! In der Werksnähe, Bachstraße, wo die großen Fabriken sind, da sind Bomben gefallen.“ Genauso wie es heute auch oft ist, wenn irgendetwas Negatives oder ein Unglück passiert, wurde Maulaffen feilgehalten. Auch wir Kinder sind dahin gegangen und haben es uns mal angeschaut, allerdings auch so ein bisschen, um feststellen zu können, was denn da eigentlich passiert, wenn so eine Bombe eingeschlagen ist. Wie stark sind die Zerstörungen? Danach wussten wir, dass es doch eine ernste Gefahr aus der Luft gab.

Sicherheitssysteme im Bunker

Die Kriegspropaganda verbreitete, dass es auch zu Gaseinsätzen kommen könnte, dass Granaten oder Bomben abgeworfen würden, die tödliches Gas enthielten. Mein Vater war wohl offensichtlich ein weitsichtiger Mann und hatte unverzüglich für die ganze Familie Gasmasken angeschafft, ein fürchterliches Gerät: ein Gummiüberzug, den man über den ganzen Kopf ziehen musste, mit einem Filter vorne vor dem Atemloch, denn dieser Filter sollte das Gas abhalten. Es fiel mir sehr schwer, das Ding über den Kopf zu ziehen, denn es zerrte an den Haaren; außerdem schwitzte man darunter elendig, sodass sofort die Augengläser beschlugen. Fürchterlich.

Wir lebten in der Nähe eines großen Parks, und auf einer der großen Wiesen hatte das Militär eine Scheinwerfer-Stellung errichtet. Die sich nähernden feindlichen Flugzeuge wurden mit Scheinwerfern in den Lichtkegel genommen, um sie sichtbar zu machen, damit die Flakabwehr ihre Geschütze darauf zielen konnten. Die Flak konnte mit Hilfe von Suchscheinwerfern und Horchgeräten (Richtungsgeräte) recht genau feststellen, in welcher Höhe sich diese Flugzeuge näherten.

 

Der Bunker als neue Heimstatt

Unser Bunker war also ein richtig stabiles Ding, der hatte Stahlbetondecken von 4 Meter Stärke. Aber auch da hatte es später entsprechende Kaliber an Bomben gegeben, die sogenannten Wohnblockknacker, Bomben, die Tausend Kilogramm, also1 Tonne wogen, die auch solche Decken durchschlugen. Wir konnten die verschiedenen Alarmtöne in unserem dicken Bunker nicht hören, sondern wir stellten am Licht fest, welcher Alarm ertönte. Wenn das Licht dann dunkler wurde – bei durchgehendem Ton – wurde es wieder heller, danach gab es eine Unterbrechung. So konnten wir also genau feststellen: Jetzt haben wir Vollalarm, jetzt haben wir akute Luftgefahr, Leute zieht euch warm an. In Duisburg war es entsprechend gefährlich, weil die Taktik der Gegner war, die Industrie lahmzulegen.

Die Bombenangriffe nahmen in ihrer Intensität im Laufe des Krieges sehr stark zu, denn wir saßen ja hier in Duisburg mitten im Industriegebiet. Die alliierte Luftwaffe war mittlerweile dazu übergegangen, nicht nur die  Industrieanlagen, Bahnanlagen, Straßen, Knotenpunkte usw. zu bombardieren, sondern man führte die sogenannten Flächenbombardements durch. Die Engländer nannten es „Moral Bombing“ (= moralisches Bombardieren), um den Widerstandswillen, sofern er überhaupt noch in der Bevölkerung vorhanden war, zu brechen und die Bevölkerung gegen das Regime aufzubringen – was ja bekanntlich nicht funktioniert hatte. Denn jeder hatte so seine eigene Einstellung: Vom eingefleischten Nationalsozialisten mit Parteiabzeichen und allem drum und dran, bis zu verkappten im Untergrund wirkenden ehemaligen Kommunisten usw., war ja die gesamte menschliche Skala noch vorhanden. Aber alle machten seinerzeit die sogenannte Faust in der Tasche und versuchten, so gut wie es eben ging, in dieser Zeit durchzukommen.

