Resümee: Jutta Loose

Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, bin ich froh und dankbar, dass ich keine Zeiten mit Krieg und Hunger erleben musste; dass ich nicht ansehen musste, wie die Würde vieler Millionen Menschen mit Füssen getreten wurde und sie sinnlos ihre Gesundheit oder gar ihr Leben verloren. Privat und beruflich lernte ich unzählige Menschen kennen, die ihr gesamtes Leben an den Folgen ihrer im 2. Weltkrieg erlittenen gravierenden Verwundungen leiden mussten. Einer dieser Menschen war mein Vater.

Ich hatte das große Glück, eine schöne Kindheit erleben zu dürfen. Das enge Zusammenwohnen mit meinen Großeltern (väterlicherseits), nur getrennt nur durch einen Garten, gestaltete sich problemlos. Insgesamt gesehen eine gute Zeit, da es auch häufig fröhlich bei uns zuging und innerhalb der Familie viel gelacht wurde. Meist an den Wochenenden unternahmen meine Eltern mit mir Ausflüge in die nähere Umgebung oder Spaziergänge. 

Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass meine Eltern mit mir gemeinsame Urlaubsreisen unternommen hätten, aber in den ersten Jahren fehlten die finanziellen Mittel dazu, und später boykottierte mein Vater wegen seiner Behinderung diese Pläne. Allerdings hatte ich die Möglichkeit, mit einer Freundin und deren Eltern verreisen zu können, worauf wir Mädels uns wie wild freuten.

In meinen frühen Kinderjahren lebten wir zwar in einem kleinen Haus, aber dieses verbreitete ein immenses Gefühl des Sich-Wohlfühlens. Meine Eltern sorgten liebevoll für mich, und sie brachten mir wichtige Werte wie Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Empathie für Mensch und Tier, Freundlichkeit, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt, soziales Engagement und Fairness bei. Ich glaube, dies war auch einer der Voraussetzung, dass ich später so gut mit kranken Menschen umgehen konnte.

Die Behinderung meines Vater war für mich immer präsent und der Umgang mit ihm für mich normal, genauso wie unser Familienleben. Seine Behinderung hat sicherlich mein Leben geprägt, wobei ich das nicht negativ einstufen möchte, sondern eher ins Gegenteil. Denn so habe ich vom Beginn meines Lebens an, nie eine Hemmung gegenüber behinderten Menschen entwickelt und bin völlig unbefangen auf sie zugegangen und ohne Scheu berühren. Seine Behinderung war für mich immer präsent und der Umgang mit ihm für mich normal, genauso wie unser Familienleben.

Sehr betroffen machten mich die heftigen Schmerzattacken meines Vaters, wenn er nächtelang durch die Wohnung lief und keine Ruhe fand. Medikamente schlugen nicht an, und wir konnten nicht helfen.

Meine Eltern haben nicht über die Kriegszeiten sprechen wollen, sondern sie haben stets ihren Blick in die Zukunft gerichtet.

Natürlich hätte ich mich intensiv erkundigen können. Ich wußte, es waren die Folgen einer Kriegsverletzung, aber vielleicht hatte ich selbst als Kind Angst vor den Einzelheiten des Geschehens und das Leid, welches mein Vater erlitten hat.

Selbstverständlich hatten die Kriegserlebnisse bei meinen Eltern Spuren hinterlassen. Rückblickend betrachtet war die Angst vor Feuerwerk und Gewitter bei meinem Vater auffällig, da er sich insbesondere Silvester – um Mitternacht –  immer zurück zog. Ebenfalls muß ich an den 24. Dezember denken, wo sich meine Mutter nachmittags, nach der Zubereitung des Weihnachtsessens, immer den Gottesdienst im Hamburger Michel ansah. Mein Vater dagegen hatte schon vormittags den Seefunk Sender Radio Norddeich eingestellt, der im Namen von Familien Weihnachtsgrüße an Seeleute übermittelte, die das Weihnachtsfest auf hoher See verbringen mussten. So war in diesen Stunden die Stimmung stets etwas gedämpft. 

Das änderte sich aber schlagartig beim Heiligabend-Essen und der anschließenden Bescherung. Und es waren verdammt schöne Weihnachten! Es gab meistens selbst hergestellte Salate mit Rinderfilet als Hauptgericht und zum Nachtisch eingemachtes Obst aus dem eigenen Garten.

