Lehrerin zum Besuch der GE DU-Rheinhausen im Juni 2018

Ich möchte mich an dieser Stelle vielmals bei der Zeitzeugenbörse bedanken! Zum einen für den reibungslosen Ablauf und zum anderen für Ihre Zeitzeugenbörse selber. Den Schülern hat das Gespräch mit den beiden Zeitzeugen sehr gut gefallen. Ich habe tolle Rückmeldung bekommen.
Und durch die beiden Zeitzeugen und deren freundliche Art und Weise, mit den Schülern umzugehen und ihre Geschichten zu erzählen, konnte dieses doch so abstrakte Thema sehr schön abgerundet werden. Die Schüler haben wirklich erfahren können, dass der ganze Unterrichtsstoff nichts Theoretisches ist, sondern dass diese Ereignisse von Menschen hautnah miterlebt worden sind!

Y.

 

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Nachkriegsdeutschland

Heckmann mit seiner Klasse

Herr Heckmann blieb dann noch ein paar Jahre in der sowjetisch besetzten Zone, wollte aktiv am Aufbau einer wirklichen Demokratie mitarbeiten, ließ sich zum Lehrer ausbilden, bis die Bespitzelungen derart zunahmen, dass auch er wie viele andere in den Westen ging.

Nach seiner Übersiedelung 1954 in die BRD begann er eine kaufmännische Lehre und war anschließend in einer großen Möbelkette als leitender Angestellter tätig.

Aus der 1958 geschlossenen Ehe stammt eine Tochter, die auch heute noch mit ihrem Mann in seiner Nähe wohnt.

Suche nach Familienangehörigen

Allein in Mülheim

Er machte sich jetzt zunehmend um die Eltern große Sorgen. Von seiner Mutter, die sich evakuiert in Thüringen und  nunmehr im Machtbereich der russischen Besatzung befand, und seinem Vater,  der als Soldat irgendwo in der Welt herumschwirrte, fehlten seit langem jegliche Lebenszeichen.

 

Entlassung des Vaters

Und dann geschah das, was man fast als ein Wunder bezeichnen könnte: Völlig überraschend, allerdings ausgemergelt und zerlumpt, tauchte sein Vater Juni/Juli 1945 aus einem Gefangenenlager auf.

Die Freude war groß. Sie hatten sich immerhin schon fast zwei Jahre nicht mehr gesehen. Gemeinsam, so dachten sie, würden sie nun die auf sie zukommenden Schwierigkeiten irgendwie in den Griff bekommen.

Das war aber nicht ganz der Fall, denn in der Wohnung lebten außer ihnen noch weitere sechs Personen.

Um im Bergbau zu arbeiten, waren sie konditionell zu schwach, die auf Karten zugeteilten Lebensmitteln reichten nur wenige Tage, statt für den ganzen Monat. So konnte es nicht weitergehen.

 

Aufbruch nach Thüringen

Durch Rückkehrer aus Thüringen erfuhren sie, dass die Mutter lebte und immer noch im gleichen Hause wohnte, worin sich nach Abzug der Amerikaner russische Offiziere breit gemacht hatten.

Sie fassten sofort den Entschluss, so schnell wie möglich nach Thüringen zu fahren, um die Mutter aus der gefährlichen russischen Besatzungszone zurückzuholen. Das war ein schwieriges Unterfangen, denn es fuhren ja kaum Züge, und wenn, fuhren sie lediglich kurze Strecken. Lokomotiven, sowie Waggons standen der Bahn nur in beschränktem Maße zur Verfügung. Schließlich war das Schienennetz durch Kriegseinwirkungen über weite Entfernungen unbenutzbar geworden. Sie brauchten über 8 Tage, um die Zonengrenze per Anhalter, Schwarzfahren auf Puffern und Trittbrettern bei Göttingen zu erreichen. Die Russen hatten die Übergänge jedoch dicht gemacht, so dass ein Durchkommen unmöglich war. 