Wir haben uns gar nicht mehr zu Hause zu Bett gelegt, sondern wir gingen gleich abends in den Bunker zu unseren angestammten Zellen; in jeder Zelle standen 2 Etagenbetten mit jeweils 3 Etagen. Am dauerhaftesten schlief ich in Gemeinschaft mit Willi, Ulla und Reinhold sowie zeitweise auch mit einem erwachsenen gehbehinderten Invaliden. Er trug eine Beinprothese, die er, wenn er zu Bett ging, an einem zu diesem Zwecke angefertigten Holzständer anlehnte. Wenn ich nachts schon mal einem menschlichen Bedürfnis folgend meine Schlafstelle im obersten der drei ineinander angeordneten Betten verlassen musste – was dann auch noch bei Dunkelheit geschah, um die übrigen Schlafgenossen nicht zu stören – stieß ich versehentlich an diese Prothese, die dann natürlich erst recht geräuschvoll umstürzte. Herr Linder war es auch, der mir beim Zubettgehen empfahl, die Strümpfe auszuziehen, weil ich nunmehr im Bunker nicht mehr in halb angezogener Weise wie zu Hause, wo man nachts jederzeit sprungbereit sein musste, zu Bett zu gehen gezwungen war. Bei Fliegeralarm weckte uns lediglich die durch die zusätzlich hereinströmenden Schutzsuchenden entstandene Unruhe auf.

Das stellte natürlich gewisse Ansprüche überhaupt an die Damen oder an die Frauen in den Familien, die waren nun gefordert. Sie mussten sozusagen Aufgaben der Väter und Ehemänner übernehmen. Dementsprechend war auch der Zuspruch im Bunker hauptsächlich von Frauen und Kindern geprägt. Man versuchte sich durch Gespräche abzulenken: Neues aus der Nachbarschaft, Kriegsereignisse usw. wurde besprochen, bis man dann wirklich merkte, dass sich Flugzeuge näherten, weil die Flak zu schießen begann.

Bei großen Angriffen war die Anzahl der Flugzeuge so enorm groß, dass die Flak gar nicht mehr auf einzelne Flugzeuge schoss, sondern stattdessen einen Riegel an Sperrfeuer legte. An der Wedau bestanden die Flugabwehrkanonen aus 8,8 cm Geschützen, Krupp-Flak genannt – und die belferten dann gewaltig als Dauerfeuer los, bis die Rohre glühten. Die Abschussziffern waren eigentlich nicht besonders groß, weil man ja sozusagen ins Blaue oder ins Dunkle schoss.

Daneben gab es natürlich noch zur Abwehr die deutsche Luftwaffe, Jäger genannt, die stiegen dann von irgendwelchen Flughäfen in der Nähe auf und versuchten, die Flugzeuge der Feinde abzufangen, mit mehr oder weniger starkem Erfolg. Görings vielzitierter Satz dazu lautete: „Wir sind also gegen die feindlichen Flugzeuge so gut bewaffnet, wenn jemals ein feindliches Flugzeug die deutschen Grenzen überfliegt, dann könnt Ihr mich Hermann Meier nennen.“ Seitdem hieß der Mann bei uns in der Siedlung nur noch „Hermann Meier“.

 

Meine Mutter

Meine Mutter war eine couragierte Frau, was folgende Begebenheit zeigen soll: Als die Nachbarschaft mal wieder im Bunker versammelt war, ließ der Bunkerverwalter (Parteigenosse in SA-Uniform), also derjenige, der für Ruhe und Ordnung sorgen sollte, folgenden  Spruch los: „Wenn hier mal eine Bombe richtigen Kalibers auf den Bunker fällt, dann braucht  man uns gar nicht auszugraben, dann genügt es, wenn man einfach die Kränze oben drauflegt.“ Da stand meine Mutter auf und sagte: „Hör mal zu! Von wegen Moral!“ – Die Moral stand ja bei dem damaligen Regime hoch im  Kurs,  Defätismus durfte nicht sein. Wer da also Feigheit in der Heimat, vor dem Feind oder vor wem auch immer zeigte, dem drohte einiges. – Deswegen sagte meine Mutter noch: „Jetzt kann er doch diesen Spruch nicht loslassen!“ Da ergab sich ein heftiger Disput zwischen den beiden, und ich beobachtete alles. Er drohte ihr mit dem Finger, und sie erwiderte: „Tu den Finger doch weg!“ Das betrachtete er jedoch als körperlichen Angriff und schwärzte meine Mutter bei der Behörde an.

Sie bekam offiziell eine Vorladung: „Kinder, ich habe jetzt einen Termin, ich muss zum Präsidium. Die wollen mich da verhören, und je nachdem wie das ausläuft, … .“ Meine Mutter wurde seinerzeit noch gewarnt, denn es war in der Nachbarschaft bekannt, dass meine Mutter schon mal –  wir würden heute sagen: Fresspakete    für die russischen Zwangsarbeiter bereit gelegt hatte. „Seien Sie mal vorsichtig, Sie wissen ja, was passiert! Eines Tages stehen die hier mit dem Ledermantel vor der Tür und schwarzer Limousine, und dann sind Sie weg vom Fenster!“

Unsere Mutter traf auf den uns bekannten Polizeileutnant Weber, der unsere Familie nachbarschaftlich kannte, wie wir auch ihn. Es blieb bei einer Verwarnung ohne weitere Folgen für uns. Besagter Bunkeroberwart wurde seines Postens enthoben.

