Meine ersten Perlonstrümpfe

oder waren es Nylonstrümpfe?

Wir schrieben das Jahr 1952. Meine Tante wanderte im Frühjahr 1952 mit Mann und Kind (meine Cousine wurde im August 10 Jahre alt) nach Kanada aus. Sie glaubten nicht mehr daran, dass Deutschland aus dem Chaos wieder herauskommen würde.

Ein Jahr später, es war der 22. März 1953, wurde ich konfirmiert. Zur Feier des Tages durfte ich das erste Mal Perlonstrümpfe tragen. Bis dahin habe ich in den Sommermonaten nur Söckchen und Kniestrümpfe getragen. In den Wintermonaten trug ich lange Woll- oder Baumwollstrümpfe. Eine große Auswahl hatten wir damals noch nicht. Es gab allerdings auch Seidenstrümpfe, die aber bedeutend dichter waren als die Perlonstrümpfe. Diese habe ich – soweit ich mich erinnern kann – schon ab meinem 14. Lebensjahr getragen, aber auch nicht jeden Tag. Da ich inzwischen einen Busen hatte, passte natürlich auch kein Leibchen* mehr. Stattdessen bekam ich einen Hüftgürtel mit Strapse, um die Strümpfe zu halten.

War das ein Ereignis! Jetzt war ich also kein Kind mehr, sondern eine junge Dame. Aber sich wie eine junge Dame zu benehmen, war weitaus schwieriger. Denn gleichzeitig wurde mir gesagt: „Pass auf, dass da keine Laufmaschen reinkommen, und die Strümpfe sind auch nur für sonntags.” Man konnte noch so aufpassen, es gab irgendwann doch Laufmaschen. Da gab es keine neuen Strümpfe, sondern ich ging damit in einen Strumpfladen und ließ die Maschen aufnehmen. Ich glaube, eine Masche kostete damals 10 Pfennig. Die Nylonstrümpfe durfte ich aber nur sonntags oder zu besonderen Anlässen tragen. Sie wurden gehütet wie ein Augapfel, damit sie nicht kaputt gingen.

War es zu meiner Konfirmation oder ein Jahr später, da erhielt ich von meiner Tante aus Kanada ein Päckchen. Als ich es öffnete, war ich überrascht. Sie schickte mir ein Paar Nylonstrümpfe und ein Babydoll ebenfalls aus Nylon, zweiteilig und durchsichtig. Ganz sexy sagte man damals. Klar, dass ich alles sofort anprobiert habe. Strümpfe hatte ich jetzt also zum Wechseln.

Mein Vater fiel aus allen Wolken, der konnte damals sowieso noch nicht begreifen, dass seine Tochter langsam erwachsen wurde.

Vor einiger Zeit erfuhr ich dann, dass die Perlonstrümpfe ihren 75. Geburtstag feiern. Ich habe meinen 75. Geburtstag am 7. April gefeiert.

C. Goller im Oktober 2013

* eine Art Vorläufer unserer heutigen T-Shirts

 

 

Brigitte Reuß

Mein Name ist Brigitte Reuß. Ich war im November 2011 Mitbegründerin der Zeitzeugenbörse Mülheim an der Ruhr.

Eins meiner vielen Interessen war immer schon, das aktuelle politische Geschehen in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Was mit Einzelschicksalen in ihrer jeweiligen Zeit passiert, habe ich schon in die Wiege gelegt bekommen, denn beide Eltern waren nach dem 2. Weltkrieg Flüchtlingskinder, mein Vater sogar noch Kindersoldat. Erst nach meiner Pensionierung konnte ich mich mit den Folgen dieser schrecklichen Zeit in der deutschen Geschichte beschäftigen und damit auch mit den Ursachen.

Bei meiner Arbeit ist mir ganz wichtig, immer auf das Alter der Erzählenden zu achten und immer danach (auch der Zuhörer sich selbst in seiner Biografie) zu fragen, inwieweit das politische Bewusstsein schon vorhanden war; und das ist bei jedem Menschen verschieden. Ich möchte ein Mosaikstückchen dazu beitragen, dass junge Menschen ihr persönliches politisches Bewusstsein bilden können; deshalb ist mir die Arbeit an Schulen eine Herzensangelegenheit.