Nach 14 Tagen im August 1945 starteten sie die gleiche Prozedur noch einmal, hatten dieses Mal Glück, weil sie sich einer ortskundigen Grenzgängergruppe anschließen konnten. Und ab Eschwege fuhr tatsächlich ein Zug nach Gotha über Bad Langensalza, ihrem Ziel.

Sie befanden sich nun in einer ganz anderen Welt. Nichts war zerstört, nur die vielen schwer bewaffneten Russen passten nicht unbedingt in den so friedlichen  Rahmen. Man kann sich vorstellen, welche Szene sich abspielte, als sich die drei schluchzend in den Armen lagen.

Kriegsende als Jugendlicher

Einberufung in die Deutsche Wehrmacht mit 16 Jahren

Es war schon Mitte Januar 1945, als der Dienst zu Ende ging, und er hoffte immer noch inständig, am 2.  Februar in Glücksburg auf die Padua gehen zu können; schließlich hielt er immer noch die Bestätigung in Händen. Die Koffer gepackt standen alle Anwärter auf dem Appellplatz und warteten auf die Verabschiedung durch den Abteilungsleiter.  Getreu dem Führerbefehl wurde die Garnison jedoch nicht in die Heimat geschickt, sondern nach Neustrelitz zu den Panzergrenadieren auf Usedom. Da hieß es dann sinngemäß: „Arbeitsmänner, Kameraden! Ihr habt gestern unter den Augen unseres Arbeitsführers eine hervorragende Übung durchgeführt, und ich soll euch in seinem Namen höchste Anerkennung aussprechen. Er findet euch befähigt, genauso erfolgreich an der Front gegen den Russen für unser Vaterland und für den Endsieg zu kämpfen. Darum werdet ihr eure hier erworbenen Kenntnisse und euer Wissen der deutschen Wehrmacht und unserem Führer Adolf Hitler unter Beweis stellen. Das heißt, ihr fahrt statt in die Heimat nach Güstrow zur Musterung.“

 

Kurzausbildung zum Panzergrenadier

Die Fahrt ging dann sofort zum Wehrbezirkskommando in Neustrelitz (3). So landete er direkt nach dem Entlassungstag aus dem RAD zur Musterung als Panzergrenadier. In einem Schnellkursus von 10 Tagen wurden ihnen die wichtigsten Verhaltensweisen als Panzergrenadiere beigebracht: Handhabung der Panzerfaust und des MG 42, ein Schnellfeuermaschinengewehr, das 1.200 Schuss in der Minute abgab. Alle wussten, dass ihre Truppe von vornherein zum Tode verurteilt war. Denn sie sollten die Panzer begleiten und mit ihren Panzerfäusten die russischen Panzer beseitigen. – Zum Abschied aus der Kaserne sahen sie den Film ‚Die Frau meiner Träume‘ mit Marita Rökk (1944). 

 

Fronteinsatz

Sie marschierten in die Kaserne von Karlshagen auf Usedom (4) zum Brückenkopfbauen, von dort weiter nach Peenemünde auf Usedom (5). Jeder 5. bekam ein Gewehr. Der Russe war inzwischen schon bei Stettin über die Oder mittels eines Brückenkopf gekommen und die Deutschen standen bereits unter deren Beschuss. Zum Fronteinsatz dorthin geschickt marschierten sie wieder zurück über Zinnowitz, wolgast, Anklam, Parsewalk, Löcknitz nach Grambow (5) – in diesem kleinen Dörfchen machten sie Quartier und schliefen nach langer Zeit mal wieder in einem Bett. Sie  hörten die Russen nachts das Dorf durchqueren, sind aber von ihnen nicht entdeckt worden. Die Angst, den Russen in die Hände zu fallen und nach Sibirien verschleppt zu werden, war riesengroß. 

 

Lazarettaufenthalt in Löcknitz

Die Ausrüstung der jungen Leute war im Schnellverfahren vor sich gegangen, und so hatte Heckmann viel zu kleine Stiefel bekommen, die ihm auf dem Marsch von Usedom nach Stettin zum vermeintlichen Verhängnis wurden. Mit Blasen an Beinen und Füßen wurde er zwar zeitweilig von den Kameraden getragen, durfte auch mal auf einen LKW. Doch schließlich landete er im Lazarett in Löcknitz (6), während die anderen Kameraden zum Einsatz kamen und viele von ihnen gefallen sind. Dort traf er auf einen ihm wohlgesonnenen Arzt, und er konnte bis Ende Januar 1945 genesen. – Er erfuhr, dass alle aus seiner Kompanie umgekommen waren. 

