Karnevalserinnerung an 1935/36

Es muss  um das Jahr 1935/36  gewesen sein, als meine Familie stolze Besitzerin eines Rundfunkgerätes wurde. Aus ihm ertönte auf eine Knopfdrehung hin Musik, aber auch Gesprochenes. Das Standgrammofon, das in unterschiedlichen Qualitäten bis dahin Walzer und Marschmusik erzeugte, hatte ausgedient. Bei dem Gesprochenen handelte es sich vielfach um NS-Propaganda. Mutter nannte das Gequatsche.

Im Januar/ Februar saßen Mutter, Vater und Opa und auch unsere Nachbarn aus dem Haus vor unserem Radio. Das Dargebotene unterschied sich deutlich von den üblichen Tagesprogrammen. Es wurden auch Reden gehalten, dieses Mal lustig anzuhören, und an Stellen, wo besonders starkes Lachen und Klatschen ausbrach, mit 3 kurzem Paukenschlägen,  Trommelwirbel und Trompetentönen, dem sogenannten Tusch, abgeschlossen.

Ich, damals gerade 7 oder 8 Jahre alt, bin aus dem Bett geschlichen und habe an der einen Spalt offen stehenden Küchentür gelauscht. Im damaligen Reichssender Köln wurden tatsächlich noch  eine Karnevalssitzung übertragen, die einigermaßen den traditionellen Gepflogenheiten entsprachen. 

Vom NS-Regime zunächst noch zähneknirschend erduldet, dauerte es aber nicht lange, bis es kontinuierlich Änderungen im Sinne seiner Propaganda vornahm. Karneval wurde seinerzeit hauptsächlich im  katholischen Köln praktiziert, bald aber von den Nazis – sprich der Organisation „Kraft durch Freude“ (kurz KDF) – gänzlich vereinnahmt.

Dass wir Evangelischen kein richtiges Karneval feiern, erklärte meine Mutter so, dass vor allem an den drei tollen Tagen „Vieles“ und nicht zuletzt „Alles“ erlaubt war. Das mit dem Alles „Fremdgehen“ gemeint war, überstieg damals allerdings meinen 7-jährigen Horizont. 

Viel wichtiger war für uns Blagen, dass in unserem Wohnviertel ein besonderer Karnevals-Brauch gepflegt wurde, der dem in Mülheim als „Sinter-Määtes-Singen“ und anderswo Sankt-Martin-Singen ähnelte.

Dieses Mal hießen die Zielgruppe Metzgereien und Nachbarn, die Schweine hielten und gerade geschlachtet hatten.  Die Dazuzählenden waren vorbereitet und hatten für diesen Tag  besondere Spezialitäten vorbereitet. 

Beliebt waren Leberwürste  und Mehlpiepen. Letztere hatten einen Namen, den man früher unbedacht aussprechen konnte, aber heute nicht mehr in den Mund nehmen darf. (Die Älteren unter Ihnen kennen die Bezeichnung, die mit „N” anfängt.)

Die Kostümierung beschränkte sich mehr oder weniger auf Verkleidungen ausgedienter Sachen der Eltern. Der eine oder andere trug eine Pappnase oder Perücke, was schon etwas aus der Reihe fiel. 

Wir zogen dann wie bei St. Martin vor die Türen der Schlachtviehhalter oder Metzgereien und sangen ein Lied, das wenig Melodie, dafür umso mehr sprachliche Qualitäten erkennen ließ. Es hatte nur ein paar Zeilen und begann: 

Ik bin en klä-iner Fasselomens—Jeck

und  hätt so gään ee-n dick Stück Speck

We-i mögen oak Din  woost

 kriegt man davon  o-uk Doost

Et schmackt us chutt, 

e-in Stückchen van de Ferkesfott.

Das Gesangswerk war kein Ohren-, dafür die Gaben aber ein Zungenschmaus. Das Gesammelte deckte einige Wochen Brotbelag, und aus dem Butterbrot wurden Wurstbrote, allerdings nur so lange der Vorrat reichte.

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1 Gedanke zu „Karnevalserinnerung an 1935/36“

  1. Glückwunsch zu einem authentisch geschriebenen Bericht. Man fühlt sich in diese Zeit versetzt, da die Erlebnisse nachvollziehbar und lebendig dargebracht wurden.

    Danke, Jutta Loose

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