Schulzeit im NS-Staat

Die Reichspogromnacht

Ein besonderes Datum habe ich nicht vergessen. Wir wohnten zu der Zeit in Essen-West. Es war der 9. November 1938. Ich ging wie jeden Morgen zur Schule. Mein Weg führte über die Altendorfer Straße. An einem uns allen bekannten Textilkaufhaus mit Namen Blum hatte man alle Schaufensterscheiben zertrümmert, und alle Textilien flogen auf die Straße. Eine große Menschenmenge stand auf der Straße und schaute zu. Ich fragte einen Mann, was da passiert, was das bedeute, er antwortete mir: „Das verstehst du nicht, mein Junge, das sind Juden.“ Er hatte recht, ich verstand das tatsächlich nicht. Später verstand es die NS-Propaganda geschickt, durch dauernde Vokabeln wie „Die Juden sind unser Unglück“ und mit  diffamierenden Karikaturen in Zeitschriften, wie zum Beispiel „ Der Stürmer“, dem Volk klarzumachen, dass es  tatsächlich so sei.

Erste Unterrichtsverlagerung

Mit Beginn der 4. Schuljahres 1941 (Ostern) wurde unsere ganze Klasse, einschließlich unseres Lehrers, für 9 Monate nach Ulm an die Donau verschickt. Dort wurden wir einzeln bei gut situierten Familien untergebracht. Heimweh kam bei mir nicht auf, denn ich war ja täglich mit meinen Klassenkameraden zusammen. Ich hatte in dieser Zeit eine wundervolle, fürsorgliche Pflegemutter, die mich sehr mit Spielzeug verwöhnte, was ich von zu Hause her nicht kannte. Es gab auch eine ganz andere Ernährung. An diese schöne Zeit erinnere ich mich auch heute noch gerne. Im Oktober 1941 war ich wieder zu Hause bei Muttern, aber nur für einige Monate. 

Filme in der Kinderzeit

Ein ganz besonderes Vergnügen fand immer Sonntag morgens statt: Kindervorstellung im Kino. Ich benötigte meistens eine ganze Woche, um mir 20 Pfennig für die Eintrittskarte zusammenzubetteln, bei Oma, Tanten, Vater oder Mutter. Vor Beginn des Krieges sah man noch Märchenfilme, amerikanische Cowboyfilme mit Shirley Temple, Dick und Doof oder Pat & Patachon. 

Filme nach Ausbruch des Krieges

Nach Ausbruch des Krieges 1939 wurden auch die Filme der Zeit angepasst. Statt Märchenfilme sahen wir sonntags Kriegsfilme. Vor jedem Film gab es die „Deutsche Wochenschau“ mit Berichten von den einzelnen Kriegsschauplätzen. Ich entsinne mich, darin nie einen deutschen gefallenen Soldaten gesehen zu haben, jedoch hunderte Gefallene unserer Feinde. Dass aber auch die deutschen Verluste hoch waren, konnte man in den Tageszeitungen verfolgen. Täglich gab es Dutzende von Todesanzeigen für „Führer Volk und Vaterland“ gefallene Soldaten. 

Hitlerjugend (HJ)

Im Alter von etwa 6 Jahren begann ich mich für die Hitlerjugend zu interessieren. Wenn die Jugend mit Trommeln und Fanfaren in ihren braunen Uniformen durch unsere Straßen marschierten, beeindruckte das mich und meine Freunde schon sehr! Und wir marschierten hinterher und versuchten Gleichschritt zu halten. 

Deutsches Jungvolk

Im Alter von 10 Jahren durfte ich endlich in die DJ (Deutsches Jungvolk, eine Jugendorganisation der Hitlerjugend für 10 – 14 -Jährige) eintreten. Ich war sehr stolz, eine Uniform zu tragen. Der Beitritt zur HJ (Hitler-Jugend) war  gezwungenermaßen freiwillig. Wer aber nicht beitrat, wurde von den anderen diffamiert und gemieden. Andererseits wurde uns Kindern aber auch viel geboten: Kameradschaft, Geländespiele, gemeinsames Singen und vieles mehr. Das dies eigentlich dazu diente, uns frühzeitig für die Wehrmacht fit zu machen, erkannte ich aber nicht mit 10 Jahren, sondern erst gegen Kriegsende. 

Es gab nationale Feiertage, die wurden pompös und grandios inszeniert: Der erste Mai (Tag der Arbeit) oder der 20. April, das war der Geburtstag Adolf Hitlers. Aus fast jedem Fenster hingen dann Hakenkreuzfahnen, die Marktplätze waren mit Birkengrün geschmückt, und Kolonnen von SA, SS und Hitlerjugend, auch Pimpfe (Pimpf war ab 1933 die Bezeichnung des Dienstgrades für 10- bis 14-jährige Mitglieder des Deutschen Jungvolks), marschierten zu Marschmusik durch die Straßen. Auf den Aufmarschplätzen hielt ein Parteibonze höheren Ranges eine markige Rede, und alle schrieen „Sieg Heil“. Fast alle!! – Für uns Kinder und Jugendliche war das alles sehr beeindruckend, und wir glaubten an das, was man uns täglich vorbetete. 

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