Dann wurde das Lazarett geräumt.

 

Rückzug auf eigene Faust bis Schwerin

Er wurde entlassen zu seiner alten Einheit. Das kann ja nicht stimmen! Die waren ja tot! s.o., Text 4 Unterwegs erfuhr er, dass der Ort, an dem er sich melden sollte, schon eingenommen war. Er stand vor zwei Entscheidungen: Entweder meldete er sich bei der nächsten Stelle als sog. Versprengter oder aber er trat die Flucht gen Westen an. Er entschied sich für die letzte Möglichkeit und schloss sich mit einigen Kameraden einem Treck aus Ostpreußen an. Tagsüber kamen die Russen mit ihren Tieffliegern und schossen wahllos in die Menschenmenge. Es war schrecklich. Dennoch kamen sie vorwärts, immer damit rechnend, von den sogenannten Kettenhunden aufgegriffen zu werden. Das war die Gendarmerie, die Versprengte suchte und wieder neue Einheiten zusammenstellte, und wenn es irgendwelche Ungereimtheiten gab, wurden die Soldaten aufgehängt, wie viele Gehängte am Wegesrand bewiesen.

Gefürchtet waren die meist von Frauen geflogenen russischen Flugzeuge vom Typ Polikarpov, wegen des knatternden Geräusches ‚Nähmaschine‘ genannt, die ihre Bomben scheinbar wahllos abwarfen. 

 

Gefangenschaft

Ihre Zik-Zak-Flucht ging über Anklam (7) – kurz vor Usedom, weiter nach Westen über Demmin (8) und Güstrow (9). Je näher sie den bereits von den Amerikanern besetzen Gebieten kamen, desto größer wurde der Strom aus Landsern, so dass sich schon Dreierreihen bildeten. Sie warfen alles Nicht-Notwendige weg, so mussten sie keine Entwaffnungen über sich ergehen lassen, lediglich Uhren wechselten immer schnell den Besitzer. Sie erreichten die amerikanischen Linien und begaben sich pünktlich zum Kriegsende Anfang Mai 1945 geschlossen in amerikanische Gefangenschaft. Entwaffnet, von oben bis unten gefilzt, wurden sie in ein Auffanglager auf dem Landeplatz des Flughafens von Hagenow (10) südlich von Schwerin geschleust. Hier kampierten zum Schluss über 100.000 Landser, ohne Wasser, ohne hygienische Einrichtungen, ohne Verpflegung. Alle befürchteten, dass die Amerikaner sie doch noch an die Russen übergeben würden. Doch nach entbehrungsreichen 10-14 Tagen wurden sie den Engländern übergeben und nach Schleswig-Holstein transportiert.

Auf einem riesigen Waldgelände bei Malente wurden sie sich selbst überlassen: Sie schliefen unter freiem Himmel, in eigens geschaufelten Erdlöchern oder in aus Planen provisorisch zusammengestückelten zeltartigen Gebilden. Bei trockenem Wetter war alles noch auszuhalten, aber wenn es regnete, wurde es ungemütlich. Ihr einziges Tagesgeschäft war, nach Wasser zu suchen. Es gab drei Quellen, das Wasser schmeckte meist nach Benzin. Trinkgefäße waren rar und man musste lange warten, bis man mal einen Schluck bekam. Manchmal wurde abkommandiert zum Latrinenbau. An den Latrinen sind viele vor Schwäche rücklings heruntergefallen und umgekommen.