Die Zeitzeugen fühlen sich manchmal unverstanden, wenn aus dem Heute Rückschlüsse nach Gestern geschlossen werden, frei nach dem Motto Warum habt ihr nichts gemerkt?, Wie konnte das passieren?, usw. Und genau hier ist der Punkt, an dem ein Austausch mit der jüngeren Generation stattfinden kann. Indem es den Zeitzeugen gelingt, dass sich die Schülerinnen und Schüler in die damalige Zeit versuchen hineinzuversetzen, können auch Bilder für das eigene Leben, für die eigene Zukunft entstehen.

Viele unsere Zeitzeugen haben schon längst die 80 überschritten. Zeit also, sie noch allerhand zu fragen!!

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4 Gedanken zu “Meine ersten Perlonstrümpfe”

  1. Auch mir ging es so, dass ich zur Jugendweihe meine ersten Perlonstrümpfe nebst Hüftgürtel geschenkt bekam und auch gleich angezogen habe. Das war ein super Ereignis, endlich Perlonstrümpfe tragen zu dürfen. Das war natürlich etwas ganz anderes als Wollstrümpfe am Leibchen zu tragen. Damit begann eine neue Zeit in der Bekleidung bei mir, da auch noch ein BH dazu kam. Bis heute trage ich nun Nylonstrümpfe am Hüfthalter und fühle mich darin immer noch recht wohl. Ich kann nicht verstehen, warum so viele Frauen kaum noch Strümpfe und Strumpfhosen anziehen. Für mich sind Feinstrümpfe erste Wahl, weil sie sich auch relativ einfach anziehen lassen. Und so trage ich sehr gern meine Strümpfe weiter.

    VG Leonore

  2. Auch für mich waren die ersten feinen Strümpfe gefühlsmäßig der Schritt vom Kind zur Frau. Es war wohl zur Jugendweihe. Vorher hatte ich sie schon heimlich Strümpfe von meiner Mutter probiert. Aber es waren nicht nur die Strümpfe sondern auch der Übergang vom Strumpfhalterhemd zum Hüftgürtel, der ein ganz neues Gefühl vermittelte.
    Ich weiß nicht, was den heutigen Mädchengenerationen noch dieses Gefühl vermittelt.

  3. Ich denke auch, dass ich die ersten richtigen Nylonstrümpfe so in der 8. Schulklasse trug. Zum Tanzstundenball únd zur Jugendweihe hatte ich auf jeden Fall welche. Vorher waren es noch die dickeren Wollstrümpfe oder welche aus elastischen Material so etwa 40den.
    In Erinnerung geblieben ist mir schon, dass es durchaus ein erhebender Moment war, endlich einen Strumpfhaltergürtel statt Leibchen/Strumpfhalterhemd zu tragen.

  4. Ich bin Geburtsjahr 51 und somit auch mit Rock/Kleid und Wollstrümpfen an Leibchen in verschiedenen Formen groß geworden. Hosen waren für Mädchen der Ausnahmefall. Die Wollstrümpfe waren entweder gerippt in Brauntönen, zu besonderen Anlässen auch weiß. Es gab sie aber auch mit Mustern. Ihr Nachteil war nur, sie warfen fast immer Falten am Knie und wurden nicht gleich ersetzt, wenn sie zu kurz wurden. Dann spürte man ihren Zug bis zu den Schultern.
    Für uns war es ein wirklicher Höhepunkt, als das Leibchen durch den Strumpfhaltergürtel und die Wollstrümpfe durch Nylonstrümpfe abgelöst wurden. Jetzt war man plötzlich Frau. Man zeigte der Freundin den Strumpfrand, wenn der in besonderer Form gestaltet war und unterhielt sich über den Strumpfhaltergürtel.
    Unvorstellbar, dass heutige junge Mädchen sich für so etwas begeistern könnten.

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