Kindheit

Mein ältestes Spielzeug, an das ich mich erinnere, war ein Plüschtier, wie es für kleine Kinder, kleine Jungs üblich ist, und zwar in der Figur eines schwarzen Scott´s Terriers, den wir Bonzo genannt hatten. Darüber hinaus besaß ich einen Satz bunter Bauklötze, die man zum Bau von Gebäuden, Kirchen, Häuser, Bauernhof usw. benutzen konnte. Meine Mutter hatte mir am Küchenfenster zwei Küchenstühle zusammengeschoben, auf die ich mich stellen konnte, so dass ich beim Spielen mit den Bauklötzen u. Ä. gleichzeitig aus dem Fenster schauen und den Straßenabschnitt vor unserem Fenster beobachten konnte. 

 

Eisenbahn

Zudem bekam ich irgendwann zu Weihnachten eine Spielzeugeisenbahn, allerdings war die Lokomotive noch mit Uhrwerkantrieb. Ich hätte es gerne schon – wie es sie damals schon gab – eine elektrische Eisenbahn gehabt, aber das war den Eltern wahrscheinlich noch zu aufwändig. Zum Bausatz der Eisenbahn gehörte eine Anzahl von Schienen, auch Kurvenschienen, so dass man ein Oval bilden konnte, auf das ich dann die Lokomotive mit den Anhängern, mit den Güterwagons, anhängen konnte.

 

Kriegsspielzeug

Dann kam die Zeit des NS-geführten Regimes, und die Kriegszeit kündigte sich an. Nun gab es Militärspielzeug in Form von Soldaten. Je nach Anzahl konnte man die dann aufstellen und aufmarschieren lassen. Später wurde dies durch technisches Spielzeug ergänzt, wie Panzerwagen, Kanonen, Flugzeuge.

Nach Kriegsende trat eine vollkommen andere Phase ein. Die Embleme des untergegangenen Reiches durften natürlich nicht mehr in Erscheinung treten, sodass wir die Soldaten und auch die Panzer und Kanonen, die ja mit dem deutschen Hoheitszeichen (Balkenkreuz) versehen waren, verschwinden lassen mussten. Die entsorgte mein Vater, das war also passé.

 

Brettspiele

Wir hatten auch die familienüblichen Brettspiele, wie Mensch ärgere dich nicht, Halma, Mühle und Dame usw.  Eines Tages hatte ich einen Spielkollegen, der schon weiter fortgeschritten war in der Spielgestaltung, der brachte mir dann das Schachspielen bei, sodass wir dann auch Schach spielten. Also, die Qualität der Spiele hob sich dann mit zunehmenden Alter deutlich an.

 

Laubsägearbeiten

Richtungweisend für mich war das Geschenk eines Laubsägekastens. Jetzt konnte ich beginnen, selber zu gestalten. Als großer Fan von allen möglichen Fahrzeugen, insbesondere Schienenfahrzeuge, sägte ich mir dann passend zu dem vorhandenen Satz an Eisenbahnschienen eine Straßenbahn aus und baute sie zusammen. Die Kniffe, wie man Sperrholzteile rechtwinklig mit Viertelstäben und mit kleinen Dreimillimeterschrauben zusammensetzt, hatte ich von einem älteren Hausbewohner gelernt, sodass ich also richtig einen Kasten für die Straßenbahn bauen konnte und die dann auch auf der Spur der Eisenbahnschienen, die vorhanden waren, passte. Dazu verwendete ich einen Radsatz eines Eisenbahnwaggons, den ich nicht mehr so gut fand und ausrangiert hatte, sodass ich richtig mit dem Ding fahren konnte.

 

Vom Dreirädchen zu Rollschuhen

Zu den aushäusigen Spielsachen gehörte ein Dreirädchen mit Antrieb im Vorderrad, Pedalantrieb, das man also drehen konnte. Da durfte ich mich denn auf der Straße bei gutem Wetter vor dem Hause bewegen, und meine Mutter konnte dann während Ihrer Hausarbeit in der Küche immer mal einen Blick rauswerfen, ob ich noch ordnungsgemäß auf dem Bürgersteig unterwegs war. Natürlich hatte ich danach einen Tretroller, der einfacheren Form, den man durch Treten vorwärts bewegte.