Auch hungerten sie anfangs sehr. Die Verpflegung bestand aus drei bis fünf Keksen, wovon zwei Stück zum Herstellen und Sämigmachen einer bitteren Brennesselsuppe abgezweigt werden mussten. Vom ständigen Kohldampfschieben wurden die meisten so schwach, dass eine Fortbewegung nur mit Stock möglich war. Nachdem sich die Organisation bei den Engländern gebessert hatte, wurde die tägliche Keksration auf 10 – fünf davon mussten allerdings für die Suppe abgegeben werden – erhöht und zusätzlich gab es noch 2 bis 3 Schnitten Brot. Dank einer unterwegs aufgelesenen kleinen Bratpfanne konnte Heckmann Weinbergschnecken in Wasser kochen.

Verlegt auf einen Bauernhof kam er in ein Erdloch gemeinsam mit einem Leutnant, einem Hauptfeldwebel und zwei Unteroffizieren. Sofort waren die alten militärischen Gepflogenheiten wieder da, das half beim Überleben. Heckmann  hatte jetzt einige Privilegien, denn er wurde der Bursche vom Leutnant. Er durfte einen weißen Schal tragen und auch eine Schirmmütze statt des Schiffchens. Zwar fühlte sich Heckmann jetzt etwas wohler, dennoch war der Hunger so groß,  dass auch er sich zum Schluss nur noch mit Stock bewegen konnte. Das blieb auch den Engländern nicht verborgen und sorgten einer Meuterei zukommend für Unterhaltung. Instrumente wurden ins Lager gebracht und die Gefangenen organisierten eine tolle Musikband aus 30 Mann. Erstklassiger Jazz- und Swing stand nun auf dem Programm  und ließ zeitweilig das Hungergefühl vergessen.

 

Entlassung in den Bergbau im Ruhrgebiet

Bergmann im Ruhrgebiet
OpenClipart-Vectors / Pixabay

Im Juni/Juli 1945 suchte die englische Besatzungsmacht für das Ruhrgebiet Bergleute. Da er ja schließlich von dort kam, meldete er sich bei der Kommandantur und gab sich als Bergmann aus, was man ihm wohl auch abnahm. So wurde er nach Rheinberg in ein Entlassungslager abkommandiert. Nach einigen Tagen Arbeit wurde er von dort nach Mülheim abgeschoben. 

Mit den entsprechenden Papieren ausgestattet, fühlte er sich wieder wie ein freier Mensch, und es ging Richtung Heimat, nach Mülheim, die er noch verwüsteter vorfand, als er sie verlassen hatte. In ihrer noch einigermaßen heilgebliebenen Wohnung lebten bombengeschädigte Nachbarn. Zwar räumte man ihm eine Schlafstelle ein und kümmerte sich, soweit es ging, um ihn, dennoch überkam ihn zum ersten Mal das Gefühl von Einsamkeit.

Reichsarbeitsdienst (RAD)

Zwangseinsatz in einem Rüstungsbetrieb

Anfang November kehrte Heckmann von der Seemannsschule nach Bad Langensalza zurück, eine Stadt, die vom Krieg immer noch verschont geblieben war. Horst Heckmann und seine Mutter hatten es dort schwer, Verständnis für die besonderen Umstände ihrer Evakuierung zu bekommen. 

Heckmann mit einem Freund in Winteruniform des RAD

Zunächst wurde er im November für ca. 14 Tage dienstverpflichtet in einem Rüstungsbetrieb, der vor dem Krieg eine Möbelfabrik war. Jetzt wurden Kapseln aus Holz für die Granaten gemacht.

Horst Heckmann bewarb sich danach sofort bei der südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft. Die hatten ihr Schulschiff Padua in Glücksburg bei Flensburg liegen; es war genau das Schiff, auf dem Filmaufnahmen zum Film ‚Große Freiheit Nr. 7‘ (1944) gemacht wurden. Es war eine 4-Mast-Stahlbark und fuhr seinerzeit Lasten mit Schwefel nach Peru. Dieser Rahsegler war nach dem Krieg eins der Reparationsgüter an die Russen, fährt heute noch unter dem Namen Kruzenshtern (Kaliningrad) und ist auf jeder großen Regatta zu sehen und zu bewundern (Heckmann hat auch später das ‚Schicksal‘ dieser Schiffe verfolgt). – Seine Bewerbung hatte Erfolg, und so sollte er am 2. Februar 1945 mit seinem Seemannsbuch mit den bis dahin wenigen eingetragenen Fahrten antreten.