 

14./15. Oktober 1944

Auf Duisburg haben im 2. Weltkrieg insgesamt 299 Luftangriffe stattgefunden. Der Schlimmste – als herausragendes Kriegsereignis für unsere Familie und unsere Stadt – ist jener Bombenangriff auf Duisburg vom 14. und 15. Oktober 1944 zu bezeichnen. In einem Dreifachangriff flogen innerhalb von 20 Stunden 3 x 1000 Flugzeuge über Duisburg hinweg und warfen ihre Bombenlast ab. Insgesamt sollen es zwischen 9 und 10.000 Tonnen Bomben gewesen sein; so konnte ich es später nachlesen.

Als wir nach der ersten Bombardierungswelle am 14. Oktober 1944 unseren Bunker verließen, fanden wir unser Haus in der Häuserzeile in der Johanniterstraße als brennendes Fanal vor. Zwar lag der Brandherd noch in den Obergeschossen der 3. und 4. Etage. Es bestand jedoch kein Zweifel darüber, dass der Brand sich durch die aus Holz bestehenden Decken, bzw. Fußbodenkonstruktionen bis zu unserer Wohnung im Erdgeschoss durchfressen würde. Für uns – meine Mutter, meine Schwester Thea und mich war hierdurch eine verzweifelte Situation entstanden indem wir zusehen mussten, wie unser Hab und Gut Opfer der Flammen werden sollte. Es wurden zwar Löscharbeiten unternommen, jedoch waren es in der Stadt und der näheren Umgebung der durch Brandbomben entstandenen Brände zu viele, als dass in konzentrierten Einsatz von Löschzug und Geräten dem Brande in unserem Hause hätte wirksam zur Leibe gerückt werden können.

 

 

Video: Bombenangriff

Ich sah zu, wenn ein Löschzug einen Wasserstrahl in die offenen Fensterhöhlen, aus denen die Flammen loderten, richtete, während alle verfügbaren freiwillig sich anbietenden Helfer damit beschäftigt waren, aus den unteren Stockwerken möglichst alles Hab und Gut zu bergen. Auch russische Zwangsarbeiter – seinerzeit verharmlosend als Fremdarbeiter bezeichnet –,zu denen meine Mutter ein ganz gutes Verhältnis aufgebaut hatte (sie hatte denen öfter mal ein Paket Butterbrote geschmiert und draußen auf unsere Fensterbank gelegt) wurden zur Hilfe aus dem nahegelegenen „Ausländerlager“ herbeigeholt und in das brennende Haus geschickt.

Dieses Ausländerlager befand sich in unserer allernächsten Nachbarschaft, in einer parkartigen Niederung, die vom Dickelsbach durchflossen wurde. Nach dem Kriege füllte man die Niederung mit Trümmerschutt unseres Ortsteils Hochfeld aus, an der ich selbst beteiligt war. Diese Fremd- bzw. Zwangsarbeiter waren der Baufirma Karl Hitzbleck zugeteilt, die unseren Häuserblock, in dem wir nach dem Brand eine neue wieder instandgesetzte Wohnung beziehen konnten, nach einer vorher erfolgten Bombenbeschädigung wieder hergestellt hatten.

Das geborgene Hab und Gut, das man den Flammen entreißen konnte, wurden einfach auf die Straße getragen und im Böninger Park abgestellt. Meine Mutter wollte sich zunächst bei der Rettung des Hausrats auf die teuersten Stücke wie Gas- und Kohleherd beschränken, die jedoch zunächst von ihren Befestigungen Gasleitungen, Rauchabzug usw. gelöst werden mussten. Hier kam uns Hausmitbewohner Hans Knur zur Hilfe, der als Facharbeiter auf der Niederrheinischen Hütte vom Kriegseinsatz freigestellt war und über das erforderliche Handwerkzeug und Fachwissen verfügte. Gott Lob kam es jedoch noch besser, denn es gelang, unseren gesamten Hausrat aus der Wohnung zu schaffen, während der Brand sich über unserer Wohnung langsam von Stockwerk zu Stockwerk nach unten fraß und letztendlich auch die Decke unserer Wohnung durchbrannte. So waren wir zunächst obdachlos und gehörten damit zu der riesigen Anzahl derer, die ihr Dach über dem Kopf durch Kriegseinwirkung – wie es in seinerzeitigem Amtsdeutsch hieß – verloren hatten.

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