Als 1945/46 „Klauen“ noch „Organisieren“ hieß

Im Herbst 1945 fuhr ich mit meinem Vater auf abenteuerliche Weise in die Ostzone, um meine Mutter, die mit mir damals nach Bad Langensalza in Thüringen evakuiert war, wieder in den Westen zu holen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen war es uns schließlich gelungen, die grüne Grenze, so wie man damals die Demarkationslinie nannte, zu überschreiten.

Die mittelalterliche Kleinstadt war wie ganz Thüringen zuerst von den Amerikanern erobert und kurze Zeit danach den Sowjets im Austausch gegen Westberlin abgetreten worden.  Bad Langensalza hatte so gut wie keine Kriegsschäden davongetragen, und ich fand alles wieder so vor, wie ich es damals 1944, als ich zum Arbeitsdienst eingezogen wurde,  verlassen hatte.

Meine Mutter wohnte immer noch in der alten Villa der Familie Schröder,  die seit Generationen einen Travertin-Steinbruch besaß. Ich fühlte mich fast wieder wie zu Hause, wenn, ja wenn nicht einige russische Offiziere mit Begleitpersonal einen Trakt des Hauses bewohnt hätten. Die Iwans, wie man die Russen spöttisch nannte, waren unberechenbar im Negativen, aber auch im Positiven. Wer sich einigermaßen mit ihnen arrangierte, konnte es dort halbwegs aushalten. Deshalb verschoben wir die Rückreise in den Westen auf später.

Dort im Städtchen war 1945 die Welt weiß Gott nicht in Ordnung, aber wenigstens im Vergleich zu den Großstädten im Westen vor Zerstörungen verschont geblieben. Wie in allen deutschen Regionen war die Zuteilung von Lebensmitteln 1945/46 im allgemeinen nicht nur knapp,  sondern katastrophal.  Alles Tun und Denken drehte sich irgendwie um die Essensbeschaffung.

Als eines Abends einer der Offiziere auf unser Zimmer kam und uns zu einem Wodkadrink aufforderte, wandte er sich an meinen Vater und mich halb fragend mit den Worten: „Ihr, morgen Kaserne, rabota (arbeiten) in Magazin? Es geben Khleb (Brot) und khoroshiy Supa (gute Suppe) dort.“ – Das Angebot war verlockend, denn wir wussten vom Militär her, dass es in einem Verpflegungs-Depot nicht nur Brot und Suppe, sondern auch immer etwas anderes abzustauben gibt. 

Der Offizier stellte uns einen Passierschein für das Kasernengelände  aus, und so traten wir am nächsten Tag unsere Dienste als Kladskoyraboch (Lagerarbeiter) an. Wir staunten nicht wenig, was hier alles lagerte und zur Bewunderung Anlass gab: Graupen, Mehl, Weizen, Hafer, Roggen, Öl, Zucker etc. alles, was von den umliegenden Dörfern zwangsmäßig vereinnahmt worden und für „Otto Normalverbraucher“ nicht zu haben war. Wir malten uns sofort aus, wie wohltuend es sich anfühlte, wenn etwas  für den Eigenbedarf dabei herauskäme. – Nun, nichts war unmöglich, aber man musste die Verhältnisse und Abläufe erstmal erkunden. Dazu brauchten wir nur wenige Tage.   

Die Grundernährung, welche zu Hause überwiegend aus Pellkatoffeln mit Salz bestand, brauchte unbedingt eine geschmackliche Verfeinerung. Es fehlte Fett! Dafür hielten wir das in den Fässern befindliche Rapsöl beispielsweise zum Herstellen von Bratkartoffeln bestens geeignet. Wir machten uns Gedanken, mit welcher Methode dem Öl in den großen Kanistern am besten beizukommen und an den Eingangsposten vorbeizuschmuggeln war.   

„Beschaffungserfahren“ wie uns der Dienst bei der Wehrmacht gemacht hatte, benutzten wir unsere alten Feldflaschen (gehörten zu jeder Landser-Ausrüstung), befestigten sie mit der Schlaufe des Schraubverschlusses am Gürtel „innerhalb“ der Hose und füllten sie nach Feierabend mit dem „flüssigen Gold“ vorsichtig ab. Ein gefährliches aber lohnendes Verfahren. Zum Glück waren die Kontrollen mit Vorzeigen des Passierscheines abgetan. – Einmal in der Woche gab es nun für die nächste Zeit Bratkartoffeln (statt jeden Tag Pellkartoffeln).