Später, nach Kriegsende, kam das Rollschuhlaufen dazu. Ich hatte von meinen beiden älteren Schwestern zwei Paar Rollschuhe geerbt; die waren zwar schon mit Doppelkugellager versehen, aber noch nicht lenkbar. Erst durch Wippen konnte man die Richtungen vorgeben. Aber Rollschuhlaufen war ganz große Mode, und wir hatten es im Laufe der Zeit zu einer gewissen Meisterschaft gebracht: auf einem Bein, rückwärts, Kurven, hüpfen und alles Mögliche. Eines Tages – es war sogar noch vor der Währungsreform – besorgte mir mein Vater von irgendwelchen Arbeitskollegen gegen irgendwelche Wertsachen, lebensmittelartiger Wertarbeit, ein Paar gebrauchte Rollschuhe. Die anderen zwei Paar von meinen Schwestern, die waren auch im Begriff des Verschleißens. Die Kränze, die sich um die Räder befanden, waren bereits regelrecht verschlissen. Aber ich hatte ja nun reichlich Räder, zwei Paar Rollschuhe sind insgesamt 8 Räder, da konnte ich also immer fleißig kombinieren. Diese Schrauberei und Bastelei ging mir recht gut von der Hand. Wir hatten auch vor dem Haus einen sehr schönen Hartasphalt auf der Straße, und da ließ es sich wunderbar fahren, während auf einer Nebenstraße ein Asphalt war, der im Sommer so weich wurde, dass man fast im Teer stecken blieb. Interessant wurde das dann noch, wenn wir unser Rollschuhlaufen auf den Stadtteil erweitern konnten, weiter rausfuhren oder sogar in die City. Man kann sich also per Rollschuh doch recht flott bewegen und damit auch größere Strecken zurücklegen. In Duisburgs Prachtstraße, der Königstraße, fuhren wir auch gerne im Slalom um die Fußgänger herum. Ob die das nun gut fanden, kann ich heute nicht mehr sagen. Da wird wohl manch drohender Finger hinter uns erhoben worden sein.

 

Gemeinschaftsspiele draußen

Selbstverständlich spielten wir auch Verstecken: Einer musste sich in die Ecke stellen, die Augen zuhalten, einen Spruch aufsagen – Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir da gilt es nicht, ein, zwei, drei – ich komme! Dann ertönte aus allen möglichen Ecken: Nein, noch nicht, ich habe mich noch nicht versteckt, usw. Dann musste der Sucher alle Kinder ausfindig machen, die Kameraden wurden „verhaftet“. Wer nicht gefunden wurde, der spritzte dann in einem unbewachten Augenblick aus seinem Versteck, lief an die Stelle, die ausgemacht war und konnte sich damit befreien.

Dottschlagen spielte ich draußen besonders gerne. Es gibt eine Dottgarnitur: Der Dott selbst ist aus Holz gefertigt, war konisch gebaut und am unteren Ende mit einer Metallspitze verstärkt. Dazu gab es eine Pitsche (=Peitsche), in Duisburg sagen wir dazu ein „Stöksken mit Täuken. Es besteht aus einer kleinen Peitsche mit einer Kordel dran. Indem man das Stückchen Kordel um den mit umlaufenden Rillen versehenen Hölzkörper des Dotts wickelt, ihn mit der Spitze auf den Boden (Asphalt oder Gehsteigplatte) setzt und dann das Stöckchen seitlich wegzieht, erzeugt die aufgewickelte Kordel beim Abwickeln die ersten Drehungen des Dottes, der sofort mit weiteren Schlägen in Rotation gehalten werden muss. Die Rotation hält den Dott in der Balance wie auch der rotierende Teller auf dem Bambusstab des chinesischen Artisten oder der Brummkreisel durch das stetige Niederdrücken des senkrecht mittig angebrachten Drillstabes. Bleibt der Antrieb durch die Pitsche aus, beginnt der Dott zu eiern und fällt schließlich um. Ende!

Fangen oder Nachlaufen, wie es in Norddeutschland hieß, war ein Spiel im Freien. Zunächst wurde ein Mal wird bestimmt, das konnte eine Straßenlaterne, ein Baum oder ein Hauseingang sein, ebenso einen Fänger. Dann strebten die anwesenden Kinder auseinander, und der Fänger versuchte der Flüchtigen habhaft zu werden, die dann ausschieden. Dabei muss der Fänger das Mal im Auge behalten, weil die Flüchtenden sich durch Anschlagen an das Mal befreien konnten und nicht mehr verhaftet werden durften.

Die etwas anspruchsvollere Form von Versteckspielen war Räuber und Gendarmen, was sich dann über ein größeres Areal erstreckte. Bei uns wurde es Räuber & Schandit genannt. Dabei gab es nur einen Gendarmen, alle anderen waren die zu suchenden Räuber. Da konnte man sich dann auch mal hintenrum auf dem Hof irgendwo verschanzen, und wenn gar nichts mehr ging, dann riefen die Sucher: Ton abgeben! Dann wusste man: Aha, da steckt der Bursche.

