Lesung: Besatzung

Die Niederlage der deutschen Armee Anfang 1943 bei Stalingrad, die Aufgabe der in Afrika eingesetzten Truppen und der Wegfall des verbündeten Italien waren die Voraussetzungen, dass Europa vom National-sozialismus befreit werden konnte. Stalin, Roosevelt und Churchill verbündeten sich zu einer Anti-Hitler-Koalition. In der Konferenz von Teheran (28. November bis zum 1. Dezember 1943) legten sie nicht nur fest, im Westen ebenfalls eine Front zu errichten, sondern sie verfassten auch schon Grundsätze über die Neuordnung Deutschlands nach dem Krieg.

Mit dem Vormarsch der westlichen Alliierten (ab 06. Juni 1944) und der Roten Armee (ab 15. Januar 1945) gerät Deutschland unter die Kontrolle der Alliierten. In den von den Alliierten eroberten und befreiten Gebieten wurde das Nötigste organisiert und verwaltungsmäßig eingesetzt. Mit der bedingungslosen Kapitulation am 07./08. Mai 1945 endete der 2. Weltkrieg in Deutschland, auch wenn der von Hitler noch eingesetzte Großadmiral Karl Dönitz bis zu seiner Verhaftung in Flensburg am 23. Mai 1945 noch eine Regierung im Schattendasein führte. 

Deutschland war zerstört. Die Niederlage war grenzenlos. Städte lagen in Trümmern. Die Westwanderung von 12-14 Millionen Heimatvertriebenen und Flüchtlingen sowie der Verfall der deutschen Wirtschaftsräume verschärften das Elend. Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung, Apathie und Sorge um die Angehörigen bestimmten den Alltag der Menschen. Die Besatzer stießen auf die Fassungslosigkeit der Deutschen, mit der sie die Überreste der Nazi-Gewaltherrschaft zur Kenntnis nahmen. Mit der Befreiung der Konzentrationslager in ganz Deutschland wurden die Alliierten mit den Grauen des Genozids konfrontiert, der Anblick verstörte Russen gleichermaßen wie Amerikaner, Engländer, Franzosen sowie Polen, Kanadier und Neuseeländer, die auf Seiten der Alliierten gekämpft hatten.

Es dauerte noch ein paar Wochen, bis sich die Alliierten in den Gebieten niederlassen konnten, denn die im Kriegsgeschehen eroberten Gebiete entsprachen nicht den dann eingerichteten Besatzungszonen. Die Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen war bereits nach der Konferenz von Jalta im Februar 1945 beschlossene Sache.

  • Mit viel Glück wurde in einem heiklen Unterfangen – Tausende von deutschen Soldaten waren zu der Zeit noch in SH, z. T. mit ihren Kommandeuren – Kiel bereits am 05. Mai 1945 von den Engländern besetzt, nachdem diese Funkmeldungen der Roten Armee abgefangen hatten, wonach diese Dänemark und den Nord-Ostsee-Kanal unter Kontrolle bringen wollten. Drei Tage zuvor gelang ihnen dies gemeinsam mit Kanadiern auch schon in Wismar – und setzten ihren Schlagbaum; bis zur russischen Zone gab es Niemandsland.
  • Die Amerikaner räumten Thüringen, Sachsen und Mecklenburg. Der Rückzug dauerte etwas. Die Übergabe an die  Rote Armee fand im Juli 1945 statt. Zwischen den abrückenden amerikanischen und vorrückenden sowjetischen Truppen sollte ein drei bis fünf Kilometer breiter Korridor bestehen.
  • Die Franzosen weigerten sich zunächst zur Räumung der Städte Stuttgart und Karlsruhe an die US-Zone, ebenso in Nordwürttemberg und Nordbaden. Dies war jedoch so auf der Potsdamer Konferenz (zu der De Gaulle nicht eingeladen wurde) festgelegt worden. Die merkwürdige Gestalt der französischen Zone zeigt, dass die Briten und Amerikaner nicht gewillt waren, der verspäteten Siegernation deutsche Kerngebiete zu überlassen.

Das Einrichten der Besatzungsherrschaft nach Kriegsende verzögerte sich also. Am 5. Juni 1945 aber übernahmen die Alliierten offiziell die oberste Regierungsgewalt in Deutschland. Diese sog. Junideklaration, auch Berliner Deklaration genannt, wiederholte nochmals die vollständige Kapitulation und beinhaltete schon Maßnahmen wie Abrüstung, Entmilitarisierung sowie Verhaftung der Naziführer und Kriegsverbrecher. Auch wurde hier noch einmal die Aufteilung Deutschlands in Besatzungsgebiete bekräftigt, wie sie bereits auf der Konferenz von Jalta (2. bis 11. Februar 1945) von den drei Hauptmächten der Anti-Hitler-Koalition – die provisorische Regierung Frankreichs war eingeladen– festgelegt waren: Die Oder-Neiße-Gebiete gingen an Polen bzw. Russland, Ostpreußen an Russland. Die verbliebenen 2/3 des Staatsgebietes in den Grenzen von 1937 wurden in vier Besatzungszonen, Berlin in vier Sektoren aufgeteilt:

  • Amerikanische Besatzungszone: Bayern, die thüringische Enklave Ostheim, Kurhessen, Nassau (einige wenige Gebiete blieben bei den Franzosen) sowie Starkenburg, Oberhessen und den östlichen Teil von Rheinhessen; daneben gab es einige Stadtkreis in Württemberg und Baden; Bremen und Bremerhaven kamen ab 1947 hinzu; Berlin: Zehlendorf, Steglitz, Schöneberg, Kreuzberg, Tempelhof, Neukölln
  • Französische Besatzungszone: Baden, Württemberg-Hohenzollern, Pfalz-Rheinhessen, Rheinland und Hessen-Nassau und Saar; Berlin: Reinickendorf und Wedding
  • Britische Besatzungszone: Hannover, Schleswig-Holstein, Westfalen, der Norden der Rheinproivinz, Braunschweig, Hamburg, Lippe, Oldenburg, Schaumburg (Bremen bis 1947); Berlin: Charlottenburg, Spandau, Tiergarten, WilmersdorfS
  • Sowjetische Besatzungszone: Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg, Vorpommern, Brandenburg, Thüringen; Berlin: Pankow, Weißensee, Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Lichtenberg, Köpenick, Treptow

In den jeweiligen Besatzungszonen schuldeten die jeweiligen Oberbefehlshaber nur ihrer eigenen Regierung Rechenschaft. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurden Regeln zum Aufbau von Verwaltungen an die Deutschen erlassen. Am Beispiel des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Rudolf Amelunxen, bedeutete dies z.B.:

  • Auflösung der NSDAP, kein Nazi mehr in irgendeiner beamteten Stellung
  • Arbeitsämter, soziales Versicherungswesen, Pensionen bleiben aufrechterhalten unter folgenden Vorbehalten:
    • Zahlungen an Militärpersonen und deren Familien wird verboten
    • Pensionen oder Vergütungen werden nur an Witwen und Waisen oder nichtmilitärische Personen ausgezahlt, nicht aber an Unterstützer
  • Alle Benachteiligungen bzw. Vergünstigungen wegen Rasse, Abstammung usw. werden abgeschafft
  • Gewerkschaften werden wieder zugelassen
  • Die Alliierten erkannten im Erziehungssystem die stärkste Waffe der Nazi-Propaganda. Deswegen wurden zunächst alle Schulen geschlossen, damit der Lehrkörper vom Nazigeist befreit werden konnte. Erst danach wurde die jeweilige Schule wieder geöffnet. Es durfte keine nazifreundliche Lehre verbreitet werden.
  • Alle nationalsozialistischen Parteiorganisationen an Schulen und Universitäten sind abzuschaffen.
Churchill, Truman und Stalin saßen im Garten von Cecilienhof

Die Dreimächtekonferenz (Stalin, Truman, Churchill) vom 17.07. bis zum 02.08.1945 – eher bekannt unter dem Namen Potsdamer Konferenz auf Schloß Cecilienhof in Potsdam – setzte den „Alliierten Kontrollrat“ ein, Berlin bekam den Viermächte-Status. In seinem Protokoll vom 30. Juli 1945 waren fünf Grundprinzipien festgelegt (die „5 Ds“): 

Foto: Brigitte Reuß

Die fünf Ds

Die fünf Ds

  1. Denazifizierung = Säuberung der deutschen und österreichischen Gesellschaft, Kultur, Presse, Ökonomie, Jurisdiktion und Politik 
  2. Demilitarisierung = vollständiger Abbau der Armee und Auflösung jeglicher deutschen Rüstungsindustrie 
  3. Demokratisierung = Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratische Grundlagen 
  4. Dezentralisierung = Übertragung von politischen Aufgaben, Zuständigkeiten, Ressourcen und Entscheidungsbefugnissen an mittlere (z. B. Provinzen, Distrikte, Regionen) und untere Ebenen (Städte, Gemeinden, Dörfer) 
  5. Demontage = Anlagen der Rüstungsindustrie wurden abgebaut 
Die Sowjetunion war bei der Potsdamer Konferenz Gastgeber – und späteren Machthaber der Region.

Des Weiteren enthielt es …

  • Grundsätze für die Besetzung Deutschlands, 
  • die Einrichtung eines Internationalen Militärtribunals (Nürnberger Prozesse),
  • die faktische Abteilung der Gebiete östlich von Oder-Neiße-Linie und
  • die ordnungsgemäße Überführung der deutschen Bevölkerung aus den Ländern Ungarn, Tschechoslowakei und Polen nach Deutschland.

Foto: Brigitte Reuß


Die Potsdamer Beschlüsse waren kein Friedensvertrag, eher eine schnelle Übereinkunft – mit weitreichenden Folgen, wie wir alle wissen. Der Kalte Krieg gipfelte 1953 in dem Beitritt zum Warschauer Pakt auf Seiten der DDR. Der Besatzungsstatus der BRD wurde in den Pariser Verträgen vom 23. Oktober 1954 mit den drei West-Alliierten aufgehoben, West-Deutschland erlangte die Rechte eines souveränen Staates. Verbunden war damit …

  • die Beziehung der Bundesrepublik Deutschland zu Großbritannien, Frankreich und  den USA (Finanzverträge),
  • der Beitritt zur NATO,
  • die Verzichtserklärung Deutschlands, die Einheit Deutschlands gewaltsam wiederherzustellen.

Anfangs blieben die alliierten Notstandsrechte in Westdeutschland bestehen, bis sie gesetzlich 1968 durch die Notstandsgesetzgebung zustande kam. 

Die Pariser Verträge und die Beitritte zu den jeweiligen Verteidigungssystemen vertieften die Zweistaatlichkeit Deutschlands auf Jahrzehnte.

Schloss Cecilienhof bei Potsdam

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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