Von einer weiteren Episode,  wie knappe Ware beschafft werden konnte, möchte ich an einem weiteren Beispiel verdeutlichen. 

Das Magazin war, wie bereits erwähnt, gefüllt mit lebenswichtigen Kostbarkeiten, die von den Rotarmisten bei den Bauern in den umliegenden Dörfern regelmäßig konfisziert worden waren. Um den Vorrat an Weizen zu ergänzen, wurden mein Vater und ich als Transportbegleiter für ein Beschaffungs-Kommando abgestellt. Darunter war zu verstehen, dass die Russen im wahrsten Sinne des Wortes über die Dörfer zogen, um bei den Bauern Gerste, Hafer, Roggen oder/und Weizen aufzutreiben. Eine vom Bürgermeister ausgestellte Liste enthielt die Namen der Landwirte, die abzuliefern hatten.  

Das geschah nicht immer in einer freundschaftlichen Atmosphäre. Es blieb  bei den Bauern nur bei zaghaften Protestversuchen, denn die Rotarmisten ließen aufgrund ihrer unmissverständlichen Gebärden und den geschulterten Kalaschnikows nichts anderes zu. 

Unser klappriger Transporter war nicht der größte, hatte deshalb mehr geladen als er eigentlich verkraften konnte.  Wir mussten deshalb oben auf der Ladung Platz nehmen. Unsere Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass keiner der Säcke abrutschte. Das Ganze war nicht ungefährlich, denn die Landstraßen hatten teilweise nur einen aus Lehm bestehenden Untergrund mit vielen Schlaglöchern. Obwohl es rumpelte und pumpelte, waren wir Herr der Lage. 

Dann kam uns die folgerichtige Idee, die Ausübung unserer Pflichten etwas lockerer anzugehen, dies vor allem in dem Augenblick,  als sich ein Sack mit Weizen selbstständig gemacht und vorwitzig bis an den Rande der Seitenplanke gehoppelt war. In einer Kurve mit einem tiefen Abflussgraben schlossen wir beide Augen und unterstützten das Ausbüchsen des Weizensackes mit einem kleinen Schubs, so dass er einen ungelenken Salto vollführte und schwerfällig im Graben landete.   

Selbstverständlich hatte niemand etwas  bemerkt, am allerwenigsten das in einem abgeschlossenen Abteil vorn platzierte Personal, welches dabei war, ihren Dauerrausch etwas auszuschlafen. Umso besser hatten wir uns die Stelle gemerkt, welche sich unser Ausreißer als Landeplatz ausgesuchte hatte.

Wir konnten nach Feierabend nicht schnell genug nach Hause kommen, um uns auf die Fahrräder zu schwingen, die Chaussee entlang zu fahren, um in der Dämmerung die Beute sicherzustellen und so gut es ging, auf die Gepäckträger zu verladen. Nach vielen Unterbrechungen – der Sack rutschte von links nach rechts, mehrmals auch auf die Erde – konnten wir die Aktion erfolgreich abschließen.

Der Sack wurde unter dem Bett nicht unbedingt sachgerecht gelagert, noch war er prall gefüllt, aber die Mutter achtete akribisch darauf, dass er nur langsam faltig wurde. Mit dem Inhalt stellten wir über Wochen hinaus ein wohlschmeckendes Gericht her, das auch hin und wieder auf der Flucht befindlichen Gästen vorzüglich schmeckte. 

Um das Rezept brauchten wir kein Geheimnis zu machen: 

„Man nehme 250 g Weizenkörner, bringe diese mit Wasser zum Quellen, reichere das Ganze mit Zucker oder Salz an, lasse den Brei ca. 10 Minuten kochen, rühre noch einmal alles gut durch, schmecke ab und siehe da, du wirst eine tolle Überraschung erleben, nämlich die Verwandlung von Hühnerfutter in eine kulinarische Köstlichkeit.

P.S.: Wir haben nach der Währungsreform zum Gedenken an diese Zeit öfters unseren legendären Weizenbrei angerichtet, aber nicht mehr ganz so delikat gefunden, wie damals im Winter 1945/46.

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