 

Reichsarbeitsdienst

Zwangseinsatz in einem Rüstungsbetrieb

Heckmann wurde oft vom RAD eingesetzt

Doch es sollte anders kommen: Er musste sich der Organisation Todt anschließen, kam wegen Baumaßnahmen ins Ruhrgebiet nach Recklinghausen und Gelsenkirchen. Sie waren insgesamt drei junge Männer, die wieder in Richtung Heimat fuhren. In Recklinghausen mit dem Zug angekommen sollten sie holländische Zwangsarbeiter aus dem Gelsenkirchener Eisenwerk bewachen. Das Lager war allerdings bis auf ein paar Strohballen leer. Die Holländer kamen erst tags darauf und waren vorher wohl direkt von der Straße weg in Rotterdam oder Amsterdam einfach verschleppt worden; sie waren nämlich fast alle in Sonntagskleidung. Die drei zur Bewachung abgestellten Pimpfe fühlten sich dieser Aufgabe nicht gewachsen – immerhin waren sie ja erst 16/17 Jahre alt – und beschlossen nach wenigen Tagen, nach Hause zu fahren – und das, obwohl sie eine Dienstverpflichtung unterschrieben hatten. So fuhren sie schwarz durch ganz Deutschland, bis sie wieder in Bad Langensalza ankamen.

 

Organisation TODT

Stellungsbefehl

Heckmann trug bis dahin noch gerne Uniform

Selbstverständlich hatten sie ein schlechtes Gewissen und rechneten mit dem Schlimmsten. Wenige Tage später flatterte dann auch der Stellungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst (RAD) ins Haus; es war schon Ende November 1944. Es ging um eine vormilitärische Ausbildung Name? in Vorpommern, die nur 5 bis 6 Wochen dauern  sollte. Horst Heckmann glaubte ja immer noch daran, dass er Anfang Februar auf die Padua gehen würde.  

Er fuhr also nach zur Arbeitsdienstmeldestelle nach Neubrandenburg (1), wurde mit anderen auf LKWs verladen und zum Arbeitsdienstlager in Neddemin (2) gebracht, einem Ort mit 5/6 Häusern. Dort in den Baracken gleich einem KZ angekommen wurden ihnen sofort die Haare abgeschnitten und Kleider verpasst, die nicht unbedingt passten. 

Beim Torfstechen 1944

Ausgestattet mit der Braut des Hasssoldaten begann die sechswöchige vormilitärische Ausbildung. Auf dem Dienstplan standen: Bewegen bei Tag und Nacht im Gelände, Sanitätsübungen, politische Schulung, Handhabung der Panzerfaust, Schießen. Alle wurden harten  Torturen unterworfen.

Er innert sich an Schikanen bei der Stubenabnahme. Es ging nachts in Nachthemden auf den Appellplatz raus und mit vorgehaltener Wasserschüssel barfuß  durch den Schnee zum Rundendrehen. Wenn Flieger von links kamen, hieß rechts das Kommando: Rein in den Schnee. Sie sollten sogar den Schnee essen, was sie allerdings verweigerten. Der Oberfeldmeister trat sie mit seinem Stiefel, und sie mussten immer wieder – den Stahlhelm dabei auf den Kopf – in den Schnee. Eine andere Schikane war das Umziehen von der Arbeitskleidung in die Ausgehuniform, die in einer bestimmten Zeit  zu absolvieren war. Strafe war beispielsweise das Übernachten draußen im Schnee.

Alles, was Horst Heckmann nach Kriegsende von Schikanen gegenüber KZ-Häftlingen gehört hatte, konnte er aufgrund seiner eigenen Erfahrung in Neuddemin im Gegensatz zu vielen anderen daher sofort als nicht gelogen einordnen.