In den frühen 1950er Jahren kam es manchmal zum Ende eines Monats vor, dass das Geld knapp wurde. Dann gab es zum Abendbrot eine Schnitte, die mit einer Banane belegt war, nicht wie sonst mit Wurst oder Käse. Allerdings kam dies in meinen Erinnerungen nur äußerst selten vor. Außerdem hat es gut geschmeckt. Meine Mutter war stets darauf bedacht, dass sehr gut gekocht und nahrhaftes sowie gesundes Essen auf den Tisch kam.

Interessant war es für mich mitzuerleben, wie sich das Wirtschaftswunder auch bei uns auswirkte und immer mehr neue Gegenstände erworben wurden und eine gewisse Großzügigkeit Einzug in den Haushalt hielt. Natürlich wirkte sich dies auch auf unsere Garderobe aus, wurde nun des Öfteren ein Mantel oder eine Jacke gekauft. Das Besondere war also, dass Markenartikel den Weg in unsere Schränke fanden. Ich fand es natürlich gut, dass meine Eltern sich dies leisten konnten. 

Einige Jahre später konnten sie dann ihren Wunsch nach einem Eigenheim verwirklichen.

Wenn mich heute jemand fragt, ob ich den damaligen Schulabbruch meinerseits bereuen würde, so kann ich diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Natürlich habe ich mir diese Frage auch einige Male gestellt. Stets bin ich zu dem gleichen Ergebnis gekommen, wenngleich ich manches Mal das Gefühl hatte, nicht komplett in meinem Wissensdrang, gerade in der Medizin, ausgelastet gewesen zu sein.

Ich habe auch meine Eltern verstanden, die mit aller Macht wollten, dass ich weiterhin die Schule besuchte, damit, wie sie mir klarzumachen versuchten, sich mir dadurch beruflich viel mehr Möglichkeiten bieten würden.

Aber keine Argumente ihrerseits konnten mich umstimmen, und ich bin meinen Weg gegangen.  Dies war zwischen meinen Eltern und mir eine harte Bewährungsprobe, die zum Glück zu keiner langfristigen Beeinträchtigung in unserem Verhältnis zueinander führte (mit einer Ausnahme: meine Mutter sprach einmal mit meinem Vater und mir 1 Woche lang nicht), danach war das Thema erledigt. Wir haben diese Situation mit gegenseitiger Achtung und dem entsprechenden Respekt voreinander gut überstanden, es wurde nie mehr aufgewärmt und führte zu keiner Zeit zu irgendwelchen Diskussionen oder gar negativen Bewertungen. 

Ein Grund für meine Entscheidung war meine physische Erschöpfung, bedingt durch die langen Wege, die ich täglich zu meiner Haushaltsschule von Mülheim-Dümpten nach Oberhausen-Sterkrade zurücklegen musste, da die Infrastruktur in unserem Wohngebiet spärlich war. Der Hauptgrund war jedoch, dass ich Geld verdienen wollte. 

Allerdings kann ich mir heute gut vorstellen, dass ich bei einer zentraleren Wohnungslage mit besserer Anbindung an den Nahverkehr eine andere Lösung und Entscheidung in Betracht ziehen würde.

Mit der Auswahl meines Berufes und dem damit folgendem Berufsleben bin ich glücklich und zufrieden geworden. Meine Tätigkeit habe ich voller Einsatz und Leidenschaft ausgeführt, was mit Sicherheit auch daran lag, dass ich mit meinen Arbeitgebern ebenfalls enormes Glück hatte. Sie ließen mir freie Hand bei der Ausführung meiner Arbeit und förderten mich, wo immer sie konnten und ermöglichten es mir, mein Wissen zu erweitern. Es wurde niemals von meinen jeweiligen Arbeitgebern Druck ausgeübt oder ein autoritäres Verhalten an den Tag gelegt. Den Umgang mit meinen Vorgesetzten und meinen Kolleginnen führten wir untereinander immer auf Augenhöhe. 

Im Laufe von über 5 Jahrzehnten habe ich so viele nette Menschen kennengelernt, so viel Zuneigung erfahren, so viele positive Erfahrungen machen zu dürfen, unendlich viele, liebevoll geschriebene Zeilen bekommen, und etliche, durch meinen Beruf bedingte Freundschaften, gefunden. 

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