Schiffer, Schiffer, wie hoch ist das Wasser: Der Schiffer stand auf dem Bordstein des einen Bürgersteigs mit abgewandtem Gesicht und verdeckten Augen. Die, die übers Wasser gelangen wollten, warteten auf dem gegenüber liegenden Bürgersteig. Die Fahrbahn dazwischen war die gedachte Wasserfläche. Die Überquerungswilligen fragen zum Spielauftakt: ‚Schiffer, wie hoch ist das Wasser?’ Der Schiffers Antwort war: ‚zwei Meter’ Danach setzte die übliche Gegenfrage ein: ‚Wie kommen wir da rüber?’ Antwort beispielsweise: ‚Schwimmen’ oder eine sonstige Bewegungsart wie hüpfen, hinkeln usw.. Nun hatten die Überquerer sich langsam über die gedachte Wasserfläche zu bewegen, mit den Armen Schwimmbewegungen imitierend. Der Schiffer drehte sich blitzschnell herum und musste sich ebenfalls in dieser Bewegungsart bewegen, um auf die andere Seite zu gelangen. Dabei fing er möglichst viele Kinder ein, die dann ebenfalls zu seiner Fangmannschaft wurden.

Mit Murmeln und Knicker haben wir natürlich auch gespielt.

 

Fußballspielen

Völkerball haben wir auch auf der Straße gespielt, und nicht zuletzt Fußball, selbstverständlich. Allerdings gab es vor dem Krieg und während der Kriegszeit Einschränkungen, weil wir ja öffentliche Rasenflächen nicht so ohne Weiteres betreten durften. Es gab Schilder – wie auch hier in Mülheim am Wasserbahnhof noch nach dem Krieg: Rasen betreten verboten! Aber in der schlechten Zeit nach dem Krieg konnten wir bei uns im Böningerpark, im Dickelsbachtal, auf einer ausgedehnten Fläche doch recht gut Fußball spielen. Dabei hat es uns nicht gestört, dass der Platz nicht rechteckig, sondern trapezförmig war; trotzdem war es immer schlecht mit einem Eckball. wir stellten kurzerhand ein neue Regel auf, indem wir sagten: drei Ecken – Elfmeter!

Hinter dem einen Tor war ein großes Gebüsch, und wenn irgendeiner einen gewaltigen Schuss auf das Tor abfeuerte, der vorbeiging und der Torwart ihn nicht halten konnte, mussten wir erst mal mit alle Mann im Gebüsch den Ball suchen. Die Tormarkierung bestand aus einem Pack Ziegelsteine und vielleicht noch einer Jacke, die man ablegte. Wenn der Torwart nicht aufpasste, dann schob man den Ziegelstein und die Jacke weiter und hatte bessere Aussichten auf ein Tor.

Aber zunächst musste die Frage geklärt werden: Wer konnte irgendwie über die Kriegszeit einen Fußball retten? Das war also ein ganz heißes Thema. Ich bekam dann aus der Nachbarschaft einen Fußball geschenkt, der war noch aus dem Bestand der Hitlerjugend. Meine Mutter war über das Fußballspielen nicht besonders begeistert, weil das Schuhwerk besonders beansprucht wurde. Fußballschuhe gab es ja nicht! Der Vater eines Spielkameraden war Schuhmacher, und er machte seinem Sohn ein Paar Fußballschuhe; und der Knabe spielte auch im Verein, der Jugendmannschaft. Das hatte den Vorteil, dass er sein Wissen aus dem Amateurfußball mit zu uns auf die Straße bringen konnte.

 

Spiele im Sommer

Im Sommer war natürlich Schwimmen angesagt, und wir hatten an der Wedau ein ziemlich gutes Terrain, wo wir schwimmen konnten.

Die Wedau ist ja bekanntlich ein Baggersee, und es wurde damals auch noch gebaggert, in unserer Nähe befand sich die Verladeanlage. Der Bagger stand auf einem Nebensee, und der gewonnene Sand und Kies wurde in einen Leichter (?) geladen per Kran und dann mit einer Barkasse an die Verladeanlage gezogen. Hierzu ist das System des Nassbaggerns zu erklären. Im östlich parallel verlaufenden Barbarasee neben der Regattabahn lag ein Schwimmbagger, der vom Seegrund über eine Eimerkette Sand und Kies zutage förderte, welches über eine Rutsche in den längsseits liegenden Leichter gelangte.  Der Leichter war nur ein Schwimmgefäß und besaß keinen eigenen Motorantrieb. Er verfügte über eine Ladefähigkeit von etwa 150 bis 200 to Baggergut. Als Schlepphilfe gab es eine Barkasse, die den Leichter zur Löschstelle ans Ostufer am Kopf der Regattabahn schleppte. Wo sich heute die Gebäude für die Wettkämpfer mit Bootshäuser usw. befinden, arbeitete ein Greiferkran zur Entladung der Schwimmgefäße mit nach gelagerten Siebanlagen, um das Baggergut nach Korngröße zu sortieren und für die Weiterverladung per LKW aufzubereiten. Es gab mehrere Leichter, die im Wechsel be- bzw. entladen werden konnten.

