Klassenkameraden helfen Schulfreund

In Zeiten von Corona wird man wieder an selbst erlebte Engpässe und Notzeiten erinnert.

Ich ging in einer Kleinstadt im österreichischen Alpenvorland ins Gymnasium. Wir waren in der Klasse 18 hoffungsfrohe Jünglinge. Etwa ein Drittel der Klassenkameraden waren Söhne von Vertriebenen, meist Sudetendeutschen oder Ungarn-Deutschen.

Die jetzt erzählte Episode spielte so 1956/57. Wir Schüler waren zwischen 12 und 14 Jahre alt. In der Bundesrepublik (damals noch Trizonesien) begann mit der Währungsreform 1948 ab circa 1950 das Wirtschaftswunder mit wachsendem privaten Wohlstand. In Österreich, bedingt durch die Randlage im freien Europa und anderer Probleme, begann der Aufschwung gefühlt erst gut 10 Jahre später.

Einer unserer Klassenkameraden war Helmut U., ein guter Schüler, im Gegensatz zu mir. Er war das einzige Kind eines ungarndeutschen Ehepaares. Helmuts Eltern war enschon älter und fanden letztendlich keinen Weg mehr in ein erfolgreiches Erwerbsleben in der neuen Umgebung. Sie waren sicherlich redlich, aber nicht mit der damals nötigen Flexibilität gesegnet. In Ungarn waren sie im Landwirtschaftsbereich selbstständig gewesen, hatten also praktisch keine Sozialversicherungszeiten, die irgendwie angerechnet werden konnten, das heißt sie lebten von der damaligen Mindestrente, was ganz, ganz wenig war. 

Eines Tages kam die Mutter von Helmut mit einem anderen Elternteil (könnte mein Vater gewesen sein) ins Gespräch und schilderte schließlich ihre verzweifelte finanzielle Situation. „Jedes Paket Waschmittel wäre eine große Hilfe.“ Dies wurde unserem Klassenlehrer hinterbracht. Der reagierte ganz großartig. Helmut U. wurde eines folgenden Tages früher nach Hause geschickt. So konnte der Klassenvorstand uns Klassenkameraden ohne Peinlichkeit für Familie U. die Situation schildern und uns auffordern, am übernächsten Tag doch irgendwelche Gaben für den Haushalt der Us. mitzubringen. 

Jeder brachte etwas mit: ein Paket Waschpulver, einen Beutel Kartoffeln, ein Paket Mehl oder Zucker, Zahnpasta etc. Ob ein in Corona-Zeiten auf einmal so überraschend wertvolles Klo-Papier-Paket auch dabei war, weiß ich heute nicht mehr. Geld-Kuverts waren nach meiner Erinnerung keine dabei, unsere Familien waren ja damals alle knapp. 

Dezent wurden die Geschenke der Mutter von Helmut überbracht. Deren Freude, genau wie die Überraschung, war natürlich groß. – Diese Aktion hat den Zusammenhalt der Schulklasse enorm gestärkt. Er hält bei den jetzt noch Lebenden bis heute an.

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