Kriegsende und Kapitulation am 8.5.1945

In Regierungskreisen, in der Öffentlichkeit und selbst in unserer Familie tauchte die Frage auf, soll man das Datum 8. Mai zum offiziellen Feiertag erklären? Ich selbst befasste mich mit der Frage, sollte ich mit diesem Datum nunmehr anders umgehen, als in den 75 Jahren vorher? Wie hast du dieses Datum tatsächlich erlebt?

Ob man den 8. Mai nach 75 Jahren zum offiziellen Feiertag erhebt, eventuell noch arbeitsfrei und mit Beflaggung öffentlicher Gebäude, halte ich zumindest für fragwürdig. Einen regelmäßigen Eintrag in Kalenderien als Erinnerungsdatum finde ich dagegen dem Ereignis entsprechend als angemessen.

Ich befand mich mit meinen zwei Schwestern und unserer Mutter im Mai 1945 nach Evakuierung und Flucht in Schleswig-Holstein an der Ostsee. Nachrichten und aktuelle Informationen von der Kriegssituation drangen nur sehr spärlich zu uns, weil die Landwirtsleute, bei denen wir einquartiert waren, täglich vollauf mit ihrem bäuerlichen Betriebsablauf beschäftigt waren. So fand auch die Nachricht über die Kapitulation der deutschen Wehrmacht nur als sehr spärlich im Mund-zu-Mund-Notiz zu uns.

Sichtbar wurde dieses Ereignis erst, als ein Jeep mit bewaffneten englischen Soldaten in unser Dorf einfuhr und an der benachbarten Marinekaserne Halt machte. Dort war eine Nachrichtentruppe der Marine einquartiert, die mit Überwachung des küstennahen Seegebietes zu tun hatte. Die Engländer ließen die deutschen Soldaten auf dem Kasernenhof antreten und die Anführer beider Militärgruppen verhandelten miteinander. Vermutlich bekamen die deutschen Mariner den Befehl, ihre Waffen abzuliefern und sich abmarschbereit zu machen. Die deutschen Soldaten wurden mit LKW abgeholt, und eine britische Soldatengruppe nahm die Kaserne in Besitz. Die Engländer inspizierten die drei Gehöfte des Dorfes und erteilten ihre Weisungen, Wie sich die wenigen Einwohner zu verhalten hatten.

Ich muss bekennen, dass ich von dieser einschneidenden Veränderungen im politischen System nicht sonderlich beeindruckt war. Die meiner friedensmäßigen Verhältnisse der letzten Wochen ohne Fliegeralarm, der uns in dieser dörflichen Idylle nur noch als entfernte Randerscheinung berührt hatte, wenn noch Luftangriffe auf die etwa 30 km entfernte Großstadt Kiel erfolgten, gehörten nunmehr der Vergangenheit an. Ich verspürte wegen der militärischen Niederlage weder Trauer noch Freude. Es überwog ein Gefühl von gespannte Erwartung, wie sich die Verhältnisse in unserer engsten Umgebung entwickeln würden, ohne die geringste Vorstellung zu haben, was ich als Nächstes ereignen würde.

Zu den britischen Besatzungssoldaten entstand eine normale nachbarschaftliche Beziehung. Ein Sergeant erschien regelmäßig aus der britischen Kaserne bei unserer Bauersfrau, um Eier und Milch zu erwerben, die er mit Naturalien wie Kaffee, Zigaretten und ähnlich begehrten Waren aus deren Kasino bezahlte.

Was sich im fernen Berlin zugetragen hatte und wie sich das zusammengebrochene in NS-System aufgelöst hatte, welche unsäglichen Verbrechen nun mehr ans Licht kamen, wurden wir erst nach und nach stückweise gewahr. Heute, nach 75 Jahren, fällt es umso schwerer, dieses Datum je nach der Betrachtungsweise angemessen einzuordnen.

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