Man kann schon sagen: Endgutverladeanlage. Die Anlage stand dort, wo heute das offizielle Regattahaus steht. Der Wedausee, Bertasee, Margaretensee und der Barbarasee existierten zu meiner geschilderten Zeit bereits und dazu gab es noch den Wambachsee am südlichen Kopf der Ragattabahn hinter dem Ortsteil Wedau. Die Sechseenplatte entstand sukzessive später etwa in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Das Schwimmen hatte ich von einer versierten Freundin gelernt, bis ich eines Tages so weit war, dass ich einmal quer über die Breite der Wedau zum anderen Ufer schwimmen konnte. Freund Lutz Eckert schwamm hinter mir her mit einem aufgeblasenen Autoreifen.  Als ich an der anderen Seite war, musste ich erst mal alle Viere von mir strecken … denn ich musste ja noch zurück. Später ließen wir es uns nicht nehmen, wenn diese Barkasse mit dem Sandleichter, vorbei geschwommen kam, uns an den Leichter zu hängen, der im sehr tiefen Wasser trieb. Der Barkassenführer hatte sich schon Kieselsteine zurecht gelegt, um uns regelmäßig mit Steinen zu bewerfen.

Unsere Realschule war nicht weit von der Wedau entfernt, und wenn schon mal die letzte Stunde ausfiel – oder es klang so durch, dass das wohl der Fall sein dürfte – dann hatten wir schon sicherheitshalber beim Schulgang unsere Badehose eingepackt und sind dann gleich von der Schule aus schwimmen gegangen. Das Trocknen, wenn wir aus dem Wasser kamen, mit den Fahrrädern nach Hause fuhren, das besorgte dann der liebe Gott, zu Hause waren wir eh trocken.

 

Spiele im Winter

Im Winter konnten wir bei uns ganz dicht am Haus im Böningerpark über Böschungen rodeln, Schneemänner bauen und Schneeballschlachten machen. Meine älteren Schwestern waren dann so freundlich und haben uns gezogen, meist zog uns die jüngere durch die Gegend.

Beim Schlittschuhlaufen gab es folgende zwei Probleme: Den Ententeich im Böningerpark hatte man leergepumpt, weil sich dort Unrat gesammelt hatte. Deswegen gingen wir bis zur Wedau raus. Einer meiner Freunde hatte Schlittschuhe mit angeschraubten Schuhen, darüber hinaus hatte er noch ein paar einfache Schlittschuhe, die man wie Rollschuhe unter den Schuh schrauben musste. Im Gegensatz zu meinem Freund lieh ich mir Schlittschuhe aus, die wie Rollschuhe unter normale Straßenschuhe geschnallt werden mussten, und das bei mir unter Halbschuhe. Um mich stets senkrecht auf den Kufen zu halten, wurden meine Fußgelenke sehr stark und schmerzhaft beansprucht, was dem Schlittschuhlauf  auf lange Sicht den Spaß raubte.

 

Spiele für Jungen und Spiele für Mädchen

Wir unterschieden damals noch sehr stark und deutlich: Mädchenspiele und Jungenspiele. Also, Seilchenspringen, das stand uns als Jungen nicht zu. Ich bin ja noch aus der Zeit, wo es hieß, der deutsche Junge weint nicht, und, und, und. Ja, nach Schillers Ode an die Freude heißt es: … sind die Moden streng geteilt! – Für mich galt das noch. Ich war sehr verwundert, als ich in der Grundschule 1946/1947 Jungen sah, die in der Unterrichtspause mit den Mädels Seilchen sprangen –das war für mich fast anrüchig.

Als männliche Alternative zu den Glanzbildern möchte ich das Briefmarkensammeln erwähnen. Während der Kriegszeit hatte ich schon begonnen, Briefmarken zu sammeln. Mein Vater hatte mir welche auch aus Frankreich geschickt, wo er eingezogen war, und die habe ich heute noch. Die habe ich über alle Fährnisse hinweg retten können. Ich habe später dann weiter gesammelt, dann kamen Sammlungen irgendwie dazu, der hat seines abgegeben usw., und jetzt weiß ich nicht so recht, was ich damit machen soll.

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