 

Impfaktion

Doch Horst Heckmann hatte Glück im Unglück. Alle sollten geimpft werden, und er als Größter sollte den Frontmann stellen. Es ging das Gerücht, dass sie 6-7 verschiedene Impfungen bekämen, und so wunderte es niemanden, dass der Oberstabsarzt nicht nach der ersten Spritze zum nächsten überging. So erhielt Heckmann direkt vier Impfungen hintereinander, während die anderen hinter ihm schon ohnmächtig ob der großen Spritzen wurden. Es fiel dann doch auf, denn der Arzt hatte vergessen „Der Nächste“ zu sagen; die Beschimpfungen folgten umgehend.

Die Folge war, dass er vom Dienst suspendiert wurde, ihm wuchs ein Busen und er kam auf die Krankenstube. Hier ging es ihm gut. Am Ende seiner Krankenzeit kam er zum Dienst in die Waffenkammer. 

Schule und Beruf

Abschluss Mittelschule

Er ging dann dort in Bad Langensalza bis 1944 noch in die 10. Mittelschulklasse und schloss mit der Mittleren Reife ab. 

 

Traumberuf: Handelsmarineoffizier

 

Horst Heckmann wollte gerne Seemann werden
Heckmanns Seemannsträume

Was sollte oder konnte man mitten im Krieg werden? Beeindruckt von dem Lied ‚La Paloma‘, des Buches ‘Mein Weg nach Scapa Flow’ und der Tatsache, dass sein Großvater einer der ersten Schiffer auf der ‚Prinz Heinrich’ in Mülheim war, wuchs sein Wunsch, zur See fahren zu wollen. In dem Buch erlebte der berühmte Kapitänleutnant Priem, der Held von Scapa Flow, seine Grundausbildung bei Kapitän Wagner. Das Tragen dieser besonders chicen Form von Uniform war auch nicht verachtenswert. Ein wenig blauäugig – vom heutigen Standpunkt aus betrachtet – bewarb sich Heckmann bei der bekannten deutschen Seemannsschule in Hamburg. Weder Vater noch Mutter waren mit diesem Wunsch einverstanden; dennoch ließen sie ihn nach Wismar ziehen. 120 Reichsmark mussten für die Uniform ausgegeben werden, weitere 140 Reichsmark pro Monat für weitere Gebühren.

 

Deutsche Seemannschule

Schiffsjunge Horst Heckmann

Die Seemannsschule war inzwischen nämlich nach Wismar verlegt worden, weil das Gebäude in Hamburg völlig zerstört war. Das Dreimastvollschiff Großherzogin Elisabeth wurde als Schulschiff eingerichtet, d.h. die Anwärter wurden dort untergebracht und hielten sich Tag und Nacht auf dem Schiff auf. Die Ausbildung zum Schiffsjungen (September bis November 1944) war knochenhart, machte trotzdem Spaß: Bootsdienst, allgemeine Schiffs-Kenntnisse, Bau des Schiffes, Segel exerzieren, Takelage, Bordarbeiten usw. Morgens musste man bereits mit der Hängematte an Deck antreten, die ordnungsgemäß gezurrt sein musste. Wenn dies nicht den Vorstellungen des Obermaats entsprach, musste man sie auf den Buckel nehmen und damit in die Masten klettern. Der Mast war 43 m hoch! – Die Strafe folgte also auf dem Fuße. Disziplin war das größte Gebot. Das Rein-Schiff-Machen stand um 11:00 Uhr auf dem Plan.

Die einzige Möglichkeit, mal von Bord zu kommen, war, wenn man Zahnschmerzen hatte. Um nicht länger von Bord zu bleiben als nötig, wurde man beim Gang zum Zahnarzt begleitet. 

Evakuierung nach Thüringen

Petrikirche nach der Zerstörung 1943

Viele Kinder und Jugendliche gingen nach dem großen Bombenangriff von Mülheim in die Kinderlandverschickung. Die Mutter von Horst Heckmann weigerte sich, ihren Sohn „wegzugeben“. Sie hatte weitläufige Verwandte in Thüringen, mit denen sie 1933 auf der Adolfstraße den Fackelzug gesehen ha11en; dort kamen sie dann im Juli 1943 unter. Die Kleinstadt Bad Langensalza zählte damals 12.000 Einwohnern. Dort waren sie sicher vor Bomben, denn die dort Ansässigen waren vom Kriegsgeschehen noch weitgehend verschont gebliebenen. Leider hatten sie deswegen keinerlei Verständnis dafür, was die Menschen im Westen, insbesondere im Ruhrgebiet,  schon alles erlebt hatten.

