Kriegseinsätze: Zusammenarbeit von HJ und Schule

Luftschutzdienst

Der Krieg brach aus, als er 10 Jahre war. Zu dieser Zeit wurde der Dienst in der DJ schon etwas strenger. Die Schule und die HJ arbeiteten nun verstärkt zusammen. Mit Beginn der Luftangriffe auf Mülheim ab 1940/41 wurden er und seine Kameraden zum Luftschutzdienst in der Mädchenmittelschule in der Von-Bock-Straße eingeteilt oder in die Wirtschaft Ternieden, die angeblich einen sicheren Luftschutzkeller bot. Dort mussten sie zeitweise fast jede Nacht ab 01:00 Uhr Wache halten. Zuvor hatten sie einen Kursus erfolgreich absolviert, wie man Brandbomben mit einer Feuerpatsche löscht und somit Großbrände verhindert. Mit einer Feuerpatsche kann man Feuer bis zu einem Meter ausschlagen. Das war eine recht begehrte Einteilung, weil sie so am anderen Tag keine Hausaufgaben machen mussten oder schon mal frei bekamen, wenn Fliegeralarm war. Um das Lernen und den Unterricht war es teilweise sehr schlecht bestellt; und trotzdem mussten sie das Pensum absolvieren.

Um sich die Zeit etwas zu verkürzen, hörten sie auf dem eigens mitgebrachten Grammophon seiner Eltern Musik, zu der dann auch Tanzschritte eingeübt wurden.

Nachts ging es in der ersten Zeit noch einigermaßen friedlich zu. Aber so ab 1940/1941 waren die ersten Flieger über Mülheim zu sehen. Es ging mit dem Fliegeralarm los, der in immer kürzeren Abständen zu hören war. 1942 kam es zu einem großen Angriff auf Essen. Mülheim-Heißen, wo Horst Heckmann wohnte, liegt an der Grenze zu Essen, und dort bekamen die Bewohner die Notabwürfe von etlichen Bomben zu spüren, die die ganze Heinrichstraße erfassten. Auch einige seiner Kameraden kamen dabei ums Leben. Sie wurden gemeinschaftlich begraben.

Hier ist Horst Heckmann mit seinen Kameraden am Schießstand zu sehen
Heckmann war gerne mit seinen Kameraden zusammen

Ab einem bestimmten Zeitpunkt wurde die Flak  in Mülheim-Heißen (Geschütze von 8.8) durch die in Mülheim-Menden verstärkt, und danach kam noch die Bottroper Flak (Geschütze von 10.8) dazu. Zu Anfang des Krieges flogen die Engländer in vielleicht 4500 m Höhe, ein leichtes für die Flak. An allen möglichen Stellen waren Fesselballons angebracht, die dann bei Alarm aufgelassen wurden und die Tiefangriffe unterbinden sollten. Insbesondere die Zeche Wische in seinem Stadtteil Heißen war ringsherum mit Ballons bestückt.

Auch Horst Heckmann war seit 1940 als Flakhelfer eingesetzt im Rahmen von Hilfeleistungen und Aufräumarbeiten während und nach Bombenangriffen. Doch außer eine Feuerpatsche und einer Kiste Sand hatte er nichts weiter zur Verfügung.

Flugzeugabsturz

An einen Flugzeugabsturz im Jahre 1942 erinnert sich Horst Heckmann noch sehr genau: Ein Flieger wurde von 5 oder 6 Scheinwerferkegeln bei klarem Himmel erfasst – ein Himmelfahrtskommando für die Besatzung. Um höher steigen zu können, wurden Bomben abgeworfen, denn die Flak hatte nur eine gewisse Reichweite nach oben. Er und seine Kameraden feuerten darauf, was das Zeug hielt, und dann sah man hinten am Heck plötzlich ein kleines Lichtsträßchen, das Flugzeug  drehte eine Kurve, hinten kam Rauch raus, er drehte noch eine Kurve und nahm dann Kurs auf den Garten der Heckmanns. Alle suchten Deckung im Keller. Da die Bomben schon abgeworfen waren, brachte nur Benzin das Flugzeug zum Brennen: ein Feuermeer über drei/vier Fußballfelder. Die vierköpfige Besatzung segelte mit Fallschirmen herunter und kam kurz vor dem Zaun herunter.  Sie wurden von Leuten von der Flak gefangen genommen und weggebracht. Die Bevölkerung schwankte zwischen Mitleid und schweren Beschimpfungen.

Sammelaktionen

Ab 1942 wurden sie offiziell zu „Kriegsdiensten“ herangezogen, und zwar zunächst zum Sammeln. Es wurde alles gesammelt, was nicht niet- und nagelfest war, z. B. Heilkräuter für das Winterhilfswerk. Zur eigenen Aufmunterung sangen sie ein Lied mit folgendem Vers: Eisen, Lumpen und Papier, / ja die sammeln wir. / Für Hermann – ein frecher Vers mit Anspielung des „Lumpen“ Hermann Göring, der zuständig war für die Entsorgungskampagne, wie es damals hieß.

Ernteeinsätze

Immer wieder wurde er mit anderen zu „Einsätzen“ herangezogen. So zupften sie beispielsweise bei der Gärtnerei Kocks am Werdener Weg Unkraut, versetzten Blumen usw.  Der Besitzer, Herr Kocks, war nämlich eingezogen, und Frau Kocks hatte Kräfte angefordert. 

Im Alter von 14 Jahren kamen sie 1942 einmal zu viert zu einem Kartoffel-Lese-Einsatz in der Lüneburger Heide zum Bauern Kampen. Die Kartoffeln wurden mit dem Zweispänner gerodet, eine Strecke wurde abgesteckt, in der die Kartoffeln aufgelesen werden sollten. Das Füllen in die Säcke musste ganz schnell vonstatten gehen, sie wurden auch angetrieben bis zur letzten Kartoffel einer Reihe. Horst Heckmann hat dafür heute noch das Wort ‚Sklavenarbeit‘ parat. Auch die dort eingesetzten französischen Gefangenen, die ohne Bewachung mitarbeiteten, teilten die Meinung der Jungen.  

Beim Torfstechen 1944

Beim Bauern gab es für sie recht gut zu essen. Nach den Einsätzen blieb freie Zeit, und so gingen sie nachts schon mal „Fensterln“. Sie verließen mit einer Leiter unterm Arm ihre Schlafstätten, gingen ins Dorf (nach Bühdorf bei Bad Bodenteich) und lernten so ein paar Mädchen kennen. Wie harmlos diese Begegnungen waren, zeigen das gemeinsame  Spielen ‚Blinde-Kuh‘ oder  ‚Um 12 Uhr stehen die Toten auf‘.

Bauer Kampen muss davon allerdings etwas mitbekommen haben, denn er schwärzte die Jungen bei ihrem Klassenlehrer Thoelke in Mülheim an. Zur Strafe mussten sie einen Aufsatz schreiben: „Lüneburger Heide, Phantasie und Wirklichkeit“ – also vom Heidekraut zu den Kartoffelfeldern. 

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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