Bomben auf Mülheim

Flakhelfer

Bis 1942 war die Versorgung der Bevölkerung in Mülheim durch entsprechende Lebensmittelkarten gewährleistet. Alles änderte sich nach dem großen Luftangriff vom 22. auf den 23. Juni 1943, den auch Horst Heckmann in der Heinrichstraße erlebte. Es geschah alles so plötzlich, dass keine Zeit mehr blieb, den Bunker aufzusuchen. Er und seine Familie sahen vom Fenster aus, wie eine Leuchtrakete aufstieg, der jede Menge „Christbäume“ folgten. Es wurde taghell, und jedem war klar, heute ist Mülheim dran. Die Deutschen Röhrenwerke, die heute noch existierende Friedrich-Wilhelms Hütte, das Reichsbahnausbesserungswerk sowie der Eisenbahnknotenpunkt der märkischen und rheinischen Trassen waren die Angriffspunkte. Während die Flak schoss, hörte man schon die ersten Flugzeuge anbrausen, und sofort flogen Splitter durch die Gegend. Man konnte nicht mehr vor die Tür, um einen Luftschutzraum zu erreichen. Alle blieben deshalb im Keller; die Jungen aber waren neugierig und schauten sich dann doch alles an, denn von Heißen aus hatte man einen wunderbaren Blick auf die Stadt, die ja im Tal lag. Dieses Inferno blieb im Gedächtnis. 

Heute noch hat Horst Heckmann ein Tagebuch seines Kateraden Otto Ternieden, einem damals 14- oder 15-jährigen Flakhelfer in Mülheim-Menden, wo die Flakstellung war. Seine letzten Eintragungen lauteten: „Der Lärm am Abend dauerte etwa bis halb zwei. So etwas hatte ich noch nicht mit gemacht. Unsere Batterie verfolgt allein 367 Schuss.“  Ist Ternieden dabei umgekommen?

Augenklinik vor dem 2. Weltkrieg

Nach dem Angriff liefen alle Kameraden von der HJ zur nahe gelegenen Augenklinik, die lichterloh brannte. Sie versuchten zu löschen, was mit ihren Feuerpatschen möglich war. Danach ging es sofort weiter zum Katholischen Krankenhaus. Die Kranken waren in ihren Betten auf die Grünflächen des alten Friedhofs gebracht worden. Aus Pflicht und der Notwendigkeit heraus haben sie  geholfen, wo Hilfe benötigt wurde.

Auch die Schule von Horst Heckmann auf der Adolfstraße fiel dem Brand zum Opfer. Die anstehende Klassenarbeit konnten die Schüler vergessen. Die Schule auf der Kaiserstraße lag in Trümmern, nur die Fassaden waren noch da. Alle Schulen in Mülheim wurden geschlossen.

 

 

Schwerster Luftangriff auf Mülheim

Überbleibsel

Übrig blieben Dinge aus der Schulzeit, die in ein kleines Köfferchen der Erinnerungen passen: – ein Foto als stolzer Pimpf – seine Schülermütze (bei jeder Versetzung wurde ein Band aufgesetzt) – das  Deutsche Lesebuch für Mittelschule, in deren Geschichten genau beschrieben wurde, wie Adolf  Hitler die Macht übernommen hatte usw. – das Englischbuch für Mittelschule – Texte, die während des Krieges im Englischunterricht geschrieben wurden – englische Zeitungsausschnitte und Lieder usw. Texte aus dem Kindergottesdienst und Gottesdienstblätter von 1934 an, die später eingebunden wurden. 

Emma Heckmann war es sehr wichtig, dass das alles aufbewahrt wurde; es gibt ganze Serien von Gottesdienstblättern aus den Jahr 1944.

 

Schloßbrücke Mai 1936